Im Jahr 1996 änderte der US-Kabelfernsehen-Pionier HBO wieder seinen Slogan: „It's Not TV. It's HBO.“ Üblicherweise wechseln solche Werbezeilen etwa im Zweijahrestakt, aber diese blieb bis 2009. Und das schien nur angemessen: Denn genau in dem Zeitraum wurde die „Qualitätsserie“ zum Begriff, der weltweit für Furore sorgte. Und kein Sender stand so sehr für quality television wie HBO.
Mit David Chase's epischer Mafioso-Serie „The Sopranos“ (1999–2007; sechs Seasons bzw. 86 Folgen zu insgesamt 83 Stunden) lancierte der Sender auch jene Show, die als Flaggschiff des neuen Qualitätsfernsehens galt. Das ausufernde Format erlaubte erzählerische Breite und Komplexität sowie einen psychologischen Reichtum, der alsbald Vergleiche mit der Great American Novel nach sich zog.
TV als Comédie humaine. Die HBO-Serie „The Wire“ (2002-2008) war noch ambitionierter und nicht so erfolgreich beim Publikum, zementierte aber endgültig die Stellung von Qualitätsfernsehen bei Kritik und Akademikern. Plötzlich war das Adjektiv dickensian in aller Munde: Was wie eine erstaunlich zurückgenommene Polizeiserie begonnen hatte, erweiterte sich stetig zum großen Gesellschaftsporträt anhand der Stadt Baltimore. Den Höhepunkt erreichten Schöpfer und Autor David Simon und sein Team in der dritten und vierten Staffel. (Die fünfte und letzte wurde auf Senderanweisung reduziert: Man musste deutlich leiser treten.) Da war ein so vielschichtiges soziales Netzwerk mit zahlreichen Figuren etabliert, dass es keine üblichen Protagonisten mehr gab, sondern eine vielstimmige Comédie humaine mit Dutzenden von gleichwertigen Charakteren, die den Eindruck erweckte: Eine Stadt erzählt sich selbst.
Dickens und Dealer. Obwohl die Qualitätsserie auch endgültig beweist, dass diese Form von TV – anders als Kino – ein vom Schreiber dominiertes Medium ist, zeigten Simon und sein Team (sehr qualitätsfernsehtypische) Selbstironie, was Ambitionen und literarische Vergleiche angeht: In der vierten Staffel resümierte ein Drogendealer knapp: „I'm standing here like an asshole, holding my Charles Dickens.“
Bei aller Ironie: In der letzten Dekade hat das Fernsehen in vielerlei Hinsicht dem Kino den Rang abgelaufen. Ursprünglich mag der Slogan „It's Not TV. It's HBO“ suggeriert haben, dass man mehr als Fernsehen, wenn auch vielleicht nicht Kino kriegt. Mittlerweile liest es sich fast, als würde etwas Besseres als Kino geboten. Das legen auch die nachfolgenden Werbezeilen nahe: Ab 2009 hieß es: „It's More Than You Imagined. It's HBO.“ Seit 2009 überhaupt nur mehr schlicht: „It's HBO.“
Nicht nur dank der in Langform möglichen erzählerischen Tiefe hat das Qualitäts-TV Hollywoods Filmproduktion überrundet. So wie parallel im Komödienfach längst die besseren Sitcoms gescheitere Pointen bieten als Traumfabrik-Comedys, so haben die seriösen (dabei oft sehr humorvollen) Serien intelligentere Ansätze als die selbst ambitionierteren Hollywoodfilme. Ganz zu schweigen von den dominanten Blockbustern, die vor allem auf den Teenagermarkt zugeschnitten sind.
Und wo für das Kino behäbig in jahrelanger Vorlaufzeit entwickelt wird, kann sich die zügige, fortlaufende Serienproduktion auch aktualitätsbezogen engagieren. Aaron Sorkins NBC-Serie „The West Wing“ (1999–2006) etwa erzählte als Parallelgeschichte zur politischen US-Gegenwart von einer fortlaufenden Clinton-Administration in die Bush-Ära. Doch als Reaktion auf den 11.September2011 entstand binnen einer Woche eine Sonderfolge zu 9/11: Sie lief bereits am 10.Oktober. Nicht nur solche Freiheiten machen die Serienproduktion besonders. Die Qualitätsserie verdankt sich Umbrüchen in der US-TV-Landschaft: Regulierungsmaßnahmen der US-Regierung zur Konkurrenzförderung gegenüber den drei großen Sendern NBC, CBS und ABC förderten in den 1970er-Jahren unabhängige Stationen und Kabelfernsehen: Auch HBO gibt es seit 1975.
Verweigerung des Seriellen. Als unter Präsident Reagan wieder wild dereguliert wurde, hielt sich dennoch das entstandene stabile System von Produktion und Distribution, das aufwendige und außergewöhnliche Nischenprodukte ermöglichte. „Twin Peaks“, mitentwickelt vom damals angesagten Regisseur David Lynch, war ein wichtiger Vorläufer: zwar kurzlebig (1991–1992), aber ein einflussreiches Kultprodukt. Der buchstäblich serielle Charakter alter Shows wurde zusehends ausgehebelt: Man setzte auf mehrere Seasons umspannende Handlungsbögen statt auf abgeschlossene, unabhängig konsumierbare Episoden oder die Cliffhanger-Struktur klassischer Krimiserien wie „The Fugitive“ („Auf der Flucht“, 1963–1967), wo im höchsten Spannungsmoment am Ende der Folge abgebrochen wird. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Fox-Serie „24“ nutzt dieses Prinzip im Exzess – fast ununterbrochene Adrenalinschub-Countdowns.
Und zeitgleich entstand ein entsprechendes, verändertes Sehverhalten: alles am Stück, dank DVDs und Internet-Streaming (nur in den USA laufenden Serien können so mitverfolgt werden, im Original). Gerade Letzteres wird aber Auswirkungen haben. Die letzte Dekade war ein goldenes Zeitalter, als HBO-Hits von den „Sopranos“ bis hin zu „Game of Thrones“ (seit 2011) auf bemerkenswerte Konkurrenz aus allen Ecken stießen. Medienriesen wie ABC („Lost“, 2004–2010) setzten ebenso auf das Format wie kleine Kabelsender („Mad Men“ von AMC, seit 2007), sogar der lange für Trash berüchtigte Sci-Fi-Channel hob plötzlich Qualitätsware wie „Battlestar Galactica“ (2004–2009) aus der Taufe. Eben räumte bei den Emmys die neue Terrorserie „Homeland“ der CBS-Tochter Showtime ab. Noch haben Qualitätsserien ein Heimatland im Fernsehen, aber die Sender klagen über die spürbare Krise – gerade bei Kabelabonnenten gibt es Rückgang. Und der Weg in die Zukunft multimedialer Plattformen ist ungewiss: eigentlich ein guter Serienstoff.
Hinweis: Der Pay-TV-Sender Sky bringt auf seinem Seriensender Sky Atlantic viele der HBO-Serien: Ab 4. Oktober startet die 5. Staffel von "Breaking Bad", jeweils Donnerstag, 21.10 Uhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)

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