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US-Medien: Aufdecker zum Nulltarif

27.12.2007 | 18:18 |  NORBERT RIEF, WASHINGTON (Die Presse)

Eine Stiftung sorgt sich um die US-Medien und finanziert eine eigene Redaktion, die teuren Aufdecker-Journalismus betreibt – und gratis anbietet.

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James Risen gehört zu einer aussterbenden Art. Er ist einer von zwölf investigativen Reportern, die sich die „New York Times“ leistet. Risen kann wochen- oder sogar monatelang an einem Artikel recherchieren. Oft kommt dabei nichts heraus, manchmal aber Enthüllungsgeschichten, die weltweit Schlagzeilen machen: etwa die über die illegalen Abhöraktionen des amerikanischen Geheimdienstes NSA.

Vielen anderen Zeitungen in den USA bleibt nur der neidische Blick nach New York, weil sie eine derartige Abteilung nicht finanzieren können. „50 Prozent der amerikanischen Tageszeitungen haben keine Ressourcen für investigativen Journalismus“, sagt Richard Tofel. Der ehemalige Mitherausgeber des „Wall Street Journal“ muss es wissen: Denn er gehört zu jenen, die das ändern wollen. Im kommenden Jahr sollen die US-Medien ausführlich recherchierte Aufdecker-Stories angeboten bekommen – und das völlig kostenlos.


Arbeiten für die „vierte Macht im Staat“

Das Projekt „Pro Publica“ ist eines der ehrgeizigsten Medienunternehmen der jüngeren Geschichte der USA. Eine kleine Redaktion soll frei vom Stress eines täglichen Redaktionsschlusses Geschichten recherchieren. So lange wie nötig, ohne finanziellen Druck, ohne strikte Budgetvorgaben. Wenn der Artikel fertig ist, wird er nicht etwa exklusiv auf der eigenen Webseite veröffentlicht, denn eine Zeitung oder ein Magazin hat „Pro Publica“ nicht – nein, „er gehört der Allgemeinheit“. In dem Fall einer Zeitung, die die Redaktionsspitze ausgesucht hat, und die die Geschichte kostenlos angeboten bekommt.

Hinter der Idee von „Pro Publica“ steckt die Sorge um die „vierte Macht im Staat“, wie der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer einst die Medien bezeichnete. Die Zeitungen müssen wegen schwindender Auflagen einsparen, allein vergangenes Jahr wurden US-weit 2000 Journalisten entlassen. Zuletzt feuerte „Time“ die hochangesehenen Aufdecker Donald Barlett und James Steele, die zwei Mal den Pulitzer-Preis für ihre Enthüllungen bekamen.


„Mitarbeiter sind teuer“

„Am einfachsten und effektivsten spart man beim Aufdecker-Journalismus. Die Mitarbeiter sind teuer, und es bringt nicht viele Geschichten“, erklärt Tofel. Doch damit gefährde man die ureigenste Aufgabe der Medien, nämlich den Mächtigen und Einflussreichen auf die Finger zu schauen und zu erklären, was hinter den Kulissen passiert.

Die Sorge teilen der kalifornische Milliardär Herbert Sandler und seine Frau Marion, die mit einem Teil ihres Geldes gemeinnützige Projekte unterstützen. Davon fließen in den nächsten drei Jahren allein 30 Millionen Dollar in das neue Medienprojekt. Mit dem Budget will „Pro Publica“ 20 bis 30 Journalisten anstellen – und zwar nicht die schlechtesten.

Chefredakteur ist Paul Steiger, der 16 Jahre lang das „Wall Street Journal“ leitete. Chef vom Dienst ist Stephen Engelberg, der dafür einen Job bei einer angesehenen Zeitung in Oregon aufgab. Er hatte zuvor 18 Jahre lang für die „New York Times“ gearbeitet und dort im Jahr 2000 die Abteilung für investigative Geschichten gegründet.


200.000-Dollar-Jobs

„Wir wollen zwei, drei große Namen anheuern“, sagt Steiger. „Ich bin gewillt, 200.000 Dollar pro Jahr für die richtige Person auszugeben.“ Bei Tofel häufen sich bereits die Bewerbungen: 450 hat er bisher in seinem Büro in Manhattan gestapelt. „Alle Journalisten wollen gerne ausführlich recherchieren“, erklärt er den Andrang. Ab Jänner werden die ersten Mitarbeiter angestellt, im Sommer 2008 werde man „voll einsatzfähig“ sein. Dann sollen auch schon die ersten Artikel mit dem Byline-Zusatz „Pro Publica“ erscheinen.

Dass es willige Abnehmer geben wird, bezweifelt Tofel nicht. Stolz verweist er auf die „New York Times“, deren Chefredakteur Bill Keller schon zusagte, man werde „bei entsprechender Qualität“ Artikel von „Pro Publica“ veröffentlichen. „Wer sollte schon eine gut recherchierte, gut geschriebene und noch dazu kostenlose Geschichte ablehnen?“ Ob die jungen Leser – gewohnt an kurze, schnelle Information via Internet – überhaupt noch solche Artikel haben wollen? „Wenn sie gut erzählt sind, interessant sind, sicher. Man neigt dazu, die Leser zu unterschätzen.“

DER CHEF. Das Projekt

Paul E. Steiger ist Chefredakteur von „Pro Publica“. Er war 1991 bis 2007 geschäftsführender Chefredakteur des „Wall Street Journal“ und ist seit 1998 Mitglied im Komitee des Pulitzer Preises. 16 dieser renommierten Auszeichnungen gewannen Mitarbeiter des „Wall Street Journal“ unter Steigers Führung.

„Pro Publica“ erhält in den kommenden drei Jahren 30 Millionen Dollar von Milliardär Herbert Sandler und seiner Frau. 20 bis 30 Journalisten sollen in der Redaktion angestellt werden, investigativ recherchieren – die Artikel werden ausgesuchten Zeitungen kostenlos angeboten. [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2007)

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2 Kommentare
josephXY
28.12.2007 10:56
0 0

ein weiteres Beispiele dafuer:

waere Mother Jones (unueblicher Name fuer ein Magazin)
besteht seit ca. 35 Jahren, ist bekannt als "hellraiser".
Die haben unlaengst ein Buero in Washington eroeffnet
aus Spendengeldern ihrer Leser. - Ein Witz. - Waehrend
andere dicht machen, ihre Produkte nicht mal zum
Schleuderpreis mehr loswerden.
Eine Rolle spielt, dass Mother Jones - unter anderen - in
mancher Hinsicht voraus ist, worueber sie "hell raising"
schreiben, wurde bisher oft - nach zeitlicher Verzoegerung - erst dann ein offizieller Skandal, wenn ein bestimmtes Thema ZB. von der Washington Post dann auch aufgegriffen wurde. Dank des Internets sind die Leute nun freilich etwas besser und frueher informiert.
Zudem macht es gar nicht so wenigen Leuten Spass, etwas fuer die Kaffeekasse solcher Journalisten zu spenden. Sind ja doch nur kleine Betraege fuer oft sehr noetige Arbeit. Witzig ist in dieser Hinsicht auch, wie
sich die Medien oft irren in der Einschaetzung der
Menschen, mit ihrem Menschenbild.

josephXY
28.12.2007 10:55
0 0

ein weiteres Beispiele dafuer:

waere Mother Jones (unueblicher Name fuer ein Magazin)
besteht seit ca. 35 Jahren, ist bekannt als "hellraiser".
Die haben unlaengst ein Buero in Washington eroeffnet
aus Spendengeldern ihrer Leser. - Ein Witz. - Waehrend
andere dicht machen, ihre Produkte nicht mal zum
Schleuderpreis mehr loswerden.
Eine Rolle spielt, dass Mother Jones - unter anderen - in
mancher Hinsicht voraus ist, worueber sie "hell raising"
schreiben, wurde bisher oft - nach zeitlicher Verzoegerung - erst dann ein offizieller Skandal, wenn ein bestimmtes Thema ZB. von der Washington Post dann auch aufgegriffen wurde. Dank des Internets sind die Leute nun freilich etwas besser und frueher informiert.
Zudem macht es gar nicht so wenigen Leuten Spass, etwas fuer die Kaffeekasse solcher Journalisten zu spenden. Sind ja doch nur kleine Betraege fuer oft sehr noetige Arbeit. Witzig ist in dieser Hinsicht auch, wie
sich die Medien oft irren in der Einschaetzung der
Menschen, mit ihrem Menschenbild.