BBC-Skandal: Generaldirektor tritt zurück

11.11.2012 | 15:09 |   (DiePresse.com)

Nach falschen Missbrauchsvorwürfen gegen einen Ex-Politiker in einem BBC-Bericht nimmt Sender-Chef Entwistle nach nur zwei Monaten im Amt seinen Hut.

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Die renommierte britische Sendeanstalt BBC rutscht immer tiefer in die Krise: Nach nur zwei Monaten im Amt hat BBC-Chef George Entwistle für einen falschen TV-Beitrag über einen angeblichen Kindesmissbrauch durch einen Politiker am Samstag die Verantwortung übernommen und ist zurückgetreten. Der weltweit renommierte Sender war in der kurzen Amtszeit von Entwistle von mehreren Skandalen um Kindesmissbrauch erschüttert worden. Verwaltungsratschef Chris Patten forderte tiefgreifende Reformen in der Organisationsstruktur der BBC.

"Ich habe entschieden, dass es die angemessene Reaktion ist, zurückzutreten", sagte Entwistle in London. Zuvor hatte die Ausstrahlung eines BBC-Berichts Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen den konservativen Politiker Alistair McAlpine zur Folge, die sich als falsch erwiesen.

Als Generaldirektor sei er "letztlich verantwortlich für den gesamten Inhalt" der BBC-Sendungen, begründete der erst im September ins Amt gekommene Entwistle seinen Rücktritt. "Die ganzen Ereignisse der vergangenen Wochen haben mich zu dem Schluss gebracht, dass die BBC einen neuen Chef haben sollte."

Die BBC hatte sich bereits am Freitagabend bei McAlpine entschuldigt. Am Samstag sagte Entwistle zunächst dem BBC-Radio, die Ausstrahlung des Berichts der Sendung "Newsnight", der Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen McAlpine zur Folge hatte, sei "grundlegend falsch" gewesen. Am Abend trat er dann zurück. Vorübergehend übernimmt der früherer Pepsi-Manager Tim Davie, Chef des BBC-Weltdienstes, die Stelle des Generaldirektors.

"Newsnight" hatte in den vergangenen Tagen über Steve M. berichtet, der in den 70ern in einem Kinderheim in Wales missbraucht worden war. Obwohl der Täter in der Sendung nicht namentlich identifiziert wurde, kursierte kurz darauf im Internet das Gerücht, es handele sich um den Politiker McAlpine. Der frühere Schatzmeister der Konservativen bestritt am Freitag die Vorwürfe. Steve M. selbst teilte mit, dass nicht McAlpine der Täter gewesen sei.

Entwistle hatte bereits am Freitag angeordnet, dass "Newsnight" die Recherchen vorübergehend einstellt, um seine Arbeitsmethoden zu überprüfen. Die Sendung steht derzeit im Zentrum der Ermittlungen zum Fall des verstorbenen BBC-Starmoderators Jimmy Savile, der zu Lebzeiten hunderte Kinder missbraucht haben soll. "Newsnight" wird vorgeworfen, entsprechende Hinweise zurückgehalten zu haben.

Auf die Frage nach der Notwendigkeit von Reformen sagte Patten am Sonntag im Gespräch mit Moderator Andrew Marr im Fernsehprogramm BBC 1: "Wenn Sie mich fragen, ob die BBC eine gründliche Überprüfung ihrer Organisation braucht, dann ja, sie braucht sie unbedingt. Und das werden wir tun müssen." Den Rücktritt von Entwistle nannte der Verwaltungsratschef eine "Tragödie", weil er Entwistle just als Reformer bei der BBC eingesetzt habe.

Die britische Presse ging hart mit Entwistle ins Gericht. Die "Mail on Sunday" schrieb, Entwistle sei blind für die BBC-Krise gewesen und habe dafür den "höchsten Preis gezahlt". Im "Independent on Sunday" hieß es lakonisch: "Out of touch, out of depth, out of a job" (etwa: ohne Gespür, ohne Geschick, ohne Job)

Die Affäre Savile erschüttert seit Wochen Großbritannien und die BBC, immer wieder gibt es neue Enthüllungen. Scotland Yard hat inzwischen wegen des Verdachts auf "Missbrauch in noch nie dagewesenem Ausmaß" durch den Fernsehmoderator Ermittlungen eingeleitet. Den Ermittlern zufolge gibt es Hinweise, dass Savile rund 40 Jahre lang Kinder missbrauchte. Die Polizei geht von 300 möglichen Opfern aus. Savile war 2011 im Alter von 84 Jahren gestorben.

 

(APA/AFP/Reuters)

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3 Kommentare

Faymann, Wrabez&Co: nehmt Euch ein Beispiel

In Deutschland, England, USA,... treten weit fähigere Leute wegen weit weniger zurück.
Gut, die haben auch Charakter...

ein orf general

kann über sowas nur lächeln...

Überall schaffen es die Leute zurückzutreten,...

... nur in Österreich nicht

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