"Newsweek": Der ewige Zweite tritt ab

29.12.2012 | 18:03 |  von Ansgar Graw (Washington) (Die Presse)

Das Magazin "Newsweek" war oft schneller und mutiger als der Konkurrent "Time". Trotzdem hat das Blatt den Wettlauf verloren.

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Jede Phase des Zeitgeistes war gegen ,Newsweek‘“, so Tina Brown, die Chefredakteurin des amerikanischen Wochenmagazins, das mit seiner Silvesterausgabe (erschienen am 25. 12.) nach fast achtzig Jahren Abschied nimmt vom Papier. Als „Newsweek Global“ soll es Ende Februar eine Wiederauferstehung im Netz geben.

Heft Nummer 4150, das seit Anfang der Woche zum Kauf ausliegt, widmet sein letztes Cover dem Übergang von der Vergangenheit zur Zukunft. Eine nostalgisch anmutende schwarz-weiße Luftaufnahme der Häuserschluchten Manhattans mit dem „Midtown Headquarters“, dem vom „Newsweek“-Schriftzug gekrönten historischen Sitz des Verlages, wird durch eine twitteraffine Zeile gebrochen: „#Letzte Print-Ausgabe“ lautet sie, und das vorangestellte Doppelkreuz, in der Sprache der sozialen Netzwerke Hashtag genannt, soll eine Verschlagwortung in die Moderne symbolisieren.

Doch „Newsweek“ bringt zunächst mächtig viel Geschichte mit, und daran wird im Abschiedsheft ausgiebig erinnert. Das Wochenmagazin aus New York warnte 1941 in der Woche vor Pearl Harbour vor der Macht der japanischen Armee, dem „Dynamit des Orients“. Es präsentierte 1964 als erstes US-Magazin die „Beatles“ auf dem Titel, mit einer nicht sehr belastbaren These („Äußerlich sind sie ein Albtraum... musikalisch eine Beinahe-Katastrophe“), aber drei Jahre früher als der größere Konkurrent „Times“. Es lenkte 1967 mit zwei Coverstorys über „Die Neger in Amerika“ den Fokus auf die fortwährende Diskriminierung der Afroamerikaner. Es trommelte 1970 mit dem Titel „Die Revolte der Frauen“ für die Emanzipationsbewegung. Es blamierte sich 1983 im Gefolge des deutschen „Stern“ mit einem Aufmacher über „Hitlers Tagebücher“. Und es wusste 1998 früher als alle anderen von Bill Clintons Affäre mit seiner Praktikantin.

Die Clinton-Lewinsky-Story markiert den Beginn des Niedergangs von „Newsweek“ und der Krise gedruckter Medien insgesamt. Das Magazin zögerte die Enthüllung des präsidentiellen Seitensprungs wegen der Prüfung der Fakten hinaus, bis der an keinen Redaktionsschluss gebundene Internetpionier Matt Drudge die Sensation weltexklusiv ins Netz hinausschrie.

„Newsweek“ war im Dauerwettbewerb mit dem auflagenstärkeren „Time“-Magazin oft schneller, mutiger, „news-iger“, konzentriert auf die schnelle Nachricht. Das zehn Jahre früher gestartete „Time“ war größer, reicher, gründlicher, auch intellektueller in der Analyse. Aber es kommt oft arg betulich, langatmig und berechenbar daher. „Newsweek“ traf schneller den Punkt und wagte krawallige Thesen. Daneben bot es dem Leser aufwendig recherchierte Reportagen und kluge Autorenstücke, die auch „Time“ zur Ehre gereicht hätten.


Millionenauflage verloren. Dieses Nebeneinander funktionierte nur für eine begrenzte Zeit. „Time“ hatte vor zehn Jahren eine Auflage von über vier Millionen Stück und verkauft auch heute noch knapp 3,3 Millionen Hefte. Doch „Newsweek“ verlor in diesem Zeitraum von drei Millionen Exemplaren die Hälfte. Die Anzeigeneinnahmen gingen seit 2008 um rund 50 Prozent zurück. Pro Jahr fährt „Newsweek“ angeblich 40 Millionen Dollar Verlust ein.

Denn die schnelle Nachricht ist längst ins Internet gewandert. Und den Hintergrund bot die renommiertere „Time“ meist ausführlicher an.

Seit dem erstmaligen Erscheinen am 17. Februar 1933, damals noch unter dem Titel „News-Week“ (Einzelheft: 10 Cent; Jahresabo: 4 Dollar), machte das Blatt zwei große Modernisierungsschübe. 1961 kaufte der Verlag der „Washington Post“ es für 15 Millionen Dollar und investierte kräftig in die Redaktion. „Time“ sollte der Führungsanspruch streitig gemacht werden.


Multimillionär als Hoffnungsträger. Das Renommé von „Newsweek“ wuchs. Aber auf Dauer ließ der Zeitschriftenmarkt keinen Platz für den ewigen Zweiten. 2010 verkaufte die „Washington Post“ das Magazin an den 92-jährigen Unternehmer und Multimillionär Sidney Harman. Er initiierte den zweiten großen Modernisierungsschub, indem er „Newsweek“ mit dem Internetmagazin „The Daily Beast“ fusionierte.

Ein halbes Jahr später starb Harman. Und die Strategie seiner neuen Chefredakteurin Brown, die einst das Magazin „The New Yorker“ mit innovativen Ideen geleitet hatte, ging nicht auf. Die gebürtige Britin setzte vor allem auf provokante Cover. Damit löste sie Debatten aus, konnte den Auflagenschwund aber nicht stoppen.

So rief Brown im März dieses Jahres Barack Obama nach seinem Appell zur Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe zum „ersten Gay-Präsidenten“ aus. Im Juni 2011 spekulierte „Newsweek“ mittels Titelfotomanipulation, wie die 14 Jahre zuvor tödlich verunglückte Prinzessin Diana heute wohl, mit 50 Jahren, aussähe. Im September sollte ein Coverfoto zweier gestikulierender Männer mit Bärten und arabischer Tracht die „Wut der Muslime“ darstellen. Doch ob die Szene aus einer antiwestlichen Demonstration stammt, von einer Trauerfeier, aus einer kleinen Menschenansammlung oder einem Massenprotest, ließ sich nicht erkennen.

Wie „Newsweek Global“ künftig als Internetplattform aussehen wird, verrät das Abschiedsheft nicht. Aber zweifellos hat Tina Brown recht mit dem, was sie im Editorial schreibt: „Mitunter ist Veränderung nicht nur gut, sondern notwendig.“

Künftig Online

Im Februar 1933 gründete ein Journalist des Konkurrenzblattes „Time“ das Magazin „Newsweek“, das zuletzt konstant rote Zahlen schrieb. 2010 übernahm es Sidney Harman und verschmolz „Newsweek“ mit der Webseite „The Daily Beast“. Nach Harmans Tod 2011 stellte seine Familie die finanzielle Unterstützung ein. Am 25.12. erschien die letzte Ausgabe, der Onlinenachfolger ist kostenpflichtig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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