"Heute" entschuldigt sich für rassistischen Artikel

07.12.2012 | 16:49 |   (DiePresse.com)

Die Gratiszeitung hatte in einem Artikel über einen Mord rassistische Vorurteile über Muslime bedient. Die beiden Verfasser wurden bis auf weiteres beurlaubt.

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Nicht nur Leser der Gratiszeitung "Heute" reagierten am Freitag entsetzt auf einen Artikel, auch deren Chefredakteur Christian Nusser äußerte Bestürzung. Er beurlaubte die Verfasser der Story "bis auf weiteres", wie Nusser im Interview mit medianet.at sagte. In dem Artikel "Eifersucht: Mann ersticht vor Kindergarten Ehefrau" bedienten die beiden "Heute"-Redakteure Jörg Michner und Wolfgang Höllriegl rassistische Vorurteile über Muslime. Der mutmaßlichen Täter gehöre "zu der Sorte Mann, die zum Glück eher hinterm Halbmond" lebe, in "Ländern, wo das Gesäß beim Beten höher ist als der Kopf". Wo man - so ihre Unterstellung - Partnerinnen "als Besitz" betrachte und "Durchdrehe", wenn der eigene Stolz verletzt werde.

Das Maß an Rassismus in diesen Zeilen war auch "Heute"-Chefredakteur Christian Nusser zu viel. Er nahm auf der Homepage des Boulevardblattes Stellung: Er wolle sich für die rassistischen Formulierungen "in aller Form entschuldigen", schrieb der seit Juli amtierende "Heute"-Chef. Die Redaktion lehne "Verunglimpfungen von Menschen oder gar Menschengruppen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens zutiefst ab", heißt es in dem Artikel. Und: "Wir haben in der Vergangenheit gegen jede Form des Rassismus angekämpft und werden das auch in Zukunft tun."

Artikel erst nach 22 Uhr geschrieben

Man werde prüfen, wie es zu dieser "Fehlleistung" kommen konnte, so Nusser, und daraus Konsequenzen ziehen.

"Der furchtbare Artikel ist erst nach 22.00 Uhr geschrieben beziehungsweise geändert worden, die beiden betreffenden Kollegen hatten Abenddienst und haben ihn in ihrer journalistischen Eigenverantwortung verfasst", sagte Nusser zu "medianet". Bei größeren Änderungen an Artikeln oder bei jeder Änderung am Cover gebe es bei "Heute" die Regelung, dass der Chefredakteur verständigt werden muss. "Das ist in diesem Fall nicht geschehen", sagte Nusser.

"Ich lese in der Regel jeden Artikel, bevor er in Druck geht. Die Zeitung ist faktisch fertig, bevor ich das Haus verlasse. Bei Mutationen oder aktuellen Entwicklungen am Abend ist es mitunter möglich, dass ich nicht mehr in der Redaktion bin. Der Abenddienst liest dann die Geschichten des jeweiligen Kollegen gegen, bei größeren Änderungen muss ich verständigt werden", erklärte der "Heute"-Chefredakteur die normalen Kontrollmechanismen bei der Gratis-Tageszeitung.

"Tolerieren keine rassistischen Artikel"

Neben der Beratung der möglichen Konsequenzen geht es Nusser im Moment vor allem darum, "klarzustellen, dass 'Heute' keine rassistischen Artikel duldet und unter meiner Verantwortung auch niemals tolerieren wird". Mit den Verfassern des Artikels, Jörg Michner und Wolfgang Höllrigl, habe er deshalb noch keine Gelegenheit zum Gespräch gehabt. "Ich brauche meine gesamte Zeit und Kraft im Moment dafür, zu verhindern, dass 'Heute' zu Unrecht in ein Eck gestellt wird, in dem es nicht ist, nicht war und niemals sein wird." Mit "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand sei er in der Einschätzung des Vorfalls jedenfalls "einer Meinung", so Nusser.

Kritik von Journalistengewerkschaft

Die Journalistengewerkschaft hat heftige Kritik an dem Artikel geübt. Gewerkschaftsvorsitzender Franz C. Bauer forderte Konsequenzen und kündigte die Einschaltung des Presserats an. "Das ist eine Grenzüberschreitung, nach der man nicht kommentarlos zur Tagesordnung übergehen kann", so Bauer.

Laut Bauer sprenge das oben genannte Zitat jeden Rahmen seriöser Berichterstattung und wäre auch in einem Kommentar, in dem Journalisten ihre persönliche Meinung wiedergeben dürfen, völlig inakzeptabel. "Das ist nichts anderes als Hetze der allerübelsten Sorte, die ich als Vorsitzender der Journalistengewerkschaft aufs schärfste verurteile."

Die bereits erfolgte Entschuldigung des "Heute"-Chefredakteurs sei das Mindeste, was er von den Verantwortlichen für eine derartige Entgleisung erwarte. "Ich fordere ernsthafte Konsequenzen und werde selbstverständlich meine Kolleginnen und Kollegen im Presserat bitten, sich damit zu befassen", so Bauer.

SOS Mitmensch begrüßte Distanzierung

SOS Mitmensch begrüßte die rasche Distanzierung der "Heute"-Chefredaktion. Die Organisation forderte jedoch nachhaltige Konsequenzen. "Es muss einen Konsens darüber geben, dass antimuslimischer Rassismus weder in den Medien noch sonst irgendwo in Österreich etwas verloren hat. Rassismus und Rassisten untergraben die österreichische Demokratie und gehören raus aus den Redaktionsstuben der österreichischen Medien", so SOS Mitmensch-Sprecher Alexander Pollak.

Beschwerde beim Presserat

Höllrigl ist chronikales Reporter-Urgestein und hat seit Mitte der 1970er Jahre als Reporter für verschiedene Boulevard-Medien gearbeitet. Beim Presserat ist bereits (mindestens) eine Beschwerde über den Artikel eingelangt. Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ) hat bereits bestätigt, sich an das Gremium gewandt zu haben. Sie verurteilte den Artikel "Auf das Schärfste". "Heute" habe damit "nicht nur die Gefühle von österreichischen Muslimen verletzt, sondern auch einen neuen Höhepunkt in rassistischer und islamfeindlicher Berichterstattung erreicht", hieß es am Freitag.

(Red./APA)

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148 Kommentare
 
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Entschuldigung?

"Türkei: Gesetz stoppt Prügelmänner nicht

Seit März ist in der Türkei ein Gesetz zur Eindämmung der Gewalt gegen Frauen in Kraft. Scheinbar folgenlos. Nun ist auch eine Abgeordnete der Regierungspartei von ihrem Mann verprügelt worden."
(...) "Das Gesetz sei gut, meint Melike Keles von Mor Cati, einem Istanbuler Hilfsverein für Frauen; doch auch das beste Gesetz ändere nicht die Mentalität der türkischen Männer (!)"

Muss sich jetzt auch das blassrosa Schwesterblatt der "Presse" entschuldigen?

Bravo Heute

Wo ist das Heute von Gestern, habe ich meine Frau gefragt? Was? sagte sie! Das Heute von gestern, bitte!

Es ist schon hoch anzurechnen, dass man
sich entschuldigen kann. Ein Fehler kann jeden von uns passieren, ist menschlich. Zugeben und
sich entschuldigen zeigt größe.

Moge das als Beispiel, wenn nicht als Abschreckung, für andere Journalisten dienen,
so, dass sie mit Menschen nicht respektlos umgehen!

Ich habe in millionenweise verkauften Zeitungen folgendes lesen können;

" wenn diese unzivilisierte Hirtenvolk aus ...."

"Wieso werden diese Untermenschen nicht sofort in ihr Heimatland abgeschoben.."

Obwohl ich hab protestiert, hat man sich nie entschuldigt für irgend etwas! Meinungsfreiheit und so....!!

Re: Bravo Heute

"Wieso werden diese Untermenschen nicht sofort in ihr Heimatland abgeschoben.."

Reden Sie keinen Unsinn, in einer österreichischen Zeitung haben Sie das garantiert nicht gelesen!


Re: Re: Bravo Heute

Kronenzeitung - das Freie Wort
http://www.krone.at/Das-freie-Wort/Titel-Story-124832

Harald und der Halbmond

Der Täter war laut Polizeibericht ein gewisser "Harald P.", das Opfer eine gewisse "Angela P.", bei sorgfältigem Lesen dieses Polizeiberichts drängt sich also eine Verbindung zu "Halbmond" etc. nicht auf.

Wahrscheinlich haben die beiden heute-Journalisten aber in der Eile bloß den Namen des Polizisten gelesen, der für die Polizeiaussendung verantwortlich war: Oberst TÜRK.

Re: Harald und der Halbmond

Bravo Niko,

das habe ich mir auch gedacht!
Aber, wir sind daran so gewohnt
beschimpft zu werden, dass wir es
bald glauben. Ich hab immer Angst
wenn ich so ein unglücksfall lese und warte darauf " Mann mit Migrationshintergrund" zu lesen! Also,
ich komme mir selbst bald wie eine Kriminelle - genetisch so zu sagen!
Alles gute.

Vorschlag

Sehr geehrte Journalisten,

wenn ihr einmal einen schlechten Tag habt, dann beschimpft doch einfach vermeintliche "Rechte".

Da könnt ihr so richtig die Sau rauslassen und kein Presserat und auch sonst niemand wird sich über ein noch so tiefes Vorurteil aufregen.

Andere Vorschläge sind Katholiken (etwa bei jedem Beitrag über Missbrauch die Kirche erwähnen, auch wenn es sich um Vorfälle in einem "roten" Kinderheim handelt) oder Mitglieder der Regierung Schüssel.


Es macht die globale Türkenbeschimpfung nicht besser.

Aber in der Sache haben Sie schon Recht.
Vor allem Katholiken und Schüssel sind im Standard, aber auch in anderen Zeitungen beliebte Objekte, für die offenbar jede politische Korrektheit außer Kraft gesetzt wird.

Es fällt schwer zu glauben,

dass die 2 "Redakteure" sich diese Niederträchtigkeit nur aus Jux und Tollerei geleistet haben. Steht da nicht vielleicht doch ein strategisches Interesse dahinter, die "Zeitung" für ein gewisses Publikum interessant zu machen? Allerdings: dieses Publikum hat sie ja ohnehin schon ...
Also vielleicht doch nur eine b'soffene G'schicht?

Re: Es fällt schwer zu glauben,

Die Autoren schrieben sinngemäß, der mutmaßliche Täter hat gehandelt, als stamme er aus dem Orient.

Eine Rüge würde diese Aussage verdienen, wenn sie falsch wäre.

DAS hat aber auch der Presserat nicht behauptet.

Gewerkschaft

Sollte sich die Gewerkschaft nicht lieber um die Arbeitsbedingungen der von ihr vertretenen Journalisten kümmern?


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seit wann

seit wann sind fakten rassismus ?

Re: seit wann

Ich weis es! Seit Fremdenangst und Fremdenhass Teile des Gehirns weg gefressen haben. Dann kann man garnicht mehr vernünftig und menschlich denken! Über eine gewisser Alte ist sogar das furzen ein großes Risiko.
Lass alleine Kommentare schreiben!

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interessant ist

dass die beiden beschuldigten Redakteure nicht zu Wort kommen. Das ist schon eigenartig.

Re: interessant ist

Kein Angst, sie werden bald ein Buch darüber schreiben, reich und berühmt werden! Sie können ja mit Sicherheit mit Hilfe von Salman Rushdi rechnen.
Richtige Nationalhelden sind die Burschen bald.

Denen hat Heute

wahrscheinlich einen Maulkorb verpasst, nicht zu Unrecht.

In Österreich gibt es verdammt viele kirchenfeindliche Rassisten.


ähnliches hat man bei "die presse" noch nie erlebt!


Es ist einfach ekelhaft

Die vielen Zustimmungen und grüne Stricherln bedeuten dass die Presse magisch Leute anspricht die eine schlechte Jugend hatten oder sonstwo im Leben zu kurz gekommen sind. Diese Zeilen sind so unappetitlich dass mir das Grausen kommt. Ich glaube jeder sollte nochmals lesen, was diese Journalisten für einen Dreck geschrieben haben. Das sonst ja gute Niveau der Presse wird durch diese Poster immer mehr versaut, was sehr schade ist.

Vorurteile? (sic!)


Na sowas ...

Polemisieren ist doch Blattlinie!? Im Ernst, niemand wird doch glauben dass wertfreie Information bei "heute" vorausgesetzt werden kann.

Ja, aber ...


Die Formulierungen im "Heute" Artikel entsprechen ganz und gar dem Niveau der Zeitung, sowas ist nur tief - und traurig aber wahr - kostenlose Werbung für das Kasblattl.

Aber:
Warum wird in allen Zeitungen bei allen Personen, über die im Zusammenh. mit Verbrechen berichtet wird, der Vorname + abgek. NN genannt, bei den Moslems aber nicht?

Auf journalistische Sachlichkeit und Transparenz wird da verzichtet, weil man ansonsten gar schon fremdenfeindlich wäre?

Hallo??? Die Realität ist wie sie ist. Krampfhaft zu verschweigen, was e jeder ahnt, erzeugt gefährlichen Überdruck.

Besser wäre es, die Tatsachen zu schildern, mit dem Hinweis darauf, dass das Einzelfälle sind.

So wenig d i e Österreicher Fritzels sind, genauso wenig sind d i e Moslems Ehefrauenmörder oder was auch immer. Und das hinüber zu bringen dürfte einem Journalisten doch zuzutrauen sein.


ich wundere mich

Für mich als Atheist ist es sehr interessant die beiden Artikel zum Umgang mit Glauben zu vergleichen. Im Artikel und in den Kommentaren zum Pussy-riot-event in St.Pölten wird ein (zu recht?) empörter Katholik als lächerliche Figur dargestellt, während der zuständige Bischof (noch) schweigt.
Im Artikel zum Islam reagieren fast jeder empört über diese Billigzeitung und die Vertreter der Muslime protestieren.
Ich meine, man kann sehr gut beurteilen ob bestimmte Gruppen mit unserer westlichen Lebensweise kompatibel sind, je nach dem, wie sie auf Witze über sie oder Beleidigungen reagieren.
Zur Verdeutlichung:
http://www.theonion.com/articles/no-one-murdered-because-of-this-image,29553/

Ich wundere mich


nüchtern oder bsoffn?

Der Chefredakteur hat klar Stellung bezogen und alles geklärt.
Was bleibt ist: Was hat die beiden Schreiber dieses Artikels für ein Teufel geritten (nüchtern oder bsoffn), dass ein Eifersuchtsdrama mit Todesfolge mit rein urösterreichischer Beteiligung dazu herhalten muss, ein Verbindung zum Halbmond, Muslimen etc. herzustellen?


Der ORF steht auf kirchenfeindliche Rassisten!


 
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