"Downton Abbey": Was ist das, ein "Wochenende"?

09.11.2012 | 15:57 |  von HEIDE RAMPETZREITER (DiePresse.com)

In Großbritannien ist das Kostümdrama "Downton Abbey" ein Straßenfeger, ATV zeigt die Serie ab Sonntag im österreichischen Free-TV.

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Zu den schönsten Szenen der Serie "Downton Abbey" gehören die beim Abendessen, wenn die ganze Familie versammelt ist, behängt mit Schmuck und prachtvoll gekleidet in Abendroben beziehungsweise Smokings, und die tiefen Gräben zwischen Hochadel und Bürgertum zutage treten. Auf der einen Seite die aristokratische Kernfamilie: Der Graf von Grantham und seine reiche amerikanische Ehefrau Cora, die Altgräfin Violet und die drei - nicht erbberechtigten - Töchter, Lady Mary, Lady Edith und Lady Sybil. Auf der anderen der Erbe wider Willen, der gänzlich titellose junge Anwalt Matthew Crawley aus dem Industrie-Moloch Manchester und seine resolute Mutter. Jeder Satz wird zur Waffe, jede gezückte Augenbraue zum Tadel. "Was ist das, ein 'Wochenende'?" fragt die Altgräfin, als sie erfährt, dass der Erbe seinem erlernten Beruf nachgehen will. Und die schöne wie arrogante Lady Mary lässt keine Gelegenheit aus, um den Standesunterschied zu betonen. Dafür bemüht sie sogar den Andromeda-Mythos samt Seitenhieb auf Seeungeheuer. Steife Oberlippen? Steinhart sind sie!

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Der eigentliche Erbe sinkt mit der "Titanic"

Die Welt ist im Umbruch - auch wenn sie es noch nicht weiß. Nicht zufällig setzt die Handlung am 3. April 1912 ein, mit der via Telegramm übermittelten Nachricht vom Untergang der "Titanic", Symbol für Hybris und Dekadenz der Epoche. Mit dem unsinkbaren Schiff ist auch der ursprüngliche Erbe des idyllischen Familiensitzes (Drehort: Highclere Castle), Grafenneffe Patrick Crawley, untergegangen. Er war auch designierter Verlobter der ältesten Grafentochter Mary, wunderbar unterkühlt gespielt von Michelle Dockery, die sich jetzt einen "neuen Fisch" angeln muss.

Dass Titel und Besitz an den nächsten männlichen Erben, den entfernten Cousin Matthew Crawley (Dan Stevens) übergehen, stößt auch der Dienerschaft sauer auf. Ihr Stolz hängt unmittelbar am Ansehen der Adelsfamilie, das betont der traditionsbewussten Butler Mr. Carson (Jim Carter). Er ist der Herrscher der Welt "Downstairs", in der mit der Ankunft des neuen Kammerdieners John Bates (Brendan Coyle), einem ehemaligen Kriegskamerad des Hausherren, ebenfalls turbulente Zeiten anbrechen.(c) ATV Großartig: Maggie Smith als Violet Crawley

(c) ATV Großartig: Maggie Smith als Violet Crawley

Als ganz besonders Juwel strahlt die Altgräfin Violet Crawley - Maggie Smith spielt diese bravourös als Mixtur aus altem Drachen und besorgter Großmutter und wird vom Autor, dem selbst aus altem Adel stammenden Oscar-Preisträger Julian Fellowes, zu Recht mit den (zumindest im englischen Original) besten Bonmonts bedacht.

In Großbritannien entwickelte sich "Downton Abbey", das im Herbst 2010 erstmals ausgestrahlt wurde, schnell zum Straßenfeger. Zum großen Abräumer wurde die Kostüm-Serie bei den letzten zwei Emmy-Verleihungen, wo sie insgesamt neun Preise gewann. Inzwischen ist bereits die dritte Staffel ausgestrahlt worden. Allein Staffel eins verfolgten auf der Insel im Schnitt zehn Millionen Zuseher und bescherte dem Privatsender ITV Rekordqutoen.

Wohlfühlfernsehen trotz absurder Werte

Der breite Erfolg wundert nicht, denn "Downton Abbey" ist Wohlfühlfernsehen im Korsett: Hübsch überschaubar teilt sich die Welt im edwardianischen England zwischen Besitzenden und Besitzlosen auf. Zwar monieren Aristokratie wie Angestellte über das patriarchale Erbrecht, die gesellschaftliche Hierarchie wird aber kaum hinterfragt. "Downton Abbey" ist Eskapismus mit schönen Kostümen, viel Liebe zur Detailtreue und dem Glanz einer untergegangenen Epoche, in der man glaubte, die Welt würde sich zum Besseren wandeln. Die Faszination liegt in dieser engen Welt der Dinnergesellschaften, Jagdausflüge und Teerunden und ihrer absurd strengen Werte, die mitunter seltsame Blüten treiben. Etwa wenn die dauergestresste Köchin sich ebenso wie die Altgräfin darüber entsetzt, dass der neue Erbe einem Job nachgeht. "Richtige Gentlemen arbeiten nicht", sagt sie. Nein, die heiraten reich. Ganz einfach. 

"Downton Abbey" auf ATV: Ab Sonntag ist die erste, siebenteilige Staffel der hochdekorierten Miniserie als deutschsprachige Free-TV-Premiere zu sehen. An insgesamt vier Sonntagen entführt der Privatsender die österreichischen Zuschauer von 20.15 Uhr bis 22.00 Uhr in die Welt des Hochadels.
Mit: Hugh Bonneville, Elizabeth McGovern, Siobhan Finneran, Phyllis Logan, Rob James-Collier, Joanne Froggatt, Penelope Wilton, Laura Carmichael, Jessica Brown Findlay

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