23.05.2013 08:07 Merkliste 0

Antisemitismus: Eine Hakennase ist (k)eine Hakennase

22.08.2012 | 18:37 |  BETTINA STEINER (Die Presse)

Nicht die auf seiner Facebook-Seite gepostete Karikatur sei antisemitisch, meint H.-C. Strache – vielmehr seien seine Kritiker rassistisch. Über harmlose Zeichen und ihre nicht harmlosen Nebenbedeutungen.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Und der Jud mit krummer Ferse,/ Krummer Nas und krummer Hos'/ Schlängelt sich zur hohen Börse,/ Tiefverderbt und seelenlos“, schrieb einst Wilhelm Busch. In Deutschland erlebte der Antisemitismus gerade einen seiner Höhepunkte, und bei Busch kommt die „krumme Nase“ nicht nur einmal vor: Auch seine Figur Schmulchen Schiefelbeiner stattet der Autor mit einer solchen aus – und die Zeichnung wirkt als Verstärkung: Die Nase nimmt fast das ganze Gesicht ein.

Man muss weiter in die Vergangenheit zurückgehen, wenn man sich mit den jüngsten Aussagen von FPÖ-Chef H.-C. Strache auseinandersetzen will: Nicht die auf seiner Facebook-Seite gepostete Karikatur, meint er, sei antisemitisch; vielmehr machten sich gerade jene des Rassismus schuldig, die ihm Antisemitismus vorwürfen, weil sie annähmen, der Banker stelle einen Juden dar – nur weil er eine Hakennase trüge. „An all jene, welche dann auch noch Nasen einer Karikatur optisch nach ihrer Herkunft einzuteilen versuchen, sei gesagt, dass dies die zutiefst abzulehnende Form von Rassismus ist“, erklärt Strache auf Facebook.

 

Krumme Nase, krumme Dinge

Nun bedeutet eine Hakennase tatsächlich zunächst einmal – gar nichts. Die nach außen gebogene Variante ist eine der vielen Formen, die das menschliche Riechorgan annehmen kann. Nimmt man die Worte, die das Deutsche für diese Form der Nase kennt, stellt sich das ganz anders dar, hier kann man schon ermessen, welche Bedeutungsfelder sich auftun: Einerseits sprechen wir von der „Römernase“, die an Julius Cäsar erinnert, und von der „Adlernase“, mit denen Dichter gern jene Männer ausstatten, die Tatkraft und Scharfsinn in sich vereinen. Hier wird die Nase zum Zeichen für einen edlen Charakter. Auf der anderen Seite kennen wir die Hakennase und die „krumme“ Nase. Im Wörtchen krumm ist die negative Konnotation schon angelegt: Krumme Ferse, krumme Hose, krumme Nase, wie Busch es dichtet – da sind die krummen Geschäfte, die krummen Dinge, die gedreht werden, nicht weit.

Wie kam es nun aber dazu, dass jeder – ob Antisemit oder nicht – automatisch annimmt, die Facebook-Karikatur zeige einen jüdischen Banker? Nun: Auch eine gezeichnete Nase ist zunächst nur die Abbildung einer körperlichen Variante. Eine Nase ist eine Nase. Damit sie zum Indexzeichen werden kann, damit eine gebogene Nase also erstens als krumm und zweitens als jüdisch wahrgenommen wird, bedarf es massiver und anhaltender Eingriffe, konkret braucht es eine jahrhundertelange Praxis der antisemitischen Karikatur.

Wie geht das vor sich? Zum einen muss das willkürlich als Ausdruck für Judentum gewählte Element der gebogenen Nase konsequent von anderen, nicht willkürlichen Bildelementen begleitet werden: Schläfenlocken etwa. Frühe Karikaturen zeigen sie häufig. So wird der Konnex mit dem Judentum geschaffen. Zum anderen ist das Bild – das hat etwa der Semiotiker Umberto Eco nachgewiesen – anfangs auf erläuternde Textbausteine angewiesen; wofür die Hakennase stehen soll, muss also erst erklärt werden, und zwar so lange, bis das Bild darauf nicht mehr angewiesen ist – es ist zum kollektiven Symbol geworden. Dann muss es nur regelmäßig im richtigen Referenzrahmen auftauchen, damit es wirksam bleibt.

Der richtige Rahmen im aktuellen Fall: Das ist zunächst ganz prinzipiell die Form der Karikatur, außerhalb einer Karikatur bedeutet eine Hakennase nach wie vor nichts. Das ist weiters die Profession des Mannes – er ist Banker, wie schon der Jude bei Wilhelm Busch, der sich zur Börse „schlängelt“. Und damit nicht genug, werden seine Ärmel von Knöpfen geziert, auf denen – so legt zumindest die Vergrößerung nahe – Davidsterne eingeprägt sind.

Dazu muss man noch wissen, dass Hakennase und Davidstern-Knöpfe nachträglich hinzugefügt worden sind. Die Zeichen sind also keine zufälligen, sondern absichtsvoll gesetzte Zeichen (so wie die in Lehrbüchern des Strukturalismus oft erwähnte Pistole, die im ersten Kapitel des Krimis an der Wand hängt). Ein so absichtsvoller und zielgerichteter Eingriff lässt keinen Zweifel an der Deutung, dass es sich um eine antisemitische Karikatur handelt.

Das ist wohl auch Strache klar, der ein altes Spiel spielt: Er tut, als verwende er Zeichen ohne Nebenbedeutung, obwohl er weiß oder wissen müsste, dass sie als komplexe kulturelle Zeichen, als kollektive Symbole funktionieren: Die Ostküste ist nicht nur ein geografischer Raum – sondern dient als Metapher für das „jüdische Finanzkapital“. Und drei ausgestreckte Finger sind eben nicht einfach Finger, die für die Zahl drei stehen („drei Bier“), sondern können im entsprechenden Setting als Neonazi-Gruß verstanden werden. Wobei diese Geste zeigt, dass neue Codes geschaffen werden können, wenn die alten strafrechtlich verfolgt werden. Einfacher ist da allemal: Man benutzt alte Symbole gerade so deutlich, dass sie erkannt werden, aber noch nicht verboten sind. Es ist ein schmaler Grat.

Auf einen Blick

Auf Straches Facebook-Seite wurde eine Karikatur gepostet, die einen gefräßigen Banker mit Hakennase zeigt, der von der Regierung angefüttert wird, während das Volk am selben Tisch hungert. Später stellte sich heraus, dass der Banker auf der ursprünglichen Karikatur keine Hakennase hatte – auch die Davidsterne am Ärmel fehlten. Die Staatsanwaltschaft wurde aktiv.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

126 Kommentare
 
12 3 4
Gast: Sekundant
24.08.2012 09:51
0 1

eine willkommene Ablenkung.

kommen doch die größten Israel-und Judenhasser hierzulande aus dem linken Loch.

Wann kommt Österreich ohne Antisemitismus?

Vielen Dank Frau Steiner für diese subtile Zusammenfassung: "Man benutzt alte Symbole gerade so deutlich, dass sie erkannt werden, aber noch nicht verboten sind. Es ist ein schmaler Grat." Wir entschuldigen uns für diese Vorkommnisse bei allen österreichischen Juden. Das Werk unserer Gruppe: "Ist Antisemitismus heilbar?" ( http://goo.gl/ic8vw ) bleibt leider aktuell.

Gast: tsaG
23.08.2012 19:21
6 2

Judentum und Finanzsektor

Einen Bankier als Juden darzustellen, is in meinen Augen genau so verwerflich, rassistisch und weithergeholt, wie einen amerikanischen NBA Spieler als schwarzen darzustellen.

Witzig, wie alles was im deutschsprachige Raum mit dem Judentum in verbindung gebracht, und NICHT ZU 100% POSITIV ist, als Antisemitisch dargestellt wird.

Faschismus und Bolschewismus waren furchtbar, aber "political correctness" und dem damitherkommen NEUSPRECH und DOPPELDENK wird unserer aller Untergang sein.

ich zeige ihnen ein beispie für doublethink:

man poste aus parteipolitischen gründen ein antisemitisches bild und wenn sich jemand aufregt erklärt man: moment mal - die von mir publizierte hakennase wird von ihnen als vorurteil interpretiert.

schön bei der wahrheit bleiben. sie ist der untergang der fpö.

Re: Judentum und Finanzsektor

Unser aller Untergang?
Ihrer vielleicht...

hier ein interessanter artikel aus der "zeit", dem ich vollinhaltlich zustimme.

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-08/oesterreich-strache-antisemitismus/komplettansicht

Antworten Gast: Anna B.
23.08.2012 19:48
2 3

Re: hier ein interessanter artikel aus der "zeit", dem ich vollinhaltlich zustimme.

Danke für den lesenswerten Artikel

Beschämend, welches Bild Österreich in anderen Ländern abgibt.
Die Freiheitlichen nennen sich immerzu "Patrioten", aber ausgerecht sie ziehen unser Österreich ständig in den Dreck.

Gast: alles Rassisten, oder?
23.08.2012 16:53
3 1

Rassismus pur, oder?

Ich verstehe nicht warum das alles so schlimm sein soll.
Schaut euch bitte an wie Obama aktuell Wahlkampf macht ("Romney Girl").
Da trifft es halt die Schweiz. Ist Obama nun ein Rassist?

Antworten Gast: Norn
24.08.2012 09:52
0 1

Re: Rassismus pur, oder?

Das Romney Girl trägt ein Dirndl - daher fühlen sich die Schweizer auch nicht betroffen :-)

Gast: huuuuuuuuuiiiiiiiiiiiiiii
23.08.2012 14:27
6 6

verstohlen-rumnazln-ducken-auf-den-rücken-legen-und-wimmernd-medienhetze-rufen

man sollte einen begriff für dieses effenmuster finden und aufzeichnungen führen, wie oft das feige dodelspiel pro jahr gespielt wird.


Gast: tu felix ignorantia
23.08.2012 13:46
8 9

Mein Gott, ist das blöd ...

Womit hat sich Österreich einen solchen polternden, immer etwas zu aufgeregten und zugleich komplett ungebildeten "Politiker" wie Strache eigentlich verdient?
Zwar reimt sich Patriot auch auf Idiot, aber warum muß dieser Vollkoffer sich soviel Mühe geben, auch noch anderen auf die Nerven gehen?
Die Sozialverlierer, die nicht einmal wissen, was das Judentum ist, aber trotzdem oder gerade deswegen ein Feindbild und Sündenbock gefunden haben, sollten vielleicht mal ein Blick in ein Buch werfen statt sich auf facebook ihre Arbeitslosenzeit zu vertreiben.

Mein Gott, ist das blöd ...

"...muß..." - falsch
"...muss.." - richtig

Wörter bitte nur verwenden, wenn man auch weiß, wie man sie schreibt. Danke.

Antworten Antworten Gast: Norn
24.08.2012 09:51
0 0

Re: Mein Gott, ist das blöd ...

Deswegen Gott anzurufen grenzt an Blasphemie (Für Vain inc: Gotteslästerung)

tjo

wenn die argumente ausgehen, bleibt einem halt nur mehr das rechtschreib-trolling.

Gast: Hermann vom Gipfel
23.08.2012 13:45
2 4

Strache sollte Internetverbot bekommen und von allen Blogs gesperrt werden


Antworten Gast: de nada
23.08.2012 19:37
4 0

Re: Strache sollte Internetverbot bekommen und von allen Blogs gesperrt werden

Gehn's nach China, da gibts genügend Internet-Verbote.
Das Internet passt eben nicht die linke Gedankenwelt der Gesinnungsdiktatur.

Gast: GiordanoBruno
23.08.2012 13:41
5 3

Fettnäpfchenblues

Anhand dieser Causa merkt man wieder dass Strache ohne elterliche Aufsicht eigentlich keine Politik machen dürfte. Es ist auf einen Blick erkennbar dass es sich bei dieser Karikatur um eine antisemtische Hetze handelt. Aber schuld sind natürlich die anderen, wie immer. Und die Freiheitlichen sind die armen, armen Opfer.

8 6

Verantwortlich: Herbert Kickl

Natürlich ist die Hakennase Absicht, und verantwortlich für dieses Detail ist HERBERT KICKL, das ist ganz typisch sein Stil. Genauso wie das Wort "Odal" im "Türkencartoon" bei der Wien-Wahl, und andere Details.

Kickl ist intelligent, belesen, hat Geschichte genau studiert, denkt analytisch und strategisch. Gleichzeitig ist er ein ekelhafter, verschlagener Typ, der vermutlich frustriert ist und ständig mit 'subtilen' Aktionen seine Umwelt terrorisiert.

Ein typischer Schreibtischtäter, der im Hintergrund sitzt und die Fäden zieht.

Ich glaube sogar, dass Strache das alles gar nicht richtig durchschaut, sondern eine Marionette von Kickl ist.

Antworten Gast: Anna B.
23.08.2012 19:52
1 1

Re: Verantwortlich: Herbert Kickl

Sehr gut erkannt.
Strache ist nur die Fassade der Partei.
Macht sich besser auf Wahlplakaten.

Antworten Gast: Bademeisterin
23.08.2012 16:50
2 0

Re: Verantwortlich: Herbert Kickl

"denkt analytisch und strategisch. Gleichzeitig ist er ein ekelhafter, verschlagener Typ" - Genau diese Attribute benötigt die österreichische Innenpolitik!

Es ist aber auch ein altes Spiel,

Dinge in Sachen hineinizuinterpretieren, nur weil es jemand Bestimmter gesagt hat!

FPÖ Jungwähler...

Also, wir hören ja immer, der HC. wird von recht vielen jungen Leuten geschätzt und gewählt, und ich wage auch zu behaupten, dass die rund 100.000 "Freunde" auf Facebook großteils UNTER 25 Jahre sind.

Die blöde, klischeebeladene, rassistische Karrikatur (oder wie immer man das nennen will) wurde auf Facebook gepostet - also für junge Publikum.

Wieviele der jungen FPÖ Anhänger/ Interessierten wissen mit der Hakennase als Symbol für den "ewigen" Juden was anzufangen? Wieviele schauen auf die Manschettenknöpfe und sagen dann: "Oida, ur leiwand, der meint ja das jüdische Bankenmonpol - jetzt hat er meine Stimme sicher...!" - und wieviele sehen einfach die Regierung das Essen vom Bürger zur Bank verschieben.

Nochmal, die Karrikatur war ein Schei*, aber es wird mal wieder vergeblich gegackert...

Wer glaubt wirklich, dass Strache das absichtlich gemacht hat?

Die Zeitungen stellen diese Sache so hin, als würde Strache hier versuchen, seinen rechtsextremen Anhängen Zeichen zu geben - völliger Blödsinn!

Das ist doch jedem klar: Der Strache hat diese Karikatur von einem (vermutlich wirklichen) Antisemiten bekommen und selbst nur die offensichtliche Botschaft gesehen: "Banken = böse".
Sehr naiv, so etwas ohne genauere Betrachtung zu verbreiten, aber auch schon nicht mehr als das.

Antworten Gast: Gastastast
23.08.2012 22:11
0 0

Re: Wer glaubt wirklich, dass Strache das absichtlich gemacht hat?

Immer sind die andern Schuld, ge? Grauenhaft ist das!

Strache ist ein erwachsener Mann und hat demnach moralisch wie auch juristisch für seine Taten geradezustehen! Kennen Sie den Satz "Unwissenheit schützt vor Strafe nicht"? Eine Person des öffentlichen Interesses, wie er es nun einmal ist, kann nicht einfach unreflektierterweise Sachen nachplappern, reposten oder sonst wie veröffentlichen ohne mit eventuellen Konsequenzen zu rechnen. Es ist sehr wohl seine Aufgabe eine solche Darstellung auf Doppeldeutigkeiten zu überprüfen. Demnach ist auch dieser Hergang nicht mal eine schlechte Ausrede.

Abgesehen davon glaube ich nicht, dass es so war.

Antworten Gast: mehr logos
23.08.2012 15:27
2 3

Das hat nichts mit Naivität zu tun!

Wenn man solche Codes nicht erkennt, ist man zumindest ungebildet, wenn man so was aus rechtsextremen Quellen bezieht, ist man dumm, als Politiker (der ja gscheit sein soll) zählt das doppelt. Wenn man das dann noch ohne Überprüfung weiterverbreitet, ist man mehrfach dämlich, für einen Politiker zählt das wieder doppelt (weil man ja Steuergeld für ordentliche politische Arbeit bekommt, nicht für ungeprüftes Nachäffen).

Fehlt nur noch zu überlegen, ob man jemanden, der so was trotz ausreichender Information auch noch mit seiner Wählerstimme unterstützt, bemitleiden soll..

Antworten Gast: sehr naiv
23.08.2012 13:32
3 2

Re: Wer glaubt wirklich, dass Strache das absichtlich gemacht hat?

sehr naiv ihre annahme, aber auch schon nicht mehr als das.

 
12 3 4