"Theoretisch ist das ein Thema, faktisch nicht"

29.05.2007 | 18:09 |  PATRICIA KÄFER (Die Presse)

Die ORF-Russland-Korrespondentin Susanne Scholl bekommt heute den Axel-Corti-Preis verliehen.

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Es wird brutaler. In letzter Zeit spürt man wieder: Die Repressionen werden stärker.“ Wenn Susanne Scholl über ihre Arbeit als ORF-Korrespondentin in Moskau spricht, erinnert sie an gefangen genommene Journalisten beim EU-Russland-Gipfel in Samara, niedergeschlagene Journalisten beim „Marsch der Unzufriedenen“ im März in St.Petersburg. Einschränkungen betreffen in erster Linie russische Medien, ausländische Reporter wie sie seien „nur von Kollateralschäden betroffen“, sagt Scholl: „Wir haben westeuropäische Pässe und können ausreisen. Wir verdienen dort nicht unseren Lebensunterhalt.“

In Russland sieht sie ein Paradoxon bestätigt, das überall auf der Welt zu beobachten sei: „Journalisten glaubt man erst einmal gar nichts. Dem Fernsehen aber schon.“


Keine Zeit, freie Presse zu etablieren

Das Problem sei, dass das TV den Russen als Hauptinformationsquelle dient – und die großen Sender sind fest in der Hand des Kremls. „Was die Menschen im Fernsehen hören, geben sie weiter.“ Auch deshalb hätten sie eine so undifferenzierte Anschauung etwa des Tschetschenien-Konflikts.

„Die Bevölkerung hatte nicht lange Zeit, sich an eine freie Presse zu gewöhnen. Man hatte damals andere Sorgen.“ Berichten westliche Medien negativ über russische Verhältnisse, dann spielen „die staatlich gelenkten Medien den ausländischen den Schwarzen Peter zu.“ Das hätten sie schon zu Sowjet-Zeiten so gehandhabt. Unabhängige Medien existieren nur in Nischen. Der Bekanntheitsgrad Anna Politkowskajas etwa hielt sich in Grenzen, „da sie von offizieller Seite totgeschwiegen wurde“. Ihre Ermordung löste aber sehr wohl Befremden in der Bevölkerung aus. Als „Hoffnungsträger“ sieht Scholl das Internet – wenngleich derzeit nur „etwa zehn Prozent der Menschen Zugang dazu haben“. Dass das Web Potenzial hat, ist auch dem Kreml aufgefallen: „Es ist ein Gesetz in Vorbereitung, das das Internet besser unter Kontrolle bringen soll.“

Läuft in Russland auch eine Debatte über Datenschutz? Scholl lächelt: „Theoretisch ist das schon ein Thema, faktisch nicht.“ Zu den Ereignissen in Venezuela (Präsident Hugo Chávez verlängerte die Sendelizenz des zweitgrößten privaten Senders nicht, was zu gewaltsamen Auseinandersetzungen der Polizei mit Demonstranten führte) zieht sie nur eine Parallele: „Dass sich autokrate Systeme vor unabhängigen Medien fürchten. Und Chávez ist wie Putin ein Alleinherrscher, der Angst vor Kritik hat.“

Scholl lebt nun 14 Jahre in Russland, Ende der Neunziger kam sie für „ein kurzes Gastspiel“ nach Wien zurück. 2000 zog es sie erneut nach Moskau. „Russland ist ein unglaublich reiches Land – reich an Menschen, an Geschichte, an Geschichten.“ Angesprochen auf ihr Selbstverständnis als Journalistin, wehrt sie sich gegen den Begriff Sendungsbewusstsein: „Das sollte sich kein Journalist erlauben. Ich habe die Aufgabe zu erzählen, was dort passiert.“

Sie illustriert dies anhand einer Anekdote aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny: Die Stadt war im Wiederaufbau, als sie dort drehte, die Menschen aber lebten noch in Ruinen. Andere Fernsehteams nahmen das nicht auf – sie zeigte sehr wohl auch die Trümmer. Im vergangenen November wurde Scholl in Tschetschenien von russischen Behörden vorübergehend festgenommen und ihr Material beschlagnahmt.


„Isoliert würd' ich arm aussehen“

Einen überkritischen Zugang erlaubt sie sich nicht: „Dafür liebe ich das Land zu sehr. Ich erlebe mit, wohin es sich entwickelt.“ Spannend werden freilich die Präsidentschaftswahlen 2008, danach könne sie sich eine Rückkehr nach Wien vorstellen.

Den Axel-Corti-Preis empfindet sie nicht nur als Anerkennung für sich („Man arbeitet nicht für ein Fass ohne Boden“), sondern „für mein Team. Wir sind zu acht in Moskau. Allein, isoliert würd' ich arm aussehen.“ Zum ORF unter Alexander Wrabetz will Scholl, eine der ersten Unterzeichner der „SOS-ORF“-Initiative, keinen Kommentar abgeben.

ZUR PERSON: Susanne Scholl

1949 in Wien geboren, promovierte sie '72 in Rom zum Doktor der Slawistik. Ihre Laufbahn begann sie u.a. bei der Austria Presse Agentur. 1986 wechselte sie zum ORF, wurde Korrespondentin in Bonn, Moskau.

Die Mutter von Zwillingen ist Trägerin des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst. Anfang Mai erhielt sie den Concordia-Preis, heute, Mittwoch, wird ihr der Axel-Corti-Preis verliehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2007)

 
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5 Kommentare
Gast: Evelyne
30.05.2007 10:41
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Zumutung

Ich habe Frau Scholl in ZIB Interviews gesehen. Sie ist als Journalistin eine Zumutung, geht weit über ihren Rahmen, bringt ihre eigene Meinung und zeigt Dinge einseitig auf. Von Journalisten erwarte ich Berichte; Meinungen bilde ich mir selber. So wie, z.B. von Herrn Orter. Er ist seriös und unaufdringlich. Warum man Frau Scholl für ihre manipulativen Einsätze noch Preise gibt, ist mir ein Rätsel. Dem ORF wahrscheinlich nicht.

Antworten Gast: ABK
30.05.2007 14:09
0

Re: Zumutung

Und was kann man von einer Kommunistin aus Döbling denn schon anderes erwarten? Diese verachten das russische Volk zutiefst und mißbrauchen es für ihre verkrampften Ideologien. Das war ja schon einmal so, ob es ihnen noch einmal gelingen wird kann man dann an der Menge an oranger Soros-Farbe in den kommenden ORF-Fernsehberichten aus Moskau ablesen.

Antworten egonerwinkisch
30.05.2007 12:53
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Re: Zumutung

Sie haben völlig recht!

Frau Scholl sollte zuerst einmal die deutsche Sprache lernen - das sinnferne Geplappere ist unerträglich.

Es gäbe über Rußland so viel Interessantes zu berichten - aber heute bekommt man ja nur mehr für "Putin/Bush-Bashing" einen Preis...

Antworten Gast: Fernseher
30.05.2007 12:21
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Re: Zumutung

Darum kriegt sie auch den Corti Preis. Das sagt schon alles über die notwendige Qualifikation....

Gast: grubenhund
29.05.2007 21:42
0

meine hochachtung

vor dieser österreichischen Journalistin, die gleich der Plejade ihrer deutschen Kollegen, der Liebe zum Objekt ihrer Tätigkeit verfiel und somit zu verstehen imstande ward. Ich harre der großen filmischen Liebeserklärung der Frau Scholl an Rußland, wie sie von so vielen deutschen Kollegen eindrucksvoll vorgelegt worden ist.

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