Dokumentation: ORF III wühlt im Österreich-Gedächtnis

27.12.2012 | 17:02 |  Von Isabella Wallnöfer (Die Presse)

Der ORF-Spartenkanal bringt einen Zeitgeschichte-Vierteiler, in dem Zeitzeugen historische Ereignisse aus ihrem persönlichen Blickwinkel erzählen. Es sind Geschichten, die Geschichte lebendig machen.

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Welches Ereignis hat sich in das kollektive Gedächtnis der Österreicher am tiefsten eingebrannt? Leopold Figl mit dem Staatsvertrag in der Hand auf dem Balkon des Belvedere? Der Sieg Bruno Kreiskys bei der Wahl 1970? Beides gehöre nicht einmal zu den Top Ten der Erinnerungsmarken, erzählt ORF-Redakteur Gerhard Jelinek. Er sei erstaunt gewesen, als er parallel zu seiner Arbeit am Zeitgeschichteprojekt „Generation Österreich“ in einer kleinen Umfrage erkunden ließ, welches Österreich-spezifische Ereignis den Menschen am meisten in Erinnerung ist: „Es war der Tod Jörg Haiders.“ An zweiter Stelle rangiert der EU-Beitritt, gefolgt von diversen Katastrophen und Kriminalfällen. Das liege wohl vor allem am Alter der Befragten, meint Jelinek: „An die Waldheim-Affäre konnte sich von den unter 30-Jährigen keiner erinnern.“

44 Interviews mit Zeitzeugen haben Jelinek und Birgit Mosser-Schuöcker für ihr Buch „Generation Österreich“ (Edition A, 2012) geführt, um die Geschichte Österreichs aus den verschiedensten, sehr persönlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Dass es möglich war, die Gespräche für das Fernsehen aufzuzeichnen, ist einer Kooperation mit dem Unterrichtsministerium zu verdanken – nun haben Jelinek und Mosser-Schuöcker daraus mithilfe des Archivs und alter „Wochenschau“-Beiträge eine vierteilige Low-Budget-Doku für ORF III gestaltet.

Land der Erbsen, Land der Bohnen

Es sind Geschichten, die Geschichte lebendig machen: Fritz Molden etwa erzählt, wie er den eben von seiner Mutter verfassten Siegertext für die Bundeshymne einst am Küchentisch umdichtete in „Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der vier alliierten Zonen . . .“. Paula von Preradović soll darüber sehr gelacht haben. Neben Zeitzeugen politisch bedeutsamer Ereignisse kommen auch sportliche Meilensteine (dreifaches Olympia-Gold durch Toni Sailer 1956), gesellschaftliche und kulturelle Highlights (der erste Opernball 1956 oder Udo Jürgens' Sieg beim Songcontest mit „Merci, Chérie“) zur Sprache.

Es geht dabei weniger um das Nacherzählen der Geschichte von 1945 bis 2008 (die Reihe endet mit Haiders Unfalltod), vielmehr darum, die Emotionen und Stimmungen der jeweiligen Zeit zu vermitteln – schließlich, so mutmaßt Jelinek, würden sich die Menschen offenbar auch mehr an emotionale Erlebnisse erinnern als an politische: „Karl Blecha erzählt über den Wahltag 1970, als die SPÖ das erste Mal einen Wahlsieg mit Kreisky feierte – das liegt in der Erinnerung der Menschen allerdings hinter Cordoba“ – dem legendären 2:3 der österreichischen Fußballnationalmannschaft über Fußballweltmeister Deutschland.

„Wie wir wurden, was wir sind“: 29. Dezember, 5., 12. und 19. Jänner, jeweils 20.15 Uhr, ORF III.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2012)

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5 Kommentare

Zwecks Aufarbeitung der Geschichte...

.... richtet der tiefschwarze ORF NO eine Disco am Ball des ÖVP Bauenbundes ein.

Wieder einmal verhält sich, diesmal die ÖVP NÖ so, als ob ihr der ORF gehören würde.

Mir brennt ein Thema unter den Fingernägeln. Darf man hier aber nicht posten.


Re: Mir brennt ein Thema unter den Fingernägeln. Darf man hier aber nicht posten.

Auch in Parkistan wurde Facebook gesperrt.

Wie einmal in der DDR

Unser tiefroter Staatsfunk berichtet (zufällig vor Wahlen) über die großartigen Erfolge von Kreisky & Co .....


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