Damals, Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-Jahre, in den Jahren des großen europäischen Umbruchs und der noch größeren Hoffnungen, formte sich bereits Friedrich Orters Rolle des journalistischen Sehers und des fast schon brutalen Realisten.
In den Lokalen der Bäckerstraße, die sich vorübergehend zu einer Art Wiener Fleet Street entwickelt hatte, stand "Fritz" Orter, stets begleitet von Ehefrau Roswitha, an der Bar und berichtete über seine düsteren Vorahnungen, was die weitere Entwicklung Jugoslawiens betrifft. "Aber nein doch", wiegelten serbische und kroatische Kellner ab. 1991 begann es in Jugoslawien gewaltig zu krachen - und Orter war mittendrin, als der Vielvölkerstaat in blutigen Kämpfen in mehrere nationale Teile zerfiel.
Heute ist sein letzter Arbeitstag oben auf dem Küniglberg, er wird noch einmal in der "ZiB 24" zu Gast sein. Eine der letzten echten Bildschirmpersönlichkeiten des Aktuellen Dienstes geht in Pension. Ein ganz schwerer Verlust für das Haus. Denn Orter, der in seiner ORF-Karriere von 14 Kriegsschauplätzen in Europa, im Nahen Osten und in Zentralasien berichtet hatte, wirkte stets ehrlich und authentisch. Die Leute mögen ihn.
"Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar", zitiert Orter gern seine Landsfrau Ingeborg Bachmann. Selbst wenn er über unerträgliche Unmenschlichkeiten berichten musste, hielt er sich an das journalistische Hauptgebot, die Wahrheit zu suchen und zu vermitteln. Verdientermaßen wurde er deshalb mit Journalistenpreisen überhäuft.
Journalismus ist sein Leben. Und obwohl er schon 63 ist, hätte er wohl noch weitergemacht. Aber dann ist im Vorjahr seine Roswitha gestorben, die ihm in all dem erlebten Elend und Leid der Welt stets Halt gegeben hat. Er müsse aufhören, weil mit dem Tod seiner Frau "etwas weggebrochen" sei, sagte er selbst. Auch das "typisch Fritz". Wir verneigen uns tief vor diesem hochanständigen Kollegen.
(B.B.)

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