Meist wird es mit Schnelllebigkeit zu erklären versucht, dass man nicht immer all jene würdigen oder zumindest erwähnen kann, die sich einen Namen gemacht oder – um es etwas pathetischer zu formulieren – um dieses Land verdient gemacht haben. Gelegentlich fällt auch viel an. Da gilt es Fünfziger zu feiern, Sechziger zu würdigen, Siebziger zu erwähnen. Und dann stockt es schon. Und dass jemand 90 Jahre alt wird, verbindet sich gelegentlich mit der in eine Feststellung gekleideten Frage: „Was, der lebt noch?“
Nun ist es bei Herbert Krejci so weit. Und er erfüllt alle Kriterien: Er hat sich einen Namen gemacht, hat sich besondere Verdienste erworben und ist neunzig Jahre alt geworden. Daher findet man ihn wohl auch schon häufiger in biografischen Lexika als in den Spalten der Tagespresse, wo er lange Jahre eine ungeheure Präsenz hatte. „Kurier“-Außenpolitik – das war Herbert Krejci; „Die Industrie“, das war „seine“ Zeitschrift, deren Chefredakteur er war.
„Die Presse“ – das war in besonderem Maß Herbert Krejcis Forum. Er hat unzählige Artikel geschrieben, Bücher zur Publikation gebracht und das Tagesgeschehen mit immer zitierbaren Kommentaren begleitet. Hätte man ihn freilich in jungen Jahren gefragt, was er einmal werden wollte, hätte er vielleicht gesagt: Offizier.
Der Motor auf dem Schwarzenbergplatz
Nach seiner Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft verdingte er sich 1946 als Nachtportier, gehörte dann der amerikanischen Information Service Branch an, wechselte als Redakteur und schließlich Ressortleiter für Außenpolitik zum „Wiener Kurier“. Dann wurde er 1956 in die Industriellenvereinigung geholt, die bis 1992 sein Lebensinhalt war. Zunächst als Pressereferent, dann als Leitender Sekretär, ab 1980 als Generalsekretär, und wie man in der Vereinigung Österreichischer Industrieller selbst formulierte: Er war der „Motor“ der Vereinigung und residierte in dem Haus auf dem Schwarzenbergplatz, das vergangenes Jahr hundert Jahre alt geworden ist.
Krejci machte Rundfunksendungen, war ein gesuchter Vortragender und Diskussionsredner, wurde von Politikern geschätzt und gefürchtet, denn er nahm sich meist kein Blatt vor den Mund. Nach seiner Pensionierung waren der Verbund-Konzern und die VA Technologie AG, deren Aufsichtsratsvorsitzender er war, weitere Stationen seines Lebens.
Die Republik hat nicht vergessen ihn zu ehren, wobei ihn der Professorentitel wohl am meisten gefreut hat, denn damit wurde sehr wohl eine herausragende intellektuelle Leistung gewürdigt. Ein erfülltes Leben also.
Hätte man Krejci noch vor zwei Jahren gefragt, ob er sich je einsam gefühlt hat, so würde er sicherlich verneint haben. Seit dem Tod seiner Frau vor etwas mehr als einem Jahr ist das anders geworden. Seit damals hat auch das Wort vom „thinking about the unthinkable“ für ihn eine neue Bedeutung erfahren. Für Nachrufe ist es aber noch entschieden zu früh.
Manfried Rauchensteiner
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)

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