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Krisenreporter: "Zurück in eine Kulissenwelt"

06.10.2012 | 17:53 |  von WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Drei Jahrzehnte berichtete Krisenreporter Friedrich Orter für den ORF, jetzt ging er in Pension. Mit der "Presse am Sonntag" spricht er über das Reisen zwischen Krieg und heiler Welt.

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Die Presse: Sie haben viele Jahre für den ORF aus Krisengebieten berichtet. Was hat sich seit den Achtziger- und Neunzigerjahren in der Kriegsberichterstattung verändert?

Friedrich Orter: Die Kriege haben sich verändert. Schon in Ex-Jugoslawien tauchten Paramilitärs auf. Das setzt sich jetzt im arabischen Raum fort, etwa in Syrien, wo ein Mischmasch entsteht aus Armee, Paramilitärs und Banditen. Auch die Berichterstattung hat sich verändert. Vor allem bei TV-Stationen, die 24 Stunden lang Nachrichten senden, bleibt kaum noch Zeit für Recherche. Stationen schalten hinaus zum Reporter, der oft weniger weiß als der in der Redaktion, der zuvor die Agenturen gelesen hat. Durch neue Technologien sind Produktionskosten für TV-Berichte gesunken. Aber alle Medienunternehmen müssen sparen. Und am meisten gespart wird bei Auslandsreisen. Deshalb kannst du durch 120 Kanäle zappen und siehst immer dasselbe Agenturmaterial. Nur noch große TV-Stationen leisten sich den Luxus, mehrere Korrespondenten auszusenden.

Auch der ORF schickt weniger Leute hinaus.

Natürlich sparen auch wir. Die Zahl der Auslandseinsätze hat sich verringert. Aber ich bin auch kein Träumer, der sich zurücksehnt nach den Zeiten der Osteuroparedaktion der Achtzigerjahre. Damals hatte der ORF unter Gerd Bacher eine Art missionarischen Auftrag. Wir hatten Zuschauer in Znaim, Brünn, Bratislava. Dann kam der Jugoslawien-Krieg, ein Krieg vor unserer Haustür, und der ORF hat viel in Berichte aus dem Krisengebiet investiert. Kosovo 1999 war noch ein großes Thema, Mazedonien 2001 hat schon weniger interessiert. Die Zuseher wurden kriegsmüde. Ich sage immer: Betroffen macht dich nur, was dich selbst betrifft. Du kannst noch so ergriffen über Flüchtlingsschicksale berichten, aber die syrischen Flüchtlinge scheinen uns in Österreich ziemlich egal zu sein. Man hat das auch bei uns in den Redaktionskonferenzen gemerkt: Jeden Tag Syrien geht nicht in Zeiten der Quote. Da geht es um die Frage: Wann zappen die Zuschauer weg, und wie bringt man sie wieder zurück?

Wenn man heute Reporter einiger großer US-Sender beobachtet, scheint es, als würden sie die Story über sich selbst machen und nicht über die eigentliche Geschichte.

Das hat mich immer gestört: Der Reporter marschiert durchs Bild und zeigt auf eine Schar Flüchtlinge. Ich nenne das die Angelina-Joliesierung des Journalismus. Der Reporter steht im Mittelpunkt. Das war nie mein Zugang. Man hat mir gegenüber auch im ORF immer wieder angedeutet, dass ich mich zu wenig selbst einbringe. Aber ich glaube, das habe ich gar nie müssen. Die Geschichte stand immer für sich selbst.

Medien übernehmen aus Kriegsgebieten immer öfter Internetmaterial lokaler Aktivisten, die in den Konflikten aber auch Partei sind. Das zeigt sich jetzt bei Syrien.

Twitter und Facebook sind Teil der Medienszene geworden. Deswegen stirbt aber unsere Zunft nicht aus. Stationen wie BBC stellen Redakteure ab, die die Bilderflut sichten und auf Wahrheitsgehalt überprüfen. Medien werden immer Mitarbeiter brauchen, die Informationen einordnen können. Ich bin sicher, dass manche Bilder, die angeblich aus Syrien stammten, alte Bilder aus anderen Ländern waren. Deshalb ist es weiter nötig, Reporter hinzuschicken.

Dazu kommt das Phänomen des Embedded Journalism: Die USA begannen 2003 im Irak Reporter, die dafür klare Regeln befolgen mussten, in die Truppe „einzubetten".

Ich habe das im Irak ganz zu Beginn auch gemacht. Später habe ich versucht, mithilfe mutiger lokaler Mitarbeiter auf eigene Faust zu arbeiten. Das war gefährlich, aber wenn der lokale Producer mir gesagt hat: „Dort gehst du nicht hin", habe ich das beherzigt. Gerade im Irak hat sich gezeigt, dass Kriegsherren keinen Unterschied mehr machen zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten. Und wenn sich dann Journalisten heute wie Soldaten in Camouflage kleiden, sind sie ein Ziel für jeden Scharfschützen. Das ist eine Narretei. Auch die naive Vorstellung, dass du von einer Seite der Front auf die andere wechseln kannst, ist eine Illusion. Du kannst nicht in Syrien gleichzeitig von den Rebellen und den Regierungstruppen berichten. Du musst dich für eine Seite entscheiden.

Ist man nicht auch deshalb immer - psychologisch - „embedded"? Du identifizierst dich mit den Menschen auf der Seite der Front, von der du berichtest. Und die auf der anderen Seite, von der her auch auf dich geschossen wird, sind der anonyme Feind.

Es war immer meine These: Ich kann nur das berichten, was ich gerade sehe, und das ist nur ein Mosaikstein. Das habe ich auch der Zentralredaktion gesagt: Macht in Wien etwas über die andere Seite, entwickelt ein Gesamtbild!

Als Reporter bist du ein Reisender zwischen zwei Welten: zwischen Krieg und „heiler Welt". Für mich persönlich ist der größere Kulturschock die Rückkehr nach Österreich. Die normale Welt hier wirkt dann irreal, mit all den „Problemen", die die Leute haben.

Mir ist es so ähnlich ergangen. Wenn ich zurückgekommen bin, hatte ich manchmal den Eindruck, ich komme in die Truman-Welt: eine Kulissenwelt, in der man die Konflikte draußen zwar wahrnimmt, aber nicht realisiert, dass sie echt sind. Wenn man auch noch so viele Bilder davon sieht, bekommt man hier nicht mit, dass dort draußen wirklich gestorben wird und Menschen um die nackte Existenz kämpfen. Wenn du aber einmal in ein Massengrab geblickt hast, bist du nicht mehr der, der du vorher warst. Einmal kam ich aus einem Kriegsgebiet zurück, und die erste österreichische Zeitung, die ich im Flugzeug in die Hand bekam, titelte: „Nach wie vor große Sorge in Wien wegen des Hundekots". Da weißt du nicht, sollst du einen Lach- oder einen Schreikrampf bekommen.

Was hat Sie während Ihrer Einsätze am meisten mitgenommen?

Das sind einzelne, persönliche Erlebnisse. Unvergessen ist mir ein Erlebnis, Weihnachten 1991 in Travnik in Bosnien. Der Christbaum war geschmückt und die Familie hat gewartet. Und dann kommt am frühen Abend jemand, der ihnen sagt: Leider müsst ihr von nun an Weihnachten ohne den Vater feiern. Das ist mir so nahe gegangen. Die Frau hat einen Nervenzusammenbruch erlitten. Die Vierjährige hat das schon verstanden, die Zweijährige noch nicht. Und dann bist du eben Journalist und drehst es trotzdem. Man ist dann bemüht, das so dezent wie möglich über die Bühne zu bringen.

Sie sagten: Man ist Journalist und dreht es trotzdem. Als Reporter in Kriegsgebieten bist du ständig mit dem Leid anderer Menschen konfrontiert und mit ihrer Hoffnung, dass du Hilfe bringst. Letzten Endes bist du dann aber nur ein Zuschauer und machst - obwohl dir das Ganze nahegeht - die Menschen zum Objekt der Berichterstattung - fast so, als würdest du einen Zoo besuchen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Das Ganze ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits erwarten sich die Menschen - das habe ich vor allem in den Balkankriegen erlebt - dass man ihnen Hilfe bringt. Das haben wir auch getan. Ich habe etwa für eine Flüchtlingsfamilie auf dem Berg Igman bei Sarajewo einen Ofen organisiert. Da merkt man, dass das Ganze nicht sinnlos und nicht nur eine voyeuristische Arbeit ist. Anderseits erwecken wir auch falsche Hoffnungen, weil wir auch das Privileg haben, wieder wegzufahren.

In Krisengebieten kann eine Situation auf den ersten Eindruck ruhig und unspektakulär wirken, aber in der nächsten Sekunde völlig kippen. Haben Sie im Laufe der Jahre ein Sensorium dafür entwickelt?

Das ist ja das Absurde, das viele zuhause nicht verstehen. Du bist in einer Kriegszone und nicht an jeder Ecke ist Krieg. Das haben wir in Sarajewo oft genug erlebt. Du sitzt an einer Ecke im Kaffeehaus so wie wir jetzt hier in der Wiener Innenstadt. Und wenn du einige Straßen weitergehst - etwa von hier zur Oper - fliegen die Granaten herein. Wenn du merkst, dass die Straßen leerwerden, ist das ein Zeichen. Wir Naivlinge sind Anfang der neunziger Jahre im Kroatien-Krieg etwa in Richtung Knin (Hochburg der kroatischen Serben, Anm.) gefahren und die Autobahn war leer. Und dann schaust du in den Straßengraben und siehst dort ein Auto durchlöchert liegen. Dann hat man sich gedacht: da muss irgendwas im Busch sein. Und dann bist du weitergefahren, bis plötzlich irgendjemand von der Seite herausgesprungen ist und dir die Knarre ins Auto gehalten hat.

Reporter werden in Kriegen mit Propaganda bombardiert. Haben Sie irgendwann etwas falsch eingeschätzt?

Ich habe zu Beginn sicher Franjo Tudjman falsch eingeschätzt (Kroatiens Präsident während des Krieges gegen die Serben, Anm.). Ich habe damals wirklich geglaubt, er ist ein Demokrat. Deshalb bin ich als Kroatenfreund und Ustascha beschimpft worden. Aber nachdem ich berichtet hatte, dass Tudjman mit (Serbiens Machthaber, Anm.) Milošević Bosnien aufteilen will, war ich in Kroatien plötzlich nicht mehr so beliebt.

Haben Sie oft daran gedacht, wie Ihre Frau mit Ihren gefährlichen Reisen umgeht?

Meine Frau hat immer gesagt: Das ist dein Beruf, ich akzeptiere das. Auch meine Tochter hat das akzeptiert. Sie ist quasi vaterlos aufgewachsen. In den Achtziger- und Neunzigerjahren waren wir ja oft ein halbes Jahr unterwegs, nicht am Stück, aber drei Wochen weg und eine Woche zu Hause. Dass ich das Ganze überstanden habe, dafür weiß ich nicht, wem ich dankbar sein soll: dem Schicksal, dem Herrgott oder meiner verstorbenen Frau.

 

Am 10. Juli 1949
wurde Friedrich Orter in St. Georgen im Lavanttal geboren. In den 1980er-Jahren berichtete der Historiker für den ORF über die Umbrüche im kommunistischen Osteuropa.

Seine Reportagen aus den Jugoslawien-Kriegen in den 90er- Jahren verschafften ihm besondere Bekanntheit. Später berichtete er aus den Kriegen im Irak, in Afghanistanund in Syrien. SeitEndeSeptember ist er in Pension.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2012)

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5 Kommentare

vielleicht schreibt er uns ein paar bücher



und hat spass an der freizeit.

Gast: Marsmensch
07.10.2012 13:59
7 1

schade

Ich habe seine Berichte immer gern gelesen und gehört. Er hat immer versucht hinter die Fasaden der Ereignisse zu schauen.

Propagandaschleuder


Re: Propagandaschleuder

Machs besser, Meckerziege...

dann wünschen

wir ihm ruhige und entspannte tage .