Die Presse: Heute starten die 19. Medientage. Haben Sie heuer weniger Zusagen bekommen als sonst?
Hans-Jörgen Manstein: Nein.
Das hätte sein können. Ihr Kommentar zur Amtsmissbrauchsjournaille hat im Februar viele aus der Branche vor den Kopf gestoßen. Darin haben Sie den „sogenannten investigativen Journalisten" vorgeworfen, unsauber und an der Grenze zur Legalität zu recherchieren. Sie seien Beitragstäter, die Beamte zu Geheimnisverrat anstiften. Was hat Sie so erzürnt, dass Sie so einen Kommentar schreiben konnten?
Auslöser war ein Chefreporter eines Magazins, der damals in einer ORF-Diskussionsrunde einen Stick in die Kamera hielt und behauptete, er habe darauf 1,8 Millionen E-Mails gesammelt - und keiner hat gefragt, woher er die hat. Niemand wollte wissen, ob er sie rechtmäßig bekommen hat. Ich wollte aufzeigen, dass wir Medien immer schnell urteilen, aber manchmal auch mit unrechtmäßigen Mitteln arbeiten.
Sie haben gleichermaßen Zustimmung wie Ablehnung auf diesen Kommentar erhalten.
Ich habe sehr viel Zustimmung bekommen, aber auch negative Reaktionen. Sogar von Freunden, die mir gesagt haben : „In diesem Punkt liegst du falsch." Und die Facebook- und Twitter-Generation hat harsche Kritik geübt.
Kritik an Ihrem Text hagelte es auch, weil Sie alle Investigativreporter über einen Kamm scherten und damit einem Berufsbild, das ohnehin vom Sparzwang bedroht ist, unrecht taten.
Auch wenn es die Medien immer schwerer haben, muss ich Geschichten nicht mit unrechtmäßigen Mitteln aufdecken.
Was macht Sie so sicher, dass hier so oft unrechtmäßige Methoden angewendet werden?
Wenn mir ein Akt von wo auch immer zugespielt wird, dann ist das unrechtmäßig. Ich selbst habe vor Jahrzehnten die Badener Verträge zugespielt bekommen, jene Papiere, mit denen die Mediaprint gegründet wurde. Und ich habe sie wieder zurückgegeben.
Warum?
Weil sie auf meinem Schreibtisch nichts verloren hatten. Das sind Gesellschaftsverträge zwischen den Gründern der Mediaprint. Ich werfe anonyme Hinweise weg. Wenn ich eine Information bekomme, möchte ich wissen, welche Person dahintersteht. Ich muss wissen, von welcher Schräglage ist das.
Eine Recherche endet aber noch nicht bei einem anonymen Hinweis, man könnte damit weiterrecherchieren.
Ja, aber ich halte es so. Anonyme Hinweise werfe ich weg.
Tut Ihnen der Kommentar leid?
Nein. Es war richtig, den Artikel zu schreiben. Manch scharfe Formulierung würde ich heute vielleicht weglassen.
Kritik gab es auch, weil Sie Alfred Worm oder die „Watergate"-Aufdecker Bob Woodward und Carl Bernstein verteidigt haben. Dabei haben auch sie einen Gutteil ihrer Informationen von frustrierten Staatsanwälten oder FBI-Agenten zugespielt bekommen.
Ja, aber dahinter standen immer Menschen. Bei Watergate war ein Mann des FBI dahinter, wieder nicht anonym. Und der Worm war gut vernetzt, und ich weiß, dass er sehr viele Dinge unter dem Siegel der Verschwiegenheit erhalten hat, aber er hat recherchiert. Die Problematik ist, dass das Recherchieren heute etwas verloren geht.
Das liegt aber vor allem am Zeitdruck.
Ja, und daran, dass die Redaktionen ausgedünnt sind. Das muss man alles berücksichtigen. Diesen Punkt habe ich zum Beispiel nicht in meinen Kommentar geschrieben - das hätte ich erwähnen müssen.
Wie soll Aufdeckerjournalismus denn nun aussehen?
Investigativer Journalismus ist wahnsinnig wichtig. Wenn wir davon sprechen, dass wir die vierte Gewalt im Land sein wollen, dann müssen wir schonungslos aufzeigen, was da alles passiert ist. Aber es muss mit fairen Mitteln passieren.
Nach welchem Ehrenkodex arbeiten Sie und Ihre Redakteure in Ihren Medien?
Meine Redakteure können frei arbeiten. Es kommt vielleicht einmal im Jahr vor, dass ich zu meinen Chefredakteuren gehe und Sie um etwas bitte. Und schon das ist einmal zu viel.
Wie beurteilen Sie die Vorwürfe gegen Werner Kanzler Faymann und Staatssekretär Josef Ostermayer?
Es war per se ein Fehler, dass man einen Unterausschuss gemacht hat. Solche Sachen gehören vor ein Gericht - und wenn das Gericht befindet, dass eine Person angeklagt werden muss, dann soll es das tun, egal, welche Funktion die Person hat.
Gut, nun gibt es aber einen U-Ausschuss. Soll der Kanzler dort aussagen?
Wenn die Staatsanwaltschaft etwas entdeckt, unbedingt. Wenn das nur eine lauwarme Suppe ist, never.
Das Motto der diesjährigen Medientage ist „Visionen". Wie sind Sie darauf gekommen?
Wir sind eine visionslose Gesellschaft, vor allem haben wir eine visionslose österreichische Regierung, und auch in Gesamteuropa sind Visionäre sehr rar. Irgendetwas ist krank in unserer Gesellschaft, ich kann noch nicht orten was. Natürlich kommen derzeit viele Faktoren zusammen, wie die Finanz- und Eurokrise. Das Problem ist: Die Rezepturen der Vergangenheit funktionieren nicht mehr.
Was versprechen Sie sich dann von den Medientagen?
Die Medien sollten die Wirtschaft und die Politik ein bisschen mehr vor sich hertreiben. Wenn die Medien, die derzeit wie die Politik stillstehen, einen Bauchaufschwung wagen würden, könnte sich etwas ändern.
Einige Medien, wie „Die Presse" und die „Kleine Zeitung", äußern durchaus laut Kritik am Vorgehen rund um den Untersuchungsausschuss.
Ja, es gibt Medien, die nicht käuflich waren. Das ist lobenswert. Nur erreichen die zusammen vielleicht 20 Prozent der Österreicher. Das ist zu wenig.
Das heißt, Ihr Appell geht an die Reichweitenstarken Medien, „Krone", „Heute", ORF?
Das Problem an diesen Medien ist, dass ihr wirtschaftlicher Nährboden auch die Politik ist. Das ist das Unerträgliche daran.
Sie besitzen keinen Computer. Können Sie gewisse Entwicklungen wie das Wachsen der sozialen Medien oder die Entwicklung der eigenen Homepage beobachten und einschätzen?
Das ist richtig, nur wenn ich auf Reisen gehe, verwende ich ein iPad. Ich bin schon sehr durch die sogenannten „Old Media" geprägt. Ich lese täglich sechs bis sieben Tageszeitungen, davon drei internationale.
Auch der „Horizont" baut seinen digitalen Auftritt aus. Wie sehen Sie die Zukunft von Fachmedien wie Ihren?
Noch haben wenige Verlage die Rezeptur gefunden, wie man Old und New Media vereinen kann. Wie das funktionieren soll, hat die nächste Generation in meinem Haus zu bestimmen. Jeder Input, den meine Geschäftsführung und meine Chefredaktionen vorgeben oder mit mir diskutieren wollen, fällt auf fruchtbaren Boden. Ich kann das nicht erfinden, das müssen junge Leute machen. Wir haben einen jungen Kollegen mit 26 Jahren, der uns da auf dem Laufenden hält.
Wenn Sie heute noch ein Magazin gründen würden, welches wäre das?
Die Märkte sind besetzt. Es ist heute wahnsinnig schwierig und teuer, Medien in den Markt zu setzen. Ich habe in Zukunft nichts dergleichen vor.
Wie geht es Ihrem Verlag wirtschaftlich?
Wir haben auch in unserem Haus den Gürtel um eine Öse enger geschnallt.
Hans-Jörgen Manstein
In welchem Bereich?
Wir sind wahrscheinlich der Verlag mit dem höchsten Pro-Kopf-Konsum pro Mitarbeiter, weil bei uns die Redakteure Kaffee und Mineralwasser gratis bekommen. Bei all diesen Kleinigkeiten wird die Schraube ein bisschen angesetzt werden. Aber es wird mir auch weiterhin wichtig sein, dass jeder Mitarbeiter gerne ins Büro kommt. Tut er das nicht, lässt er die Leistung außerhalb des Hauses liegen. Aber meine Mitarbeiter haben die Zusage von mir, dass ich keine Kündigungen ausspreche. Dafür verlange ich mehr Engagement. Wir haben immer Krisen überwunden, manchmal besser, manchmal schlechter. Ich bin ein alter Hase. Das heurige Jahr ist das schwierigste, seitdem ich selbstständig bin.
Wie sind da noch Visionen möglich?
Wenn wir von Visionen sprechen, müssen wir Eitelkeiten und persönliche Befindlichkeiten hintanstellen. Wer gestern noch Feind war, kann morgen schon Partner sein. Und auch wenn wir eine Medienpluralität brauchen, gibt es in manchen Bereichen zu viele ähnliche Medien, die am Werbekuchen naschen. Ich muss mich auch verabschieden können von etwas. Etwa weil es meine anderen Medien am Wachstum hindert.
Wer hat derzeit Visionen in der Branche?
Zum Beispiel Eugen Russ und sein Vorarlberger Medienhaus. Auch Horst Pirker war für mich immer ein Visionär - er hat schon vor 15 Jahren von Content Companies gesprochen. Aber Visionäre können auch fallen. Wer Visionen hat, hat leichter Misserfolg als einer ohne. Daher würde ich mir mehr Risikofreudigkeit von den Medien erwarten. Auch wenn ich weiß, dass das in Zeiten wie diesen für viele Verlage ein Fremdwort ist.
Die 19. Medientage werden am Dienstag in der Stadthalle mit einem Referat von Jean Ziegler eröffnet. Thema der Tagung: Visionen. Zeitgleich findet die Medien-Messe-Migration statt, die der Verein M-Media organisiert.

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