Sie berichten heuer aus London zum 23. Mal von Olympischen Spielen in Ihrer Karriere. Welche war Ihre Lieblingsveranstaltung?
Richard Garneau: Natürlich die in der Heimat, Montreal 1976. Für mich dauerten sie nicht nur zwei Wochen, sondern zehn Jahre, weil ich schon 1966 bei der Vergabe in Rom dabei war. Da setzte sich Montreal gegen Los Angeles und Moskau durch. Dann ging die Vorbereitung los. Diese Spiele habe ich wirklich gelebt, und obwohl die Veranstaltung für die Stadt sehr teuer war, war sie sportlich ein großer Erfolg. Gut gefielen mir noch Barcelona 1992 und Sydney 2000. Wenn es um Winterspiele geht, waren die beiden Olympiaden in Innsbruck, 1964 und 1976, die besten. Innsbruck ist einfach ein hervorragender Ort für so ein Event.
Bei Olympischen Spielen stellt immer ein bestimmtes Unternehmen das Bildmaterial für die weltweiten Fernsehübertragungen bereit. Bevor dies in den Neunzigerjahren das Olympic Broadcasting Service übernommen hat, bekam früher jeweils ein heimischer Sender diesen Auftrag. Wie war das 1976, als Sie diese Verantwortung hatten?
Ich war damals schon Kommentator, musste mich also nicht direkt damit beschäftigen. Aber wir hatten den klaren Auftrag, neutrale Bilder zu liefern. Kein Land darf überrepräsentiert werden, wenn es um die Fernsehbilder geht, die alle Sender weltweit nutzen wollen. Die Kommentare dazu machen dann die Länder selbst. Ich glaube, es gab 1976 keine großen Schwierigkeiten, neutrale Bilder zu liefern. Das war jedenfalls mein Eindruck.
Aber zur Zeit des Kalten Krieges war es doch prinzipiell schwierig, diesem Neutralitätsgebot gerecht zu werden.
Manchmal war das sogar unmöglich. Über die Sommerspiele 1980 in Moskau haben wir wegen des Boykotts des Westens überhaupt nicht berichtet. Wir sind leider nicht einmal angereist, was ich sehr schade fand. So hatten wir in Kanada keine Information darüber, was bei den Olympischen Spielen passierte. Vier Jahre später kamen die Spiele dann nach Los Angeles, die erste richtig kommerzialisierte Olympiade. 1984 war die Berichterstattung auch sehr amerikanisch. Die Erfolge der US-amerikanischen Athleten wurden vom nationalen Auftragnehmer schon überbetont. Die Bilder waren nicht ausgewogen.
Es ist doch grundsätzlich ein Problem, wenn ein einziges Unternehmen das Bildmaterial für die ganze Welt bereitstellt. Die Zuschauer in Kanada haben etwa nicht das gleiche Interesse wie jene aus Jamaika.
Vor allem bei der Leichtathletik kann das ein Problem sein, wenn in einem Stadion mehrere Wettkämpfe gleichzeitig ausgetragen werden. Während du den 5000-Meter-Lauf im Fernsehen zeigst, kannst du zum Beispiel einen Hammerwerfer verpassen, der gerade den Weltrekord aufstellt. Mit der Möglichkeit, Wiederholungen zu bringen, ist das Problem heute natürlich reduziert. Aber grundsätzlich bleibt es bestehen. Zum Beispiel könnten Krawalle in einer Stadionkurve bewusst nicht gezeigt werden, weil es ein schlechtes Bild auf die Veranstaltung wirft. Aber damit wir zeigen können, was wir brauchen, haben wir bei RDS (Réseau des Sports, frankokanadischer Sportsender, Anm.) zusätzlich unsere eigenen Kamerateams dabei.
Das Recht, zusätzlich zu dem vom Veranstalter bereitgestellten Bildmaterial selbst zu filmen, ist aber nicht gerade billig.
Stimmt. Wenn Sie überlegen, dass der US-amerikanische Sender NBC insgesamt mehr als eine Milliarde US-Dollar für seine exklusiven Übertragungsrechte bezahlt hat, ist schon klar, dass das ein teurer Spaß ist. Aber du brauchst eben deine eigenen Kameras, um auch die Sportler zeigen zu können, an denen die heimischen Zuschauer interessiert sind. Unsere Zuschauer wollen zum Beispiel die Frankokanadier sehen. Die müssen wir einfach ins Bild bekommen. Sonst könnte ich auch nicht so passend dazu kommentieren.
Viele Journalisten klagen, dass der Zugang zu den Athleten schwieriger geworden ist.
Die sind heute viel weniger greifbar als früher. Meine ersten Olympischen Spiele waren 1960 in Rom. Da konntest du noch einfach zu den Sportlern hingehen und alle möglichen Fragen stellen. Heute dürfen die Athleten nicht mehr alles sagen, unter anderem wegen ihrer Sponsoren. Es ist auch viel schwieriger, ins Olympische Dorf zu kommen. Gute Interviews sind nicht mehr so einfach zu kriegen.
Das liegt auch an der Kommerzialisierung der Spiele, die mit London ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hat.
Klar. Ich sehe das sehr kritisch. Das Geld ist natürlich gut für vieles, aber die journalistische Arbeit kann darunter leiden. Printjournalisten müssen hier 180 Pfund für Internetzugang zahlen. Aber eben auch die Berichterstattung selbst kann betroffen sein, wenn nicht mehr so frei gesprochen wird.
Gleichzeitig ist die journalistische Arbeit heute einfacher als je zuvor, sagen viele ältere Kollegen. Teilen Sie die Meinung?
Na ja, 1960 in Rom gab es zum Beispiel bei den Wettkämpfen manchmal keine Startlisten. Da hast du viel leichter Fehler gemacht, wenn du den Ausgang eines Rennens nicht richtig erkennen konntest. Es gab auch nicht unbedingt Wiederholungen, die dir das Leben heute leichter machen. Du musstest dich damals auch viel länger auf so ein Event wie Olympia vorbereiten, weil du nicht jedes Stück an Information schnell im Internet nachsehen konntest. Heute gibt es im Medienzentrum auch Massagesalons und einen Friseur. Das hatten wir früher alles nicht, dafür muss heute alles viel schneller gehen.
Bereitet Ihnen die Geschwindigkeit des heutigen Journalismus in Ihrem Alter Schwierigkeiten?
Ich bin jetzt 81. Den Athleten hinterherlaufen wie früher kann ich nicht mehr. Deswegen sitze ich im Olympiastadion oben auf der Tribüne und kommentiere. Im Wintersport mache ich auch nicht mehr die Skiabfahrt in der Kälte, sondern Eiskunstlauf von der Reporterkabine aus. Aber sonst komme ich mit den Neuerungen klar. Mein iPad kann ich gut bedienen.
Richard Garneau wurde 1931 im kanadischen Quebec geboren. Als Sportjournalist hat er von 23 Olympischen Spielen berichtet. Verpasst hat er seit 1960 nur die Spiele in Moskau (1980), Albertville (1992), Atlanta (1996) und Nagano (1998). Aus London berichtet er für den frankokanadischen Sender RDS. Soeben wurde er vom Internationalen Sportjournalistenverband AIPS für seine olympische Berichterstattung ausgezeichnet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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