Die klassische Fernsehnutzung verändert sich. In den USA wurden im Juli 75,5 Millionen Kommentare in sozialen Netzwerken registriert, die sich auf Fernsehinhalte bezogen, wie die Firma Bluefin Labs ermittelt hat. Die Zahl ist regelrecht explodiert, was der Vergleich mit dem gesamten Jahr 2011 beweist: Damals wurden insgesamt nur 8,8 Millionen Kommentare zum Fernsehprogramm gezählt.
Langsam aber stetig reagieren Fernsehsender, Drehbuchautoren und die Werbeindustrie auf diese neue Mediennutzung, die im Fachjargon „Social TV“ genannt wird. Während im Fernsehen eine Serie, eine Talkshow oder ein Sportereignis läuft, versammeln sich interessierte, durchwegs kritische Zuseher auf der digitalen Couch namens Twitter oder Facebook. In Deutschland gewinnen die speziellen Social-TV-Plattformen Couchfunk oder Zapitano, in denen Nutzer an Diskussionen zu bestimmten Shows und Serien teilnehmen können, an Popularität. Die deutsche Firma Goldmedia ermittelt wöchentlich die beliebtesten Sendungen in einem Social-TV-Ranking – auf Platz eins rangiert dort seit Wochen die Daily Soap „Berlin – Tag & Nacht“.
Minderheit meldet sich zu Wort
In den USA beginnen Drehbuchautoren das kritische Social-Media-Publikum zumindest zu beobachten, wie das „Wall Street Journal“ Anfang der Woche berichtete. Immer mehr Film- und Serienproduzenten würden versuchen, etwa aus Twitter-Kommentaren gewisse Vorlieben für Charaktere oder den Fortgang einer Geschichte herauszulesen. Zu viel Bedeutung wollen Filmstudios den TV-Kritikern auf Twitter und Facebook noch nicht geben. Es sei immer noch eine Minderheit der Fernsehnutzer, die sich hier zu Wort melde. Wie die Statistik zeigt, sind für die 75,5 Millionen Kommentare im Juli lediglich acht Millionen Menschen verantwortlich, in den USA gibt es aber 115 Millionen Haushalte mit TV-Anschluss.
Social TV ist längst auch in Österreich weit verbreitet und gerade für Fernsehsender eine erfreuliche Entwicklung. Denn es scheint vielen TV-Konsumenten wieder lieber zu sein, eine Nachrichten- oder Diskussionssendung oder sogar eine Schaltung aus dem Parlament in Echtzeit und nicht später in einer Mediathek oder auf Youtube anzusehen. Die Freude und Lust am unmittelbaren Kommentieren und Lästern über die auftretenden Personen macht das Fernsehen wieder interessanter.
Während der Nationalratssitzung über den Fortgang des U-Ausschusses am Mittwoch war die Dichte an Kommentaren via Twitter besonders hoch. Auch die Tatsache, dass der Normalbürger dort so leicht und schnell mit Politikern, Pressesprechern und Journalisten ins Gespräch kommt, macht dieses Netzwerk immer beliebter.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

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