Sind Österreichs Journalisten Weiterbildungsmuffel oder Streber?
Daniela Kraus: Weder noch. Es zeigt sich aber, dass es kaum eine Tradition für Weiterbildung gibt. Das hat Folgen: Man kommt gar nicht auf die Idee, dass im Unternehmen Bereitschaft besteht, Fortbildungen zu unterstützen – das muss erst langsam in Gang kommen.
Aber die Bereitschaft ist grundsätzlich da?
Bei denen, die ein bisschen zeitgemäßer denken, schon. Doch die häufigste Reaktion, die ich bekomme, ist: „Ich mache meinen Beruf schon so viele Jahre, ich muss nichts mehr lernen, aber ich komme gern und unterrichte.“ Das höre ich allerdings fast ausschließlich von Männern. Und viele Journalisten sagen zu Recht, ich bin ohnehin jeden Tag mit etwas Neuem konfrontiert, ich will nicht wieder etwas lernen.
Es gibt in Österreich bereits einige Aus- und Weiterbildungsstätten für Journalisten, etwa die FH Wien, das Kuratorium für Journalismus in Salzburg. Hat es überhaupt noch eine weitere gebraucht?
Retrospektiv gesehen kann ich sagen: Es kommen Leute in die Kurse, deswegen wird es wohl Bedarf geben. Für Weiterbildung, wie wir sie anbieten, war noch eine Nische frei.
Alle Medienhäuser suchen derzeit nach Lösungen, Print und Online zu integrieren. Haben Sie Ratschläge?
Man sollte miteinander kommunizieren – und nicht glauben, dass es eine einzige, gültige Anleitung dafür gibt, wie das funktionieren soll.
Hat es Sinn, dass alle Mitarbeiter eines Mediums alle Kanäle bespielen?
Nein. Aber es sollten alle Mitarbeiter einer Marke wissen, welche Kanäle es gibt, über die sie verbreitet wird, und wie diese funktionieren. Wer sich nicht für Online interessiert, ist unzeitgemäß.
Brauche ich für Innovationen in einem Newsroom immer viel Geld?
Ja.
Das heißt Krisenzeiten sind schlechte Zeiten für Innovationen?
Eines der großen Missverständnisse bei der Integration von Print und Online ist, dass es dabei immer ums Einsparen geht. Das mag ein Ziel sein, aber durch eine bessere Abstimmung zwischen verschiedenen Redaktionen eines Medienhauses können vor allem Ressourcen freigemacht werden – und damit Zeit für Leute, die nachdenken und Innovationen entwickeln. Wichtig wäre eine viel stärkere Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen eines Medienunternehmens, etwa zwischen Technik, Redaktion und Grafik beim Thema Datenjournalismus. Oder zwischen kaufmännischer Seite, Journalismus und Technik. Das passiert viel zu wenig nach meiner Beobachtung.
Es gab vor der Gründung des FJUM Kritik, die SPÖ würde sich mit der Förderung dieses Programms Einfluss auf Journalisten erkaufen. Was halten Sie da dagegen?
Erstens, indem ich ein gutes Program mache, autonom und unterstützt durch einen Beirat unabhängiger Journalisten. Und zweitens kommt das Geld von der Stadt Wien, nicht von der SPÖ.
Das heißt, Sie schließen aus, dass Parteien oder die Stadt Wien Einfluss auf Programm oder Vortragende des FJUM nehmen?
Ja. Es soll mir jemand anhand des Programms das Gegenteil beweisen.
Ist es in Ordnung, dass die Politik Journalismusfortbildung finanziert?
Darüber kann man natürlich diskutieren. Aber sie würde sonst nicht stattfinden. Und genauso kann man auch die Presseförderung hinterfragen, das ist auch eine staatliche Förderung.
Wie finanzieren sich Institute in anderen Ländern, wie den USA?
Die großen Einrichtungen in den USA, wie das Poynter Institute oder die Knight Foundation, werden durch Stiftungen finanziert. In Deutschland gibt es viele Modelle, die von einzelnen Medien oder Verbänden von Medienunternehmen finanziert werden, oder es sind Parteiakademien. Von Medienunternehmen in Österreich ging da nie eine Initiative aus, da hätte man sich zusammenschließen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen können. Aber unsere Basisfinanzierung ist nur bis 2014 sichergestellt. Alle Medien sind herzlich eingeladen, ab dann einen Jahresbeitrag zu zahlen.
Was muss ein moderner Journalist heute jedenfalls können oder wissen?
Er muss sich in seinem Fachgebiet gut auskennen, über Journalismus und Medien Bescheid wissen und das Handwerk können, also Techniken des Recherchierens, Aufbereitens, Vermittelns. Und er sollte sich über die Folgen seines Handelns bewusst sein, also ethische Fragestellungen kennen und diskutiert haben.
Da war kein Wort von digitalem Know-how.
Ganz bewusst nicht. Wenn ein Journalist sein Handwerk beherrscht, muss er natürlich wissen, wie man in einer Online-Datenbank über Google hinaus recherchiert oder wie man eine Geschichte online oder für Tablets aufbereiten kann. Natürlich muss er auch beobachten können, ob seine Geschichte gerade auf Twitter explodiert. So funktioniert Kommunikation im 21. Jahrhundert. Die vielleicht wesentlichste Fähigkeit ist eine gewisse Vorliebe für Veränderung. Wer Veränderung hasst, ist im Journalismus der Zukunft aufgeschmissen. Ein Plan, wie man mit Twitter strategisch umgeht, ist in zwei Jahren alt.
Viele Vortragende des FJUM kommen aus dem Ausland. Was erstaunt die an der Austro-Medienlandschaft am meisten?
Wie wenig professionalisiert der Beruf ist. Das heißt, wie wenig Ausbildung es gibt und wie wenig fixe Standards.
Woran liegt das?
Professionalisierung heißt eben auch, gewisse Standards einzuführen, und das hat schnell den Beigeschmack von Kontrolle – und die ist für den Journalismus natürlich eine Bedrohung.
Mit der neuen Reihe „Take away“ startet das FJUM in den Herbst. Darin werden praktische Dinge für den Redaktionsalltag gelehrt, wie das eigene Maileingangsfach effizienter gestalten (18.10.), Facebook (6.11.) und Twitter (12.12.) besser verstehen, jeweils 17–21 h, einzeln (je 115 €) oder alle fünf Kurse (zu je 80 €).
Weitere Kurse: Interviewtraining mit Guido Meyn (23. u. 24.11.), Internationaler Investigativjournalismus mit T. Christian Miller, Senior Reporter bei Pro Publica (Jänner 2013).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)

Filmstarts der WocheSpannung mit Ryan Gosling, ''Seelen'' von Stephenie Meyer
Linda McCartneys FotosRetrospektive der Chronistin der Sixties
GekürtDie besten Fernsehserien
Lucky LukeWilder Westen im Karikaturmuseum Krems