Wie schnell und unkompliziert Übersiedlungen entschieden und durchgeführt werden können, zeigten zuletzt gleich zwei Medienunternehmen: Sowohl der Privatsender Puls4 als auch die republikeigene „Wiener Zeitung“ haben im August ein neues Büro bezogen. Es mag Zufall sein – oder gerade bei der Zeitung eben nicht –, dass beide ihre neue Heimat dort gefunden haben, wo auch der (zugegeben viel größere und damit behäbigere) ORF beinahe gelandet wäre: in St. Marx. Denn die Stadt Wien, der das Gelände des ehemaligen Schlachthofes im dritten Bezirk gehört, wünscht sich den öffentlich-rechtlichen Sender schon länger als Mieter.
Und tatsächlich sah es einige Zeit so aus, dass die mächtige Wiener SPÖ ihren Wunsch erfüllt bekommen werde, doch vor einigen Wochen hat sich plötzlich der Wind gedreht. Denn die noch mächtigere Bundes-SPÖ hat andere Prioritäten. Aus Angst, ein ORF-Neubau in St. Marx könne zu einem Immobiliendebakel à la Skylink führen, wird nun in die andere Richtung Druck ausgeübt: Der ORF soll besser bleiben, wo er ist, nämlich auf dem Küniglberg in Hietzing. Eine seltene Einigkeit entstand da zuletzt zwischen den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, die ihnen noch ein wenig unheimlich zu sein scheint. Dazwischen saß mit Alexander Wrabetz der erst im Vorjahr wiederbestellte ORF-Chef und war zu keiner Entscheidung fähig.
Warum der Standort des ORF überhaupt so lange und breit diskutiert wird? Erstens, weil es der Öffentlichkeit eher nicht egal sein kann, wie viel Geld der mit jährlich rund 600 Millionen Euro Gebühren finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk für einen Umzug oder eine Sanierung des alten Büros ausgibt. Zweitens, weil das in den Sechzigerjahren errichtete Gebäude von Architekt Roland Rainer baufällig ist und daher rasch eine Entscheidung fallen muss. Die Mitarbeiter arbeiten bereits in Ausweichcontainern, die für die Dauer der Sanierung des Hauptgebäudes auf dem Parkplatz errichtet wurden. Und drittens, weil sich bei solchen Entscheidungen zeigt, wie durchsetzungsfähig ein Chef ist. Alexander Wrabetz ist es eher nicht.
Am Donnerstag stimmten die Stiftungsräte mit großer Mehrheit (und mit nur drei Enthaltungen aus dem Umfeld der Wiener SPÖ) für einen zentralen Standort am Küniglberg. Manchen war da zum Feiern zumute, Gelegenheit dazu gab es wenige Stunden später bei der Präsentation des ORF-Herbstprogramms. Endlich sei eine Entscheidung getroffen worden, sagten viele. St. Marx sei „momentan vom Tisch“, nennt es der grüne Stiftungsrat Wilfried Embacher. ÖVP-Stiftungsrat Franz Medwenitsch wird da schon konkreter und sagt: "Kein Neubau in St. Marx." Der im Vorfeld zwischen Stiftungsräten und Wrabetz abgestimmte Antrag über die Standortzukunft lautet nun so: Der ORF soll am Primärstandort Küniglberg einen zentralen, trimedialen Newsroom bauen, wenn es wirtschaftlich sinnvoll erscheint, soll auch das Funkhaus in der Argentinierstraße erhalten bleiben. In einem ersten Schritt wird der externe Berater Bert Müller, der schon den Umzug von RTL in Köln organisiert hat, ein Raum- und Funktionskonzept erarbeiten, das soll jedenfalls aber einmal losgelöst von einem konkreten Standort passieren. In einem zweiten Schritt wird ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Alle geplanten Überlegungen würden jedoch nur unter der Bedingung durchgeführt, dass Denkmalamt und Erben des Architekten Roland Rainer einem Umbau am Küniglberg zustimmen, sagte Wrabetz.
Freie ORFler: „Schändliche Entlohnung“
Auch wenn die Option St. Marx nun gestrichen ist, bleibt ein kleines Schlupfloch: Sollte die Neuaufstellung des ORF aus finanziellen oder bautechnischen Gründen an den bestehenden Standorten nicht möglich sein, könnte doch wieder nach einer Alternative gesucht werden – und die könnte eventuell St. Marx heißen. SPÖ-Stiftungsrat Josef Kirchberger jedenfalls nennt die Entscheidung einmal nur „vorläufig“, die Dinge könnten sich immer noch gravierend ändern. Und Wrabetz sagte in der Pressekonferenz nach der Sitzung, er werde die Option der Stadt Wien auf St. Marx jedenfalls noch bis Jahresende aufrechthalten. Die soll angeblich immerhin 20.000 Euro pro Monat kosten.
Während die Stiftungsräte nun einen Kompromiss fanden, erinnerten die freien ORF-Mitarbeiter in einem offenen Brief an die Geschäftsführung erneut an ihre prekären Beschäftigungsverhältnisse. Während der ORF Donnerstagabend sein Herbstprogramm „auf roten Teppichen, in eleganten Präsentationsräumlichkeiten und mit ansprechend dekoriertem Buffet“ präsentiere, sei „die Finanzierung des vorhandenen Programms noch immer nicht geregelt“, meinten sie. Es herrsche ein „soziales Ungleichgewicht im ORF“ und diese Wahrheit sei dem ORF wohl zumutbar. Die Geschäftsführung sah das freilich anders, Zeitpunkt und Wortwahl der Protestnote missfielen ihr. Es gebe wohl kein anderes Unternehmen, in dem Mitarbeiter das eigene Haus dermaßen brüskieren würden.
Weitere Entscheidungen in der Stiftungsratssitzung:
- Oliver Böhm, bisher Geschäftsführer von Radio 88,6, wurde als neuer Verkausleiter der ORF-Vermarktungstochter Enterprise bestellt.
- die ORF-Mutter befindet sich in der Vorausschau für das zweite Halbjahr in den roten Zahlen. Dies sei Folge der lauen Werbekonjunktur und laut Finanzdirektor Richard Grasl auch Folge der fehlenden Einigung mit dem Betriebsrat in Personalfragen. Er stellt eine Nulllohnrunde für 2013 in Aussicht.
- der Gleichstellungsplan wurde vorgestellt: In Bereichen, in denen Frauen unterrepräsentiert sind, soll der Frauenanteil auf 45 % erhöht wird.
- der barrierefreie Zugang zu den ORF-Programmen wird ausgebaut, drei Millionen Euro werden dafür investiert.
- der Vertrag mit der Verwertungsgesellschaft AKM wurde auf zehn Jahre verlängert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14. September 2012)

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