ORF kann auf Formel1 und Orchester verzichten

Richard Grasl, Finanzchef des ORF, sagt im Gespräch mit den Bundesländerzeitungen: "Müssen uns auf Kernaufgaben konzentrieren." Differenzen gab es am Donnerstag im Stiftungsrat rund um die Sparpläne.

Sparplaene kann Formel1 Orchester
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Sparplaene kann Formel1 Orchester
Sparplaene kann Formel1 Orchester – (c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)

ORF-Chef Alexander Wrabetz übt sich in Optimismus. Im Vergleich zum staatlichen Fernsehen in Marokko, dem unlängst 40Prozent des Budgets gekürzt wurde, ginge es dem ORF richtig gut, sagte er am Rand des Stiftungsrates am Donnerstag. Ganz so erfreulich ist die Lage für den ORF freilich nicht. Seit Kurzem steht fest, dass die Politik vor der Nationalratswahl keine weiteren Millionen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stecken will. 600Millionen Euro kassiert er bereits durch Rundfunkgebühren. Der Einnahmenausfall durch Gebührenbefreiungen wird ab 2014 nicht – wie zuletzt mit 160Mio. Euro in vier Jahren – ersetzt. Wo kann der ORF also künftig sparen? Noch bevor der Stiftungsrat am Donnerstag unter anderem zu dieser Frage tagte, legte Finanzdirektor Richard Grasl seine Überlegungen in einem Gespräch mit den führenden Bundesländerzeitungen dar: „Wir müssen uns auf unsere absoluten Kernaufgaben konzentrieren und reduzieren. Niemand kann ernsthaft glauben, dass bei 30Millionen Euro weniger Geld das Angebot gleich bleiben kann.“ Während ihm Ski-Übertragungen als unantastbar gelten – „daran darf keiner rühren“ – hält Grasl mittelfristig ein Ende der Formel-1-Übertragungen für möglich und sinnvoll: „Der Aufwand für die Formel1 ist beträchtlich – da müssen wir nach Auslaufen des Vertrags überlegen, ob wir diese Mittel nicht für unverwechselbaren österreichischen Inhalt wie Filmproduktionen oder Dokumentationen einsetzen.“ 15Filme könne man für das Geld, das die Übertragung kostet, machen.

 

Neuer Kollektivvertrag – oder Jobabbau

Neben Programmreduktionen und Sondererlösen wird wohl auch beim Personal gespart werden müssen, kündigt Grasl an. „Entweder es gelingt uns, einen neuen Kollektivvertrag zu fixieren. Oder wir müssen uns von 250Mitarbeitern trennen.“ Grasl favorisiert jedoch die Ausgliederung von Nicht-Kernbereichen wie technischen Diensten oder von Verwaltungseinheiten in Tochtergesellschaften – eventuell mit Neuanstellung der Mitarbeiter zu neuen Bedingungen, nur das könnte die Kosten relativ rasch senken.

„Was mich wirklich stört, ist, dass einige immer noch glauben, im ORF gebe es eine zu geringe Produktivität. Wir haben in vier Jahren 600Mitarbeiter eingespart – das sind fast 20Prozent des Personals. Da könnten sich viele, die in so einer schwierigen Situation sind, etwas abschauen“, sagt Grasl. Bei der Frage, was zum Kernauftrag des ORF gehöre und was nicht, wird immer wieder das Rundfunksymphonieorchester genannt. Generaldirektor Wrabetz will es weiterführen, Grasl will diskutieren: „Auch wenn es sich um ein großartiges Orchester handelt, wird man darüber reden müssen, ob man TV-Produktionen streicht, aber die Streicher weiter spielen. Aber am liebsten wäre es mir natürlich auch, wir könnten es fortführen.“

Die Fraktionen im Stiftungsrat waren am Donnerstag uneins, wie mit den fehlenden Gebühren umzugehen sei. SPÖ-Freundeskreisleiter Josef Kirchberger brachte erneut einen an die Politik gerichteten Antrag für die Fortsetzung der Gebührenrefundierung ein, allerdings ohne dezidierten Sparauftrag. Die ÖVP-Stiftungsräte wollten da nicht mit, man habe bereits Anfang März einen beinahe identen Appell mit Hinweis auf Einsparungspotenziale eingebracht: eine neuerliche Resolution sei „nicht hilfreich“ und „inflationär“. Unbeeindruckt von diesen Differenzen und optimistisch gab sich Wrabetz. Er sehe „durchaus realistische Chancen“, die Refundierung in „Nichtwahlzeiten von der nächsten Regierung“ zu bekommen.

Das Interview wurde im Rahmen eines Treffens der Chefredakteure führender Bundesländerzeitungen mit Richard Grasl geführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2013)

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