"Homeland": Der Feind in meinem Land

Von manchen als derzeit beste Serie gepriesen, seit Sonntag auf Sat1 zu sehen: Das Amerika von "Homeland" ist verwirrt, es tappt im Dunkeln, und es hat nie das ganze Bild.

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claire danes – (c) AP (Kent Smith)

Ein langer Blick aus einem offenen Fenster: Aber wer wirft diesen Blick? Eine wackelige Kamera, die einer CIA-Agentin auf ihrem Weg durch den abgelegenen Wald folgt: Aber da ist doch niemand, da kann niemand sein! Oder doch? Wer spioniert hier, wer hat sich verschanzt, Freund oder Feind, CIA oder al-Qaida?

Die Serie „Homeland“ lässt es offen, die Figuren tappen im Dunkeln, und der Zuschauer ist ihnen, wenn überhaupt, immer nur einen winzigen Schritt voraus: Der führt ihn dann auch noch oft in die falsche Richtung. Eine Kamera, die erzählt, was nicht da ist, passt perfekt zu dieser Story: Nein, da ist tatsächlich niemand, nicht im Haus und nicht im Wald.


Der Held der Primetime. Im Mittelpunkt von „Homeland“, das in den USA einen Fernsehpreis nach dem anderen einheimst, steht ein Marine, der von Terroristen im Irak gekidnappt worden ist und nach acht Jahren von einer Spezialeinheit befreit wird: Sergeant Nicholas Brody (Damian Lewis) kehrt in die USA zurück, ein gefeierter Held, den man gern zur Primetime zeigt, der sich gut auf Paraden macht, und den eine Mitarbeiterin des Vizepräsidenten zu einer politischen Karriere überreden möchte: So einer könnte eine Menge Spenden lukrieren, gerade im Moment, wo sein Gesicht überall zu sehen ist.

Nur: Da wäre noch etwas. Die CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) hat bei ihrem Einsatz im Irak erfahren, dass ein Amerikaner „umgedreht“ worden sei, „turned“: Sie ist überzeugt, dass es sich um Sergeant Brody handelt, im Zucken seiner Hand glaubt sie einen Code zu entdecken. Doch die Agentin, erfährt der Zuschauer schon bald, leidet an einer neurologischen Störung: Wenn sie ihre Medikamente nicht nimmt, leidet sie unter Halluzinationen.

Überwachung rund um die Uhr. Das macht nicht nur den Zuschauer skeptisch, sondern auch ihren Vorgesetzten und Mentor. Carrie beginnt darum, auf eigene Faust zu recherchieren, verwanzt das Haus des Sergeanten, lässt überall Kameras installieren, im Bad, in der Küche, im Schlafzimmer. Sie bewacht den Heimkehrer rund um die Uhr und kommt ihm so näher: Sie schläft, wenn er schläft. Sie schreckt aus dem Schlaf, wenn er von einem Albtraum geplagt wird. Sie weiß, dass er eine Krawatte sucht, sie weiß, wo diese Krawatte hängt – und zwar schon vor der treusorgenden Ehefrau.

Und bei dieser Ehefrau beginnt die zweite Linie dieser Serie, psychologisch glaubwürdiger übrigens als der Hauptstrang, der diesbezüglich nach ein paar Folgen doch eine eher seltsame Entwicklungen nimmt: Eine der wenigen Schwächen der Serie, aber eine, die man wohl in Kauf genommen hat, um über zwei Staffeln die gepflegte Paranoia aufrechterhalten zu können.

Diese Nebenlinie jedenfalls handelt von der Familie des heimgekehrten Sergeanten, und sie funktioniert ganz unabhängig davon, ob der Sergeant nun Freund ist oder Feind, aufrechter Amerikaner oder Abgesandter der al-Qaida. Denn ob umgedreht oder nicht, er ist traumatisiert, und er war acht Jahre lang fort: Seine Frau hat eine neue Liebe gefunden, der Sohn erkennt seinen Vater nicht mehr, die Tochter ist hin- und hergerissen. Sie hat die Liaison ihrer Mutter mitbekommen, hält die Verlogenheit nicht aus, mit der vor der Presse heile Welt gespielt wird, aber die Wahrheit erträgt sie auch nicht. Und der heimgekehrte Vater? Ist vor allem überfordert: Er schockiert die Kinder, als er während einer Party die Pistole holt und ein Reh erschießt, das sich dem Garten genähert hat. Er schockiert seine Frau – weil er vor ihr masturbiert, anstatt mit ihr zu schlafen. Letztlich wird er die ganze Nation schockieren, aber wir wollen hier nicht zu viel verraten.


Die Lieblingsserie Obamas. „Homeland“ ist eine Serie über die Folgen von 9/11, im Vorspann sind die einstürzenden Twin Towers zu sehen, und man hört aus dem Off die Stimme der CIA-Agentin, die erklärt, dass dies nie wieder geschehen dürfe: „I won't – I can't let this happen again.“ Es klingt wie eine Beschwörung. Oft ist betont worden, wie differenziert die Serie mit dem Thema Terror und Terrorbekämpfung umgeht, dass hier eine Weiße ihren pakistanischen Freund in die Arme der Terroristen treibt, dass auch die CIA ihren Gefangenen so übel mitzuspielen droht, dass sie lieber den Suizid wählen, dass hier die Araber nicht die Bösen und die Amerikaner nicht die Guten sind.

Doch das ist nicht ganz richtig – man sehe nur die Brutalität der im Irak spielenden Folterszenen – und führt auch auf die falsche Fährte. Denn das Thema von „Homeland“ sind gar nicht die Terroristen, sind nicht die anderen. Das Thema sind die USA. Die amerikanische Furcht, die amerikanischen Zweifel, die amerikanische Unsicherheit. „Homeland“ ist Selbstbefragung auf hohem Niveau. Nicht umsonst ist es die Lieblingsserie Barack Obamas. (Wenn er allein fernsieht, hat er betont: Im Kreise der Familie bevorzugt er die Serie „Modern Family“.)


Amerika tappt im Dunkeln. „Homeland“ ist eine Serie über Halbwahrheiten, die gelogen, und Lügen, die fast wahr sind, so genau weiß man das nie. Jeder Versuch, Erkenntnisse zu sammeln, wirft neue Fragen auf – und so bringt uns keine Episode der Antwort näher. Das Amerika von „Homeland“ ist verwirrt, es tappt im Dunkeln, und es hat nie das ganze Bild. Egal, wie viele Kameras, egal, wie gut ausgeleuchtet die Szene ist, egal, wie viele Spiegel: Irgendwo ist immer ein toter Winkel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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