Für Homer Simpson, den sympathischen Kernkraftwerker aus der US-Durchschnittsidylle Springfield, war die TV-Welt einst noch in Ordnung. „Ohne Fernsehen kann ich nicht beurteilen, wann ein Tag endet oder anfängt“, sagte er. So ein Leben nach der Fernsehuhr ist nicht mehr möglich: 24 Stunden Programm sind heute ein Muss; das ORF-Testbild gibt es noch als T-Shirt-Aufdruck oder Bildschirmschoner. Fernsehen ist immer – und bald auch überall. Doch wer meint, die TV-Stationen würden nun zum Zieleinlauf ansetzen, der irrt. Konkurrenten wie Google, YouTube oder Apple setzen zum Überholen an. Umso mehr fühlen sich RTL und ProSiebenSat1 vom Bundeskartellamt behindert, das eine gemeinsame Videoplattform der Privatsender stoppte: Mit „Amazonas“, so der Arbeitstitel, würden diese ihre ohnehin marktbeherrschende Stellung weiter ausbauen.
Google wächst zum TV-Anbieter heran
Während also RTL und ProSiebenSat1 die Hände gebunden sind, plant Google munter den Ausbau seines YouTube-Angebots zur Online-Videothek: 700 Filme stehen zunächst zur Auswahl – für 4,99 Euro in HD-Qualität, 3,99 Euro im Standardformat, ältere Titel gibt es deutlich billiger. Und das ist noch nicht alles: Google wächst zu einem ernstzunehmenden Fernsehanbieter heran. Mehr als hundert TV-Kanäle sollen noch 2012 auf Googles Videoportal online gehen, die auf meist junge Zuschauergruppen zielen: Modefreaks, Tanzfans, Comedy-Aficionados. Noch ist das Angebot auf Internet, Smartphones und Tablet-PCs beschränkt. Im September aber kommt die Set-Top-Box für Google TV auf den deutschen Markt. Die Box rüstet herkömmliche TV-Geräte um Smart-TV-Funktionen auf und ermöglicht so, Fernsehen und Internet auf dem TV-Gerät zu verschmelzen – dann kann man mit dem alten Fernseher bei YouTube geborgte Filme anschauen, im Internet surfen und Apps für Spiele, Musik, Sport oder Nachrichten abrufen.
Smart-TV verändert das Nutzerverhalten
Der nächste Schritt sind eigene TV-Geräte, in denen die Verschmelzung von Fernsehen und Internet integriert ist – 2015 werden 60 Prozent aller verkauften Geräte solche Smart-TVs sein, prognostiziert Goldmedia. Sie werden das Nutzerverhalten verändern, denn wenn man einschaltet, kommt nicht automatisch ein TV-Kanal. Vielmehr wird die Benutzeroberfläche jener des Smartphones gleichen – mit vielen Apps, von denen nur eines zum klassischen Fernsehen führt, andere zu YouTube, Facebook oder zur Wettervorschau. Bis hin zur Videokonferenz – dem neuesten Coup von Google. Mit dem Videochat „Google+ Hangouts“ können sich bis zu zehn Personen vor ihren Computern treffen, per Livestream miteinander sprechen und das Gespräch auch aufzeichnen. Die „Huffington Post“ setzt die Technik bereits für ihre TV-Talks ein.
Bei so viel Aktivität darf der Konkurrent nicht schlafen: Laut „Wall Street Journal“ verhandelt Apple derzeit mit den größten Kabelanbietern der USA, um Live-Fernsehsendungen über seine Set-Top-Box anbieten zu können. Bisher können über Apple TV nur Medieninhalte wie Videos oder Fotos vom eigenen Computer oder aus dem Internet auf dem Fernsehgerät angezeigt werden. Doch die Kabelbetreiber zögern. Sie hätten Angst, das gleiche Schicksal zu erleiden wie Plattenfirmen und Telefongesellschaften: Apple diktiert die Bedingungen.
Die TV-Sender leiden unter der zunehmenden Konkurrenz.
Ein Beispiel für die Krise ist News-Pionier CNN. Denn wer braucht heute noch 24-Stunden-Nachrichten, wenn man das Neueste sofort via Alarmmeldung oder Twitter auf dem Handy lesen kann, wenn die interessantesten Videos zum aktuellen Weltgeschehen auf YouTube die Runde machen? CNN habe im zweiten Quartal 2012 die geringsten Zuschauerzahlen seit 1991 gehabt, berichtet das Berliner Institut für Medien- und Kommunikationspolitik. Vor allem bei 25- bis 54-Jährigen verliere der Sender an Relevanz: „Die jüngeren Werbezeitverkäufer großer Unternehmen kennen CNN und seine prominente Stellung in der Medienlandschaft der 1990er-Jahre oftmals nicht mehr und buchen keine Werbeslots.“
24-Stunden-Nachrichten-TV ist obsolet
Das Konzept des 24-Stunden-Nachrichtenkanals sei „in Zeiten des Internets teilweise obsolet“, analysiert das IfM. Noch ein Problem: CNN sei – im Gegensatz zu den Konkurrenten Fox News und MSNBC – nicht auf einer politischen Seite, sondern bemühe sich um Neutralität. Aber genau das will die Generation Internet, die von den Breaking News ohnehin über ihre Sozialen Netzwerke erfährt, gar nicht: Sie will vom Fernsehen (und von den Printmedien) Meinungen, die helfen, die Information einzuordnen. CNN brauche „neues Denken“, meint Jim Walton – er ist seit zehn Jahren CNN-Präsident. Mit Jahresende gibt er auf.
Auch die „Simpsons“ – die erfolgreichste US-TV-Serie – leiden unter dem härteren Wettbewerb. Der US-Sender Fox, der sie seit 1989 produziert, wollte 2011, nachdem die Seherzahlen um ein Fünftel geschrumpft waren, die Gagen für die Sprecher um 45 Prozent reduzieren und drohte, „keine weiteren Staffeln zu produzieren“. Man einigte sich dann doch – für zwei Jahre. Dann muss Homer wieder einmal um seinen Job zittern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)

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