Widerstandskämpfer und Verleger Fritz Molden ist tot

Im 90. Lebensjahr starb der Widerständler, Südtirol-Aktivist, Großverleger und diplomatische Abenteurer. Sein turbulenter Lebensbogen barg viele Geheimnisse, über allem aber stand ein rot-weiß-roter Patriotismus.

Fritz Molden (im Bild bei einer Rede im Jahr 2001) verstarb im Alter von 89 Jahren.
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Fritz Molden (im Bild bei einer Rede im Jahr 2001) verstarb im Alter von 89 Jahren.
Fritz Molden (im Bild bei einer Rede im Jahr 2001) verstarb im Alter von 89 Jahren. – (c) APA/Günter Artinger

Wie die Charaktereigenschaft eines Mannes beschreiben, der so viele Leben besaß? Wie den Widerständler gegen Hitler und späteren Südtirol-Aktivisten, wie den Zeitungserben, Druckerei-Tycoon und Waldheim-Verteidiger, den Buchverleger und Großpleitier Fritz Molden charakterisieren? Ganz leicht: Ein Wort fasst all das pralle Leben zusammen, das soeben zu Ende gegangen ist: Mut. Der Mann hat sich etwas getraut. Vieles ist ihm geglückt, manches ist schiefgelaufen, er hat all das mit der Attitüde des Döblinger Großbürgers ertragen. Mit Ironie, Schlagfertigkeit und einer Portion Übermut. Fritz Molden verstarb heute früh im 90. Lebensjahr. Molden war während der Weihnachtsfeiertage erkrankt und seither im Krankenhaus Schwaz behandelt worden.

Molden hat in vollen Zügen gelebt. Dass dabei „Die Presse“ für ein Gutteil seines Lebensbogens geliebtes Herzstück und finanzielles Sorgenkind war, lag am Elternhaus in der Döblinger Osterleitengasse. Er war zehn, als Nationalsozialisten den „Ständestaatkanzler“ Engelbert Dollfuß ermordeten. Bruder Otto war schon beim Freikorps, Vater Ernst stellvertretender „Presse“-Chef. Ein Liberaler, ein Anti-Nazi, ein Gelehrter, ein Großbürger, verheiratet mit Paula von Preradović, die später die Strophen der Bundeshymne in der Zweiten Republik schaffen sollte.

Schon am Tag des Anschlusses, am 13. März 1938, verhaftet die Gestapo die Brüder Otto und Fritz. Doch das ist ihnen keine Warnung. Am 7. Oktober jubeln sie dem Wiener Erzbischof Kardinal Theodor Innitzer zu, der im Dom zu Sankt Stephan erstmals – und in Großdeutschland einzigartig – lauten Protest von der Kanzel wagt.

Todeszelle, Strafbataillon

Die Hitlerjugend schlägt am nächsten Abend in rasender Wut zurück, verwüstet das Erzbischöfliche Palais, und Fritz prügelt sich mit den Nazis. Ein neuerliches Verhör durch die Gestapo ist die Folge, auch Mutter Paula wird verhaftet. Der Hass des Gymnasiasten auf die braunen Eindringlinge verleitet ihn zu einem missglückten Fluchtversuch nach Holland, die Strafe folgt auf dem Fuß: Todeszelle am Morzinplatz, dann die „Begnadigung“, die einem Todesurteil gleicht: Strafbataillon der Wehrmacht in den Pripjatsümpfen bei Kiew. Molden hat Glück, landet mit einem Streifschuss in der Etappe. Und retiriert mit einer Widerstandszelle nach Italien. Ein fliegendes Feldgericht kann ihn nur noch in Abwesenheit zum Tode verurteilen.
So beginnt Fritz Moldens „zweites Leben“. In der Schweiz nimmt er 1944 Kontakt zu Allen Welsh Dulles auf, der später CIA-Chef und sein künftiger Schwiegervater wird. Zwischen September 1944 und Mai 1945 reist er unter falschem Namen in deutscher Uniform sieben Mal nach Wien und zwölf Mal nach Innsbruck. Einmal erkennt ihn ein Schulfreund auf der Kärntner Straße. Ohne Folgen, wie er Christian Ultsch in seinem letzten Interview 2013 schildert.

Die Folgen trägt dafür seine Mutter, die Dichterin. Trotz Gestapo-Folter verrät sie ihre Söhne nicht. „Nach dem Krieg wurde sie operiert, sie lebte noch bis 1951, immer krank.“

In Innsbruck gesellt sich der junge Molden zu Karl Gruber und Ludwig Steiner, sie übernehmen dort Regierungsmacht, dann braucht ihn sein Vater Ernst bei der Wiedergründung der „Presse“ in Wien. Fritz kann Geld heimbringen: von der CIA aus Amerika. Mit 34 ist er Wiens Zeitungskönig mit dem Blatt der Großbürger und dem Boulevardblatt „Express“, dessen Chefredakteur Gerd Bacher heißt. Der markante Neubau an der Heiligenstädter Lände macht ihn zugleich zum Besitzer von Wiens größter Zeitungsdruckerei. Bacher ist auch an seiner Seite, als es in den Fünfzigerjahren gegen die von den Kommunisten kontrollierten „Weltjugendfestspiele“ in Wien geht. Die beiden produzieren Sondernummern zur Aufklärung der Österreicher angesichts des infamen Spiels der Sowjets. Sie haben dabei erste Kontakte zu dem aufstrebenden Stern der Sozialdemokratie, Bruno Kreisky. Dieser nimmt die zwei Freunde auch nach New York mit, als es darum geht, die neofaschistischen Unterwanderungsversuche Italiens in Südtirol vor die Weltöffentlichkeit zu bringen. Von den Gesprächen bei den UN kann „Die Presse“ als einzige Zeitung authentische Reportagen liefern.

Verkauf des Zeitungsimperiums

Molden und Bacher, Pfaundler und Heuberger: Sie haben zuvor lange Zeit den Südtiroler Widerstand aktiv unterstützt. „Kreisky und Landeshauptmann Wallnöfer haben alles gewusst“, erzählte Molden immer wieder. „Auf einen gesprengten Strommast mehr oder weniger soll's uns nicht ankommen“, habe der SPÖ-Außenminister im vertrauten Gespräch gemeint. Als der Volkstumskampf die ersten Todesopfer fordert, ziehen sich Bacher und Molden zurück.

Mit vierzig Jahren verkauft Molden sein Imperium: die „Presse“, „Wochenpresse“, Druckerei, das Verlagshochhaus. Aber die hochfliegenden Träume haben ihn nicht verlassen. Er gründet seinen Buchverlag, macht Bacher zum Generalbevollmächtigten und boxt sich zum fünftgrößten Verlag im deutschsprachigen Raum hinauf. 1982 dann der Absturz, der Konkurs. Alles ist weg, das Haus in Döbling, der Firmensitz in Grinzing, nur das Refugium in Alpbach hat er zuvor auf Ehefrau Hanna überschreiben können.

Längst ist er da zum Zeitzeugen geworden. In den Achtzigerjahren reaktiviert die Republik nochmals seine Kontakte zu Amerika: Er übernimmt die Verteidigung des Bundespräsidenten Kurt Waldheim vor der Weltöffentlichkeit. Und beharrt als ehemaliger Widerständler darauf, dass Österreich das erste Opfer der Hitler-Barbarei geworden sei. „Da zeigt sich, wie wichtig Aufklärung in den letzten Jahren gewesen wäre. Das führt zu völlig falschen Beschuldigungen gegen Österreich“, sagte er im „Presse“-Gespräch.

Mehr Selbstbewusstsein, das war seine Forderung: „Vielgeprüft und neu erstanden – ich für meine Person würde denen, die nach mir kommen und sich als Österreicher fühlen, ein solches runderneuertes Land als Heimstätte und zum ordentlichen Gebrauch wünschen.“ So enden seine Memoiren unter dem Titel „Vielgeprüftes Österreich“.

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