DiePresse.com

DiePresse.com | Kultur | Medien | Artikel DruckenArtikel drucken


Wrabetz: "Ich habe nie offene Türen versprochen"

21.12.2007 | 15:33 | MICHAEL FLEISCHHACKER (Die Presse)

Der ORF-Generaldirektor über den steinigen Weg zur Gebühren-Erhöhung, enttäuschte Erwartungen seiner Mitarbeiter und die Neudefinition von Erfolg im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Die Presse: War das Ihr bestes Jahr im ORF ?

Wrabetz: Als Generaldirektor ja.

Das heißt, es kann nur schlimmer werden.

Wrabetz: Nein, ich denke, dass man ganz nüchtern Bilanz ziehen muss: einiges ist ganz gut gelungen, Etliches hätte ganz zweifellos besser laufen können. Was funktioniert, ist etwa die Möglichkeit, Themenschwerpunkte zu machen. Am anderen Ende des Spektrums haben wir die Bundesliga in den ORF zurückgeholt und abgesichert. Es gibt an der Unabhängigkeit der Redaktion keinen Zweifel. Wir werden heuer trotz einer schwierigen Situation ein ausgeglichenes Ergebnis haben. Und schließlich haben wir trotz heftiger Diskussion die finanziellen Grundlagen für die künftige Entwicklung geschaffen.

Sie sprechen damit die Gebührenerhöhung an. Glauben Sie wirklich, dass die Ihr Problem lösen kann?

Wrabetz: Es ist ein ganz wesentlicher Beitrag dazu. Man kann immer über Zeitpunkt und Form diskutieren, aber es wurde ja im Kern darüber diskutiert, ob sie überhaupt noch einmal erhöht werden sollen. Das hat mich schon mit Sorge erfüllt, wie gewaltig grundsätzlich und hochpolitisch diese Diskussion wieder geworden ist. Bei der letzten Gebührenerhöhung 2003 war das nicht der Fall.

Sie meinen das Sperrfeuer der ÖVP?

Wrabetz: Ja, hier wurde der Grundkonsens über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Frage gestellt.


Sie werden die eine oder andere Hypothese über die Motive dieses Sperrfeuers haben.

Wrabetz: Ich habe bewusst keine politischen Gespräche über diese Gebührenerhöhung geführt ...


... jedenfalls nicht mit der ÖVP...

Wrabetz: ...mit niemandem. Einer der Gründe dafür, dass ich das jetzt relativ rasch und überraschend gemacht habe, war, dass ich weiß, dass man, wenn man sechs Monate darüber diskutiert, allen möglichen Dingen ausgesetzt ist.

Ist es nicht zu einfach, das mit politischem Sperrfeuer der ÖVP zu erklären? Man könnte auch sagen, dass die Gebührenerhöhung nur längst fällige Strukturreformen verzögert.

Wrabetz: Das sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Ja, natürlich müssen wir Strukturreformen angehen, aber es geht eben auch immer um die Einnahmenseite.


Das heißt, auf die Belegschaft werden Opfergänge zukommen?

Wrabetz: Nicht Opfergänge. Wir müssen das letzte aus der Organisation herausholen, wir müssen diese Organisation auf neue Zeiten umstellen, auch von den technischen Abläufen her.

Konkret: weniger technisches Personal?

Wrabetz: Wir haben in manchen Bereichen ein Zusammenwachsen von journalistischem und technischem Personal vor uns, wie es im Radiobereich zum Teil ja schon stattgefunden hat.

 

Aber es heißt, der ORF habe im internationalen Vergleich einen besonders ungesund hohen Anteil an technischem Personal.

Wrabetz: Das ist doch nur eine Frage der Darstellung. SRG oder ARD haben genau so viel technisches Personal, die einen haben es eben angestellt, andere in Tochtergesellschaften ausgegliedert, andere mieten es zur Gänze an. An der Kopfzahl ändert sich dadurch nichts. Man kann und muss über Auslastung und Rationalisierung reden, aber dass es ohne Technik nicht geht, ist doch unbestritten.


Sie hatten vor einigen Jahren eine große Anstellungswelle. Rächt sich das jetzt?

Wrabetz: Der große Vorteil dieser Anstellung war, dass der ORF jetzt nicht bankrott ist. Eine Sammelklage der dauerhaft durchbeschäftigten freien Mitarbeiter in die FBV (Freie Betriebsvereinbarung, Anm.) hätte dazu geführt, dass wir heute hier gar nicht mehr sitzen. Das war einfach der Deal: Anstellung, dafür neuer Kollektivvertrag mit flacheren Anciennitätskurven und Abfertigung neu. Und jedenfalls werden wir in den nächsten drei Jahren 250 der 3400 fest angestellten ORF-Mitarbeiter durch Fluktuation abbauen.

 

Der ORF gilt inzwischen ja als Sanierungsfall.

Wrabetz: Ist er aber nicht. Wir haben in der Vergangenheit immer rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen getroffen. Meine Finanzvorschau aus dem Jahr 2002 hätte, ohne Maßnahmen, für 2006 die Insolvenz gezeigt.

Jetzt haben Sie es doch bis 2007 geschafft.

Wrabetz: Wir sind nicht nur nicht insolvent, wir haben ein ausgeglichenes Ergebnis. Und das wird auch im Jahr 2009/2010 wieder so sein. In der Zwischenzeit greifen wir einmalig auf die Reserven zurück (aufgrund der Sondersituation), um den Einstieg in neue Technologien und die Großereignisse des Jahres 2008 zu finanzieren.


Das ist ungefähr so, wie wenn wir uns wirtschaftlich vor Nationalratswahlen fürchten würden, weil das so viele Leser interessiert, für die wir dann eine Zeitung drucken müssten.

Wrabetz: Das hat ganz stark mit der Limitierung der Werbezeiten und mit den restriktiven Regeln bei den Sonderwerbeformen für die Euro zu tun. Bei den olympischen Spielen ist es noch ärger: da geht es in erster Linie darum, alle vier Jahre den österreichischen Athleten aller Sportarten eine Bühne zu bieten und weniger um eine Quotenmaximierung. Das gehört einfach auch zu unserem Auftrag.

 

Die ARD-Chefin hat kürzlich gemeint, Sie hätten eigentlich für einen Öffentlich-rechtlichen zu viel Werbung.

Wrabetz: Nein, sie hat gesagt, wir haben zu wenig Gebühren. Wir sind in Österreich strukturell unterfinanziert aus Gebühren, das ist ein historisch gewachsenes Problem. Würden wir die ORF-Gebühren zur Gänze bekommen, hätten wir weder einen so großen Werbedruck noch ein finanzielles Problem.


Gibt es so eine generelle Krise des Fernsehens?

Wrabetz: Wir stehen am Beginn eines großen Veränderungsprozesses. Das Zeitgebundene wird sich in neue Formen auflösen. Man wird auch neue Definitionen dafür finden müssen, was ein Erfolg ist: Der Tagesmarktanteil, der künstlich zur einzig gültigen Maßzahl gemacht wurde, wird sicher an Bedeutung verlieren.

Wie definieren also Sie Erfolg?

Wrabetz: Für uns ist die Reichweite viel wichtiger als der Marktanteil. Für die Relevanz und Gebührenlegitimation ist wichtig, wie viele Österreicher täglich unser Angebot nutzen.

Sie führen die Rückgänge öffentlich gern auf die Digitalisierung und die Zuwächse der Kleinstsender zurück. Ist nicht hauptsächlich Ihre Programmreform gescheitert?

Wrabetz: Man muss das differenziert sehen. Im umstrittensten Bereich, nämlich dem Vorabend in ORF2, liegen wir inzwischen wieder deutlich über dem, wo wir vor der Reform lagen. Dass wir „Kreuz & Quer“ vorverlegt und verlängert haben, dass wir „Menschen und Mächte“ eingeführt haben, den Eurofilm, all das sind öffentlich-rechtliche Maßnahmen, die ihren Wert haben.

Und dann gibt es noch ORF 1, der von den Privaten mit freiem Auge nicht mehr unterscheidbar ist. Für ORF 1 dürfte man eigentlich keine Gebühren verlangen.

Wrabetz: Also erstens ist ORF 1 der einzige österreichische Sender mit einem eigenproduzierten Kinderprogramm. Zweitens ist es der einzige Sender mit einem österreichischen Sportprogramm. Und es ist der einzige Sender mit einer auf jüngeres Publikum ausgerichteten, österreichischen Eigenproduktion, von „Soko Kitz“ bis „Wir sind Kaiser“. Und es ist der einzige Sender mit einer durchgehenden österreichischen Nachrichtenleistung von 16 bis 24 Uhr. Und es ist der einzige Sender der internationale Top-Programme unterbrecherwerbungsfrei bringt.

Womit der öffentlich-rechtliche Auftrag für Sie auch schon durchdekliniert wäre?

Wrabetz: Eigenproduktion, Information, Unterhaltung, Sport: ja, das sind die Hauptelemente des öffentlich-rechtlichen Auftrags.

Da kann ORF 2 dann eigentlich gar nicht mehr öffentlich-rechtlicher sein als ORF 1.

Wrabetz: Was fehlt, ist, dass wir noch mehr Eigenproduktionen haben sollten. Das war ja auch einer der Hauptgründe für die Gebührenanpassung.

War das Ende der Durchschaltung der „Zeit im Bild“ ein Fehler?

Wrabetz: Dass das irgendwann notwendig geworden wäre, ist klar. Man kann über den Zeitpunkt diskutieren. Ich bin froh, dass wir es hinter uns haben. Dass das ein schwerer Moment wird, habe ich immer gewusst. Wir haben jetzt mit „ZiB 20“ eine Alternative in dieser Zeitzone, wir haben Sport und Seitenblicke hintereinander, nicht mehr gegeneinander, das hat auch Vorteile.

Die Massenflucht, die um 19.30 in Richtung deutscher Sender stattfindet, konnte dennoch nicht gestoppt werden. Nach wie vor fliehen 800.000 zur Konkurrenz.

Wrabetz: Was heißt Fliehen? Die Nutzung von Konkurrenzangeboten ist ja nichts Verwerfliches, sondern ein Faktum, mit dem man zu leben hat. Die „Zeit im Bild“ etabliert sich gerade jetzt wieder extrem gut. Wir lagen da wieder ungefähr bei 1,2 Millionen Sehern. Wenn man das mit der „ZiB 20“ zusammenzählt, haben wir sogar mehr junge Zuseher.

Was war ihr größter Fehler in diesem Jahr?

Wrabetz: Dass ich der Erwartungshaltung, dem Wunsch im Haus und in der Öffentlichkeit, dass jetzt alles gut werden würde, nicht von meiner Seite stärker ein „gemach, gemach“ entgegengesetzt habe. Es gab ja auch völlig unrealistische Erwartungen.

 

Die man nährt, so lange sie einem nutzen.

Wrabetz: Ja, schon. Aber jeder, der mein bisheriges Wirken im Haus miterlebt hat, konnte wissen, dass jetzt nicht jeder eine individuelle Gehaltserhöhung bekommt und nur noch das tun kann, was ihm gefällt. Man muss auch die jetzt herrschende Wahlrhetorik vor den Betriebsratswahlen abziehen, vieles von dem, was da jetzt kommt, sind Textbausteine aus dem Wahlkampfkoffer des Betriebsrats.


Hat sich auch an Ihrem Verhalten was geändert? Ist die Tür doch nicht so offen, wie Sie versprochen haben?

Wrabetz: Offene Türen hab ich nie versprochen. Ich hatte jetzt im Fernsehprogramm einiges zu lösen, was nicht unbedingt zu meinen Aufgaben im engeren Sinn gehört. Verantwortlich für den Erfolg der Produkte sind die Direktoren. Wenn da jeder, der nicht zufrieden ist, statt zum Direktor zum Generaldirektor kommt, stimmt ja auch am System was nicht. Das muss sich erst einspielen.


Sie wirken auch etwas verbittert.

Wrabetz: Verbittert? Nein. Ich bin wohl etwas angespannt von den Diskussionen der vergangenen Tage. Zugleich war mir wichtig, alles Unangenehme noch ins heurige Jahr hineinzupacken.

Ist bei der ÖVP die Wunde des Machtwechsels noch nicht vernarbt?

Wrabetz: Bei manchen ist das sicher der Fall. Obwohl es keinen Grund gibt wie etwa eine Benachteiligung in der Berichterstattung. Es wäre wohl leichter, ein Mehr an politischer Zustimmung zu bekommen. Aber das hätte dann wieder Preise, die ich nicht bezahlen möchte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2007)


© DiePresse.com