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HBO & Co.: Wie das Fernsehen das Kino überholte

29.09.2012 | 18:07 |  von Christoph Huber (Die Presse)

Im Lauf der letzten Dekade wurde die "Qualitätsserie" zum geflügelten Wort: Shows wie "The Sopranos" oder "The Wire" wurden zum Inbegriff eines vielschichtigen, romanhaften Erzählens.

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Im Jahr 1996 änderte der US-Kabelfernsehen-Pionier HBO wieder seinen Slogan: „It's Not TV. It's HBO.“ Üblicherweise wechseln solche Werbezeilen etwa im Zweijahrestakt, aber diese blieb bis 2009. Und das schien nur angemessen: Denn genau in dem Zeitraum wurde die „Qualitätsserie“ zum Begriff, der weltweit für Furore sorgte. Und kein Sender stand so sehr für quality television wie HBO.

Mit David Chase's epischer Mafioso-Serie „The Sopranos“ (1999–2007; sechs Seasons bzw. 86 Folgen zu insgesamt 83 Stunden) lancierte der Sender auch jene Show, die als Flaggschiff des neuen Qualitätsfernsehens galt. Das ausufernde Format erlaubte erzählerische Breite und Komplexität sowie einen psychologischen Reichtum, der alsbald Vergleiche mit der Great American Novel nach sich zog.


TV als Comédie humaine.
Die HBO-Serie „The Wire“ (2002-2008) war noch ambitionierter und nicht so erfolgreich beim Publikum, zementierte aber endgültig die Stellung von Qualitätsfernsehen bei Kritik und Akademikern. Plötzlich war das Adjektiv dickensian in aller Munde: Was wie eine erstaunlich zurückgenommene Polizeiserie begonnen hatte, erweiterte sich stetig zum großen Gesellschaftsporträt anhand der Stadt Baltimore. Den Höhepunkt erreichten Schöpfer und Autor David Simon und sein Team in der dritten und vierten Staffel. (Die fünfte und letzte wurde auf Senderanweisung reduziert: Man musste deutlich leiser treten.) Da war ein so vielschichtiges soziales Netzwerk mit zahlreichen Figuren etabliert, dass es keine üblichen Protagonisten mehr gab, sondern eine vielstimmige Comédie humaine mit Dutzenden von gleichwertigen Charakteren, die den Eindruck erweckte: Eine Stadt erzählt sich selbst.


Dickens und Dealer. Obwohl die Qualitätsserie auch endgültig beweist, dass diese Form von TV – anders als Kino – ein vom Schreiber dominiertes Medium ist, zeigten Simon und sein Team (sehr qualitätsfernsehtypische) Selbstironie, was Ambitionen und literarische Vergleiche angeht: In der vierten Staffel resümierte ein Drogendealer knapp: „I'm standing here like an asshole, holding my Charles Dickens.“

Bei aller Ironie: In der letzten Dekade hat das Fernsehen in vielerlei Hinsicht dem Kino den Rang abgelaufen. Ursprünglich mag der Slogan „It's Not TV. It's HBO“ suggeriert haben, dass man mehr als Fernsehen, wenn auch vielleicht nicht Kino kriegt. Mittlerweile liest es sich fast, als würde etwas Besseres als Kino geboten. Das legen auch die nachfolgenden Werbezeilen nahe: Ab 2009 hieß es: „It's More Than You Imagined. It's HBO.“ Seit 2009 überhaupt nur mehr schlicht: „It's HBO.“

Nicht nur dank der in Langform möglichen erzählerischen Tiefe hat das Qualitäts-TV Hollywoods Filmproduktion überrundet. So wie parallel im Komödienfach längst die besseren Sitcoms gescheitere Pointen bieten als Traumfabrik-Comedys, so haben die seriösen (dabei oft sehr humorvollen) Serien intelligentere Ansätze als die selbst ambitionierteren Hollywoodfilme. Ganz zu schweigen von den dominanten Blockbustern, die vor allem auf den Teenagermarkt zugeschnitten sind.

Und wo für das Kino behäbig in jahrelanger Vorlaufzeit entwickelt wird, kann sich die zügige, fortlaufende Serienproduktion auch aktualitätsbezogen engagieren. Aaron Sorkins NBC-Serie „The West Wing“ (1999–2006) etwa erzählte als Parallelgeschichte zur politischen US-Gegenwart von einer fortlaufenden Clinton-Administration in die Bush-Ära. Doch als Reaktion auf den 11.September2011 entstand binnen einer Woche eine Sonderfolge zu 9/11: Sie lief bereits am 10.Oktober. Nicht nur solche Freiheiten machen die Serienproduktion besonders. Die Qualitätsserie verdankt sich Umbrüchen in der US-TV-Landschaft: Regulierungsmaßnahmen der US-Regierung zur Konkurrenzförderung gegenüber den drei großen Sendern NBC, CBS und ABC förderten in den 1970er-Jahren unabhängige Stationen und Kabelfernsehen: Auch HBO gibt es seit 1975.


Verweigerung des Seriellen. Als unter Präsident Reagan wieder wild dereguliert wurde, hielt sich dennoch das entstandene stabile System von Produktion und Distribution, das aufwendige und außergewöhnliche Nischenprodukte ermöglichte. „Twin Peaks“, mitentwickelt vom damals angesagten Regisseur David Lynch, war ein wichtiger Vorläufer: zwar kurzlebig (1991–1992), aber ein einflussreiches Kultprodukt. Der buchstäblich serielle Charakter alter Shows wurde zusehends ausgehebelt: Man setzte auf mehrere Seasons umspannende Handlungsbögen statt auf abgeschlossene, unabhängig konsumierbare Episoden oder die Cliffhanger-Struktur klassischer Krimiserien wie „The Fugitive“ („Auf der Flucht“, 1963–1967), wo im höchsten Spannungsmoment am Ende der Folge abgebrochen wird. Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Fox-Serie „24“ nutzt dieses Prinzip im Exzess – fast ununterbrochene Adrenalinschub-Countdowns.

Und zeitgleich entstand ein entsprechendes, verändertes Sehverhalten: alles am Stück, dank DVDs und Internet-Streaming (nur in den USA laufenden Serien können so mitverfolgt werden, im Original). Gerade Letzteres wird aber Auswirkungen haben. Die letzte Dekade war ein goldenes Zeitalter, als HBO-Hits von den „Sopranos“ bis hin zu „Game of Thrones“ (seit 2011) auf bemerkenswerte Konkurrenz aus allen Ecken stießen. Medienriesen wie ABC („Lost“, 2004–2010) setzten ebenso auf das Format wie kleine Kabelsender („Mad Men“ von AMC, seit 2007), sogar der lange für Trash berüchtigte Sci-Fi-Channel hob plötzlich Qualitätsware wie „Battlestar Galactica“ (2004–2009) aus der Taufe. Eben räumte bei den Emmys die neue Terrorserie „Homeland“ der CBS-Tochter Showtime ab. Noch haben Qualitätsserien ein Heimatland im Fernsehen, aber die Sender klagen über die spürbare Krise – gerade bei Kabelabonnenten gibt es Rückgang. Und der Weg in die Zukunft multimedialer Plattformen ist ungewiss: eigentlich ein guter Serienstoff.

Hinweis: Der Pay-TV-Sender Sky bringt auf seinem Seriensender Sky Atlantic viele der HBO-Serien: Ab 4. Oktober startet die 5. Staffel von "Breaking Bad", jeweils Donnerstag, 21.10 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)

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20 Kommentare
Gast: frank hat immer recht
02.10.2012 15:08
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Derzeit hängt

am Timesquare ein riesen Plakat zur HBO-Serie "Boardwalk Empire".
Werd ich mir sicher besorgen, vor allem weil ich auf am Schauplatz des Geschens "Atlantic City" war.

Gast: nixhomeland
01.10.2012 04:17
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Homeland Qualitätsserie?

Homeland in einer Rehie mit den Sopranos oder The Wire zu stellen ist doch absurd. Groteske Handlungszusammenhänge zur Aufrechterhaltung der Spannung, Kitsch pur...im Prinzip ein "intelligenteres" 24.
Trotz der angelblich implizierten Gesellschaftskritik, politisch sehr fragwürdig.


"Battlestar Galactica" hätte großartig sein KÖNNEN ...

... wenn man durch das billige Deus-Ex-Machina- Ende nicht die gesamte vorherige Handlung bedeutungslos gemacht hätte.

Daher ist von der Serie dringend abzuraten (wenn man nicht gerade ein tiefreligöser Mensch ist) - man ärgert sich am Ende über die verlorene Zeit.

Ansonsten aber guter Artikel und gute Serienauswahl - meist kranken solche Listen/Artikel daran, dass zumindest Sopranos oder The Wire fehlt - hier sind beide dabei ;)

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Rome!

Rome sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, die Serie war einfach nur genial, und bei weitem besser als die beiden Historien-Nachfolger The Tudors und The Borgias, wobei die auch durchaus sehenswert sind.

Und natürlich Political Animals in den letzten Wochen. So etwas würde ein Sender wie der ORF nie wagen zu produzieren.


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Re: Re: Rome!

Erwähnt ja, aber leider nur in einem Halbsatz.

1 1

9/11

11. september 2011 ?? und
Breaking Bad habt ihr auch vergessen.

Breaking bad...

nicht zu vergessen.

Re: Breaking bad...

Breaking Bad wurde nicht vergessen.

Printausgabe lesen.

Gast: hunter666
30.09.2012 11:40
2 0

da sollten einige US Serien nicht unerwähnt bleiben:

THE WALKING DEAD
DEADWOOD
BIG LOVE
SONS OF ANARCHY
ROME
AMERICAN HORROR STORY
....

ich empfehle......

....Dexter, Boardwalk Empire, Californication und Hell on Wheels.

Hell on Wheels spielt zur Zeit der Entstehung der Eisenbahn in Amerika. Ein Western Drama mit Colm Meany u.a. Großartig.....Dieses Wochenende startet die neue Staffel von "Dexter"....

Re: ich empfehle......

Dexter und Californication sind schon eher Mainstream-Serien. Boardwalk Empire ist gut, reicht aber leider nichtmal im Ansatz an (zB) die Sopranos heran, größere Handlungsbögen und ein klares Story-Konzept fehlen leider völlig. Schaue die Serie gerne, bin jetzt aber mittlerweile schon etwas enttäuscht.

Re: Re: ich empfehle......

Warum fehlt bei Boardwalk Empire ein größerer Handlungsbogen und ein Story Konzept?

Sie sollten sich mal in echte Story hinter der Serie einlesen.
Im Endeffekt ist die Geschichte dieser Zeit das Drehbuch der Serie.

Das ist ein riesiger Handlungsbogen und ein eindeutiges Konzept.

Ich finde die Serie ist sehr gut aufgebaut, in den ersten beiden Staffeln wurden die Personen positioniert, jetzt geht es so richtig los.

Nucky Thompson als Enoch Johnson, Lucky Luciano, Al Capone, Arnold Rothstein, Frankie Yale sind ja alles "echte" Personen dieser Zeit.

Ich glaube nicht, dass man sich bei Martin Scorsese als Co Producer sorgen machen muss.

Jimmy Darmody wurde ja nicht einfach so aus der Serie geschrieben, die Serie baut seit Mitte der 2. Staffel auf den Orginalfiguren dieser Zeit auf.

Re: Re: Re: ich empfehle......

Wie gesagt, ich finde BE gut, aber diese Serie in einer Top-4-Liste zu führen (nebst der anderen eher schwachen Beiträge) ist IMHO weit übertrieben.

BE hat weder die erzählerische Kraft der "Sopranos" noch die Tiefe eines "The Wire" und auch der Cast überzeugt mich, bis auf wenige Ausnahmen die ausschließlich die erste Reihe der Charaktere betrifft, wie Buscemi, Williams oder Graham, nicht sonderlich.

Aussergewöhnlich finde ich nur die Ausstattung und die Special Effects die für ein wirklich realistisches Atlantic City sorgen.

Nochmal: die Serie ist nicht schlecht, ich schaue sie auch weiterhin gerne, aber sie zählt definitiv nicht zu den Top-Vertretern.

Re: ich empfehle......

Auf Hell on Wheels habe ich mich sehr gefreut da Zeit und Story für mich gepasst hätten, war dann aber eher entäuscht.

Fällt meiner Meinung nach zu den HBO Produktionen schon ab, nicht schlecht aber ich habe mir mehr erwartet.

Neben Homeland, Boardwalk Empire und Game of Thrones kann ich noch The Pacific und Band of Brothers empfehlen.

Wie bei Filmen und Serien jedoch nur in der Orginalversion, es ist meiner Meinung nach ein Wahnsinn was in der synchronisierten Version immer "verloren geht".

Antworten Antworten Gast: Zustimmer
30.09.2012 11:54
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Re: Re: ich empfehle......

In der Tat! Englischsprachige Produktionen sehe ich mir immer in Originalvertonung an, Synchronisationen sind einfach nur grausam. Als zusätzlichen Bonus kann man so gleichzeitig sein Englisch verbessern.

Gast: gast1985
29.09.2012 20:04
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Habe 'Homeland'

verschlungen. Schon alleine wegen Claire Danes ;-)

Antworten Gast: stimme zu
29.09.2012 21:33
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Re: Habe 'Homeland'

Claire Danes ist wirklich eine hervorragende Schauspielerin!

Kann dem nur zustimmen

Fernsehen ist für mich weit wichtiger geworden als Kino. Ich bin bereit für Serien 30-40€ auszugeben um sie zu unterstützen.

Kino mit all seinen Allüren und Vergötterung der Stars kotzt die meisten mittlerweile an. Ich möchte junge nicht verbrauchte Gesichter sehen, ich möchte dass es die tiefe eines Buches hat.

Serien von HBO und Co(jene die aufspringen) kosten pro Folge bis zu 10Millionen Dollar. Das ist ein ganz schön großes Budget. Auch die Briten produzieren wunderbare Serien, wie auch andere europäische Länder, nur der deutschsprachige Raum scheint es nicht zu schaffen qualitativ hochwertiges zu produzieren. Lediglich Dokusoaps und Scripted Reality TV...

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Re: Kann dem nur zustimmen

Es sind doch weniger Allüren und Vergötterung der Stars als schlicht schlechte Schauspielerei zu einem schlechten Drehbuch.

Das im Artikel erwähnte "Game of Thrones" hat beides, exzellente Schauspieler und ein geniales Drehbuch (insofern als es kaum von der Romanvorlage abweicht). Dazu kommt die Möglichkeit, sowohl die Handlung als auch die Charaktere zu entwickeln, etwas das in einem zwei-Stunden-Film einfach nicht möglich ist... egal wie hoch das Budget ist.