BBC-Krise: Nachrichten-Chefin "macht den Platz frei"

12.11.2012 | 10:15 |   (DiePresse.com)

Skandale erschüttern die renommierte britische Sendeanstalt. Nach BBC-Chef George Entwistle ziehen sich nun auch News-Chefin Helen Boaden und ihr Vize zurück.

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Die renommierte britische Sendeanstalt BBC rutscht immer tiefer in die Krise: Nachdem am Wochenende BBC-Chef George Entwistle nach nur zwei Monaten im Amt zurückgetreten war, haben am Montag zwei weitere ranghohe BBC-Mitarbeiter bekannt gegeben, "den Platz freimachen" zu sollen. Helen Boaden, Nachrichtenchefin BBC News, und ihr Stellvertreter Stephen Mitchell wurden gebeten, ihre Ämter ruhend zu legen. Das gab BBC News selbst bekannt. Demnach wurden sie zu diesem Schritt aufgefordert, weil sie Informationen im Fall Jimmy Savile, der hunderte Kinder missbraucht haben soll, zurückgehalten haben sollen.

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"Newsnight" berichtete nicht über Savile ...

Boaden und Mitchell lassen ihre Ämter ruhen, bis das Ergebnis einer Untersuchung unter der Leitung des früheren Sky-News-Chefs Nick Pollard vorliege, erklärte die BBC. Pollard soll prüfen, warum sich die BBC-Vorzeigesendung "Newsnight" Ende 2011 gegen die Ausstrahlung eines Berichts entschieden hatte, in dem mutmaßliche Opfer berichteten, sie seien von Savile sexuell missbraucht worden. Der Moderator war im Oktober 2011 im Alter von 84 Jahren gestorben.

Am Samstagabend hatte bereits BBC-Chef George Entwistle nach nur 54 Tagen im Amt seinen Hut genommen. Anlass war die Ausstrahlung eines "Newsnight"-Berichts, der Vorwürfe des Kindesmissbrauchs gegen den konservativen Politiker Alistair McAlpine zur Folge hatte.

... dafür wurde ein Falscher beschuldigt

"Newsnight" hatte vergangene Woche über Steve M. berichtet, der in den 70er-Jahren in einem Kinderheim in Wales missbraucht worden war. Obwohl der Täter in der Sendung nicht namentlich genannt wurde, kursierte kurz darauf im Internet das Gerücht, es handele sich um McAlpine. Der frühere Schatzmeister der Konservativen bestritt am Freitag die Vorwürfe. Steve M. selbst teilte mit, dass nicht McAlpine der Täter gewesen sei. Am Freitag räumte die BBC einen Fehler ein und entschuldigte sich bei McAlpine.

"Helen Boaden hat entschieden, dass sie nicht mehr in der Lage ist, ihre Verantwortung wahrzunehmen, solange nicht das Ergebnis des Pollard-Berichts vorliegt", erklärte die BBC am Montag. Sie werde während ihrer Abwesenheit von Fran Unsworth ersetzt, als Stellvertreter sei Ceri Thomas ernannt worden.

Die Rundfunkgesellschaft schloss nicht aus, dass es weitere personelle Konsequenzen geben könnte. Es werde nun geprüft, in welchem Ausmaß Einzelne Rechenschaft für ihr Handeln ablegen müssten, erklärte die BBC. "Wenn es angemessen ist, wird es disziplinarische Maßnahmen geben."

Wie die BBC weiter mitteilte, sollen sämtliche Berichte nun von einer zentralen Stelle überwacht werden - egal, ob es einen Zusammenhang zum Savile-Skandal gebe oder nicht. Damit solle auf "den Mangel an Klarheit in der redaktionellen Befehlskette" reagiert werden.

Der Savile-Skandal
Die Affäre Savile erschüttert seit Wochen Großbritannien und die BBC, immer wieder gibt es neue Enthüllungen. Scotland Yard hat wegen des Verdachts auf "Missbrauch in noch nie dagewesenem Ausmaß" durch den Fernsehmoderator Ermittlungen eingeleitet. Den Ermittlern zufolge gibt es Hinweise, dass Savile rund 40 Jahre lang Kinder missbrauchte. Die Polizei geht von 300 möglichen Opfern aus.

Bisher wurden im Zusammenhang mit dem Skandal drei Menschen vorübergehend festgenommen: der frühere Glamrocker Gary Glitter, der Komiker Freddie Starr und am Sonntag ein weiterer Verdächtiger, der eine Radioshow für Savile produziert hatte. Alle drei kamen auf Kaution frei.

(APA/AFP/Red.)

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