"Heute" entschuldigt sich für rassistischen Artikel

Die Gratiszeitung hatte in einem Artikel über einen Mord rassistische Vorurteile über Muslime bedient. Die beiden Verfasser wurden bis auf weiteres beurlaubt.

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Foto: DiePresse.com (Felbermayer)

Nicht nur Leser der Gratiszeitung "Heute" reagierten am Freitag entsetzt auf einen Artikel, auch deren Chefredakteur Christian Nusser äußerte Bestürzung. Er beurlaubte die Verfasser der Story "bis auf weiteres", wie Nusser im Interview mit medianet.at sagte. In dem Artikel "Eifersucht: Mann ersticht vor Kindergarten Ehefrau" bedienten die beiden "Heute"-Redakteure Jörg Michner und Wolfgang Höllrigl rassistische Vorurteile über Muslime. Der mutmaßlichen Täter gehöre "zu der Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond" lebe, in "Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf". Wo man - so ihre Unterstellung - Partnerinnen "als Besitz" betrachte und "Durchdrehe", wenn der eigene Stolz verletzt werde.

Das Maß an Rassismus in diesen Zeilen war auch "Heute"-Chefredakteur Christian Nusser zu viel. Er nahm auf der Homepage des Boulevardblattes Stellung: Er wolle sich für die rassistischen Formulierungen "in aller Form entschuldigen", schrieb der seit Juli amtierende "Heute"-Chef. Die Redaktion lehne "Verunglimpfungen von Menschen oder gar Menschengruppen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens zutiefst ab", heißt es in dem Artikel. Und: "Wir haben in der Vergangenheit gegen jede Form des Rassismus angekämpft und werden das auch in Zukunft tun."

Artikel erst nach 22 Uhr geschrieben

Man werde prüfen, wie es zu dieser "Fehlleistung" kommen konnte, so Nusser, und daraus Konsequenzen ziehen.

"Der furchtbare Artikel ist erst nach 22.00 Uhr geschrieben beziehungsweise geändert worden, die beiden betreffenden Kollegen hatten Abenddienst und haben ihn in ihrer journalistischen Eigenverantwortung verfasst", sagte Nusser zu "medianet". Bei größeren Änderungen an Artikeln oder bei jeder Änderung am Cover gebe es bei "Heute" die Regelung, dass der Chefredakteur verständigt werden muss. "Das ist in diesem Fall nicht geschehen", sagte Nusser.

"Ich lese in der Regel jeden Artikel, bevor er in Druck geht. Die Zeitung ist faktisch fertig, bevor ich das Haus verlasse. Bei Mutationen oder aktuellen Entwicklungen am Abend ist es mitunter möglich, dass ich nicht mehr in der Redaktion bin. Der Abenddienst liest dann die Geschichten des jeweiligen Kollegen gegen, bei größeren Änderungen muss ich verständigt werden", erklärte der "Heute"-Chefredakteur die normalen Kontrollmechanismen bei der Gratis-Tageszeitung.

"Tolerieren keine rassistischen Artikel"

Neben der Beratung der möglichen Konsequenzen geht es Nusser im Moment vor allem darum, "klarzustellen, dass 'Heute' keine rassistischen Artikel duldet und unter meiner Verantwortung auch niemals tolerieren wird". Mit den Verfassern des Artikels, Jörg Michner und Wolfgang Höllrigl, habe er deshalb noch keine Gelegenheit zum Gespräch gehabt. "Ich brauche meine gesamte Zeit und Kraft im Moment dafür, zu verhindern, dass 'Heute' zu Unrecht in ein Eck gestellt wird, in dem es nicht ist, nicht war und niemals sein wird." Mit "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand sei er in der Einschätzung des Vorfalls jedenfalls "einer Meinung", so Nusser.

Kritik von Journalistengewerkschaft

Die Journalistengewerkschaft hat heftige Kritik an dem Artikel geübt. Gewerkschaftsvorsitzender Franz C. Bauer forderte Konsequenzen und kündigte die Einschaltung des Presserats an. "Das ist eine Grenzüberschreitung, nach der man nicht kommentarlos zur Tagesordnung übergehen kann", so Bauer.

Laut Bauer sprenge das oben genannte Zitat jeden Rahmen seriöser Berichterstattung und wäre auch in einem Kommentar, in dem Journalisten ihre persönliche Meinung wiedergeben dürfen, völlig inakzeptabel. "Das ist nichts anderes als Hetze der allerübelsten Sorte, die ich als Vorsitzender der Journalistengewerkschaft aufs schärfste verurteile."

Die bereits erfolgte Entschuldigung des "Heute"-Chefredakteurs sei das Mindeste, was er von den Verantwortlichen für eine derartige Entgleisung erwarte. "Ich fordere ernsthafte Konsequenzen und werde selbstverständlich meine Kolleginnen und Kollegen im Presserat bitten, sich damit zu befassen", so Bauer.

SOS Mitmensch begrüßte Distanzierung

SOS Mitmensch begrüßte die rasche Distanzierung der "Heute"-Chefredaktion. Die Organisation forderte jedoch nachhaltige Konsequenzen. "Es muss einen Konsens darüber geben, dass antimuslimischer Rassismus weder in den Medien noch sonst irgendwo in Österreich etwas verloren hat. Rassismus und Rassisten untergraben die österreichische Demokratie und gehören raus aus den Redaktionsstuben der österreichischen Medien", so SOS Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak.

Beschwerde beim Presserat

Höllrigl ist chronikales Reporter-Urgestein und hat seit Mitte der 1970er Jahre als Reporter für verschiedene Boulevard-Medien gearbeitet. Beim Presserat ist bereits (mindestens) eine Beschwerde über den Artikel eingelangt. Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) hat bereits bestätigt, sich an das Gremium gewandt zu haben. Sie verurteilte den Artikel "Auf das Schärfste". "Heute" habe damit "nicht nur die Gefühle von österreichischen Muslimen verletzt, sondern auch einen neuen Höhepunkt in rassistischer und islamfeindlicher Berichterstattung erreicht", hieß es am Freitag.

(Red./APA)

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