Private haben kein Mitleid mit ORF

Die Privatsender haben genug vom Jammern über das Sparen des ORF. Er habe noch genug „fette finanzielle Mittel“, um teure Erstausstrahlungsrechte zu kaufen.

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Private haben kein Mitleid mit ORF – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Tarnen und Täuschen nennt man das wohl: Im ORF kursiert ein Imagevideo, in dem dafür geworben wird, weiterhin vom Staat jährlich einen Millionenzuschuss für entgangene Rundfunkgebühren zu bekommen. Die Gebührenrefundierung sei „eine Investition in öffentlich-rechtliches Programm“, sagt die weibliche Stimme aus dem Off. Davor hat sie aufgezählt, wohin die insgesamt 160 Millionen Euro in den vergangenen vier Jahren geflossen sind: in die Spartenkanäle, das Rundfunksymphonieorchester, den Ausbau der Untertitelung des Programms für Blinde. Nebenbei habe man seit 2009 mehr als 60,9 Millionen Euro beim Personal gespart und zum dritten Mal hintereinander positiv bilanziert.

Worauf der Spot abzielt, ist klar. Der ORF präsentiert sich darin als braver Sparmeister, der alle gesetzlichen Auflagen für den Erhalt der Zusatzmillionen eingehalten hat. Doch verschwiegen werden wesentliche Teile des Programms: kein Wort von Action-Blockbustern, „Dancing Stars“ oder „Große Chance“, Fußballübertragungen oder Serien. Das Video, das auf YouTube gelandet ist, stößt den heimischen Privatsendern naturgemäß besonders auf. Am Dienstag luden sie zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Rundfunkfinanzierung, die zugleich Auftakt für eine neue Veranstaltungsreihe war. Die eingeladenen ORF-Vertreter waren nicht gekommen. Sowohl Generaldirektor Wrabetz als auch die angefragten Direktoren und Stiftungsräte hatten die Einladung ausgeschlagen. Der ORF schlug andere Gäste vor, die waren wiederum den Privatsendern nicht genehm. Eine kleine Posse, die zeigt: Die Gräben zwischen Privat- und öffentlich-rechtlichem Rundfunk sind tief, derzeit will man nicht einmal miteinander diskutieren.

Keine Veranstaltung gegen den ORF

Den Zeitpunkt der Veranstaltung hätten die Privatsender nicht besser planen können. Seit Tagen wird gegen die mögliche Einstellung von kulturellen Veranstaltungen wie dem Bachmann-Preis oder sozialen Einrichtungen wie „Rat auf Draht“ protestiert. Für Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker grenzt die Jammerei über das ORF-Sparprogramm von immerhin 80 Millionen Euro an „Propaganda“. Der ORF werde sich auch in Zukunft Kultursendungen leisten können, wenn er bereit sei, bei anderen Bereichen zu sparen. „Der ORF soll weiter Unterhaltung bieten, aber in angemessenem, europäisch durchschnittlichem Umfang“, so die Forderung des Privatsenderverbands. „Der ORF soll nicht keinen Sport mehr zeigen, sondern nicht mehr jeden Sport. Nicht keine Serien, sondern nicht mehr jede wichtige Serie“, sagt Breitenecker.

Man wolle „keine Veranstaltung gegen den ORF abhalten“, betonte Klaus Schweighofer, Präsident des Privatsenderverbands und Styria-Vorstand: „Wir sind davon überzeugt, dass der ORF wichtig für dieses Land ist.“ Doch die Schieflage zwischen öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk müsse behoben werden.



Was wollen die Privaten also? Einen „fairen Wettbewerb“. Von dem sei Österreich weit entfernt, zumindest ergab das ihre Untersuchung der quotenstärksten Formate in Europa: Die teuren Kommerzrechte für Fußballübertragungen, Spielfilme, Serien und Shows seien in anderen europäischen Ländern zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern aufgeteilt. Anders in Österreich, hier würden alle Erstausstrahlungsrechte, bis auf „Twilight“ und die Champions League, bei einem Anbieter liegen – dem ORF.  Für Breitenecker ein Indiz für seine „fetten finanziellen Mittel“ durch öffentliche Mittel und Werbung (2012 betrug das Budget 900 Millionen Euro, 596 Millionen waren Gebühren), die im europäischen Vergleich und bezogen auf die Anzahl der zu versorgenden Bevölkerung sehr hoch seien. Würde er künftig bei seinen Rechteausgaben sparen, sich an das ORF-Gesetz halten, würde eine Diskussion wie derzeit über das Ende des Bachmann-Preises und Personalkürzungen hinfällig werden.

Übrigens, auch die Privatsender sind gut darin, in knackigen Imagevideos ihre Botschaft zu verpacken: Siegessicher reihen sie da Sendungen aneinander, vom Science-Fiction-Blockbuster „Avatar“ über den Historien-Mehrteiler „Tore der Welt“, Sitcoms wie „How I Met Your Mother“ und Serien wie „CSI Miami“ bis zu Fußball- oder Olympia-Berichten. Ein Sprecher sagt: „Das beste TV-Programm wird überall in Europa gleichberechtigt aufgeteilt. Nicht überall. Ein kleines Land kämpft immer noch gegen die Vorherrschaft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.“ Am Ende löst sich das Rätsel auf: Alle angeführten Sendungen waren sowohl im ORF als auch in Österreichs Privatsendern ATV, Puls4 oder ServusTV zu sehen. Das gallische Fernsehdorf Österreich, das da in Asterix-Manier gezeichnet wurde, würden die Privaten lieber heute als morgen verlassen wollen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.06.2013)

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