Precht: "In der Philosophie geht es nicht um Wahrheiten"

"Unter den Feuilletonisten habe ich ein schlechtes Image", sagt der deutsche Starphilosoph Richard David Precht. "Die Presse" sprach (trotzdem) mit ihm über den Zustand der Philosophie heute.

Precht Philosophie geht nicht
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Precht Philosophie geht nicht
(c) Dapd (Philipp Guelland)

Die Presse: Herr Precht, Sie machen so vieles. Neuerdings moderieren Sie auch eine eigene Philosophiesendung im ZDF. Was ist eigentlich Ihr Beruf?

R. D. Precht: Ich würde schon sagen: Autor und Philosoph. Ich bin definitiv kein Fernsehmoderator! Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich führe mit einem Gast ein Gespräch. Das ist etwas ganz anderes, und vor allem ist es viel schwieriger.

 

Welches Image glauben Sie unter Philosophen zu haben?

Ich kann nur von Philosophen sprechen, also von Hochschullehrern, die ich kenne. Da ist es sehr gut! Ich denke, in der Fachphilosophie gibt es einen Teil, der sich für mich überhaupt nicht interessiert. Der andere Teil sieht einen Vorteil darin, dass durch die populäre Vermittlung von Philosophie die Relevanz des Faches wieder zunimmt. Es gibt also Philosophen, die meinen, von dieser Entwicklung zu profitieren, oder sie leben in einem Paralleluniversum.

 

Wie sieht das aus?

Kucken Sie mal, wie Hochschulphilosophie in Deutschland aussieht! Die Hälfte aller Lehrstühle ist mit Historikern besetzt. Das heißt mit Leuten, deren Qualifikation darin besteht, sich in bestimmten Kapiteln der Philosophiegeschichte sehr detailreich auszukennen. Sie stellen im Regelfall keine gegenwartsbezogenen Fragen, denken darüber auch gar nicht nach. Ich erinnere mich noch, wie ich meinen Professor an der Uni, eine Koryphäe für Kant und Hegel, gefragt habe, ob die Hegelsche Dialektik stimmt, ob die Weltgeschichte tatsächlich dialektisch verfasst ist. Er hat mich angesehen, als hätte ich ihm unterm Tisch aufs Knie gefasst. Für ihn eine völlig unlautere Frage. Darüber hatte er noch nie nachgedacht!

 

Und die andere Hälfte?

Die andere Schiene sind die elaboriertesten Hochschulphilologen, Vertreter der analytischen Philosophie. Die lösen die Fragen dieser Welt in Scheinfragen auf oder untersuchen sie sprachlogisch. Der analytische Philosoph betreibt keine Moralphilosophie, sondern er denkt darüber nach, wie andere sie betreiben, er nimmt deren Logik auseinander. Das ist eine Metawissenschaft. Das heißt: Die erste Gruppe hat den Gegenwartsbezug verloren, die zweite den Gegenstandsbezug. Letztgenannte kann keine klaren Äußerungen über die Realität machen, die noch spannend sind. Es gibt nur wenige lobenswerte Ausnahmen. Das ist das Grundproblem, das Dilemma an unseren Universitäten.

 

Und welche Art von Philosoph sind Sie?

Weder bin ich Experte in bestimmten Kapiteln der historischen Philosophie, noch bin ich ein ausgewiesener Fachmann in analytischer Philosophie. Mein Spezialgebiet ist die Relation von Biologie und Kultur, das ist mein philosophischer Kernbereich, in dem ich auch Fachaufsätze schreibe. Evolutionstheorie und Emergenztheorie, das interessiert mich sehr.

 

Ihr Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ verstehen Sie als eine Einführung in die Philosophie, ergänzt mit Ergebnissen aus Hirnforschung, Psychologie, Verhaltensforschung und anderen Wissenschaften. Reicht die Philosophie heute alleine nicht mehr aus, um Antworten auf existenzielle Fragen zu finden? Muss sie sich dafür der Naturwissenschaften bedienen?

Ja. Das ist die Zukunft. Die analytische Philosophie braucht Futter von außen. Philosophen wie Thomas Metzinger, den ich sehr schätze, beginnen, ihre Intelligenz auf biologische Fragen anzuwenden. Mit den Waffen der analytischen Philosophie befasst er sich mit Themen der Hirnforschung und schreibt viel Schlaueres als mancher Neurobiologe. Man darf nicht vergessen: Die Aufklärung war die letzte Zeit, in der man naturwissenschaftlich auf dem letzten Stand und zugleich Philosoph sein konnte. Mit der Entwicklung der Fachdisziplinen war das nicht mehr möglich. Deshalb hat sich die Philosophie aus den Naturwissenschaften zurückgezogen. Dennoch halte ich sie immer noch für zuständig. Jedenfalls müssen Philosophen bereit sein, sich mit den Ergebnissen, die andere Wissenschaften hervorbringen, auseinanderzusetzen.

 

Also hat die Philosophie in der Zeit der Spezialwissenschaften nur mehr die Funktion des Dirigenten?

So ist es. Die Philosophie ist Diskursvermittlerin. Sie soll den Menschen im Dickicht der Einzelwissenschaften Orientierungshilfe geben. Und noch eine Aufgabe hat sie: Die meisten Naturwissenschaftler, die ich kenne, philosophieren auf erstaunlich niedrigem Niveau. Sie haben ein sehr einfaches ontologisches Weltbild, eine Vorstellung von Realität, die in der Philosophie schon 2000 Jahre lang zerhackt, zerlegt und relativiert worden ist. Deshalb finde ich es sehr fruchtbar und interessant, die philosophischen Perspektiven in diese Fachbereiche einzubringen.

 

Das heißt, die Philosophie gibt den Naturwissenschaftlern ein wenig Nachhilfe; anderen Menschen hilft sie, sich im heutigen Wirrwarr zurechtzufinden. Das klingt einerseits überheblich, andererseits etwas feuilletonistisch und eher nach Philosophie als Lebenshilfe.

Ich bin sehr anti-feuilletonistisch von meinen Erkenntnisinteressen. Wenn ich mich mit der Frage beschäftige, wie aus Biologie Kultur entstehen kann, dann hoffe ich natürlich Lösungen zu finden. Spreche ich über Liebe, glaube ich, meine Annahmen sind deutlich plausibler als das verbreitete biologische Modell. Aber natürlich bin ich mir bewusst, dass es sich dabei nur um eine Zwischenetappe handelt. Der Schneeball rollt immer weiter. In der Philosophie geht es nicht um Wahrheiten, sondern um Plausibilitätsgewinne. Daran bin ich interessiert und damit unterscheide ich mich vom Feuilleton. Und, weil sie eingangs nach meinem Image gefragt haben, unter den Feuilletonisten habe ich ein schlechtes.

 

Und welches Image haben die Feuilletonisten bei Ihnen?

Das Feuilleton gerade der jüngeren Generation ist ein Stilfeuilleton. Es ist sehr beeinflusst vom Dekonstruktivismus. Es geht den Leuten darum, übers Ziel nachzudenken und mit Formen rumzualbern. Plausibilitätsgewinne sind da selten gewollt. Da hat sich in den letzten 30 Jahren sehr viel verändert. Das Feuilleton ist unernster geworden, wie die ganze Gesellschaft.

Zur Person

Richard David Precht, geboren 1964 in Solingen, Deutschland, ist Philosoph und erfolgreicher Autor populärwissenschaftlicher Bücher (z.B. „Die Kunst, kein Egoist zu sein“). Seit September 2012 präsentiert er im ZDF-Fernsehen die philosophische Sendereihe „Precht“. Zur Eröffnung der „Nachhaltigkeitstage“ des Rewe-Konzerns kam er nach Wien und hielt das Impulsreferat mit dem Titel „Gemeinsam an morgen denken“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)

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