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Fernsehfilm: Rote Pille? Blaue Pille? Nein, die perverse Pille!

06.06.2008 | 18:43 |  CHRISTOPH HUBER (Die Presse)

Theorie als großes Entertainment: Philosoph Slavoj Zizeks „Pervert's Guide to Cinema“ auf 3sat.

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Die berühmte Wahl zwischen der roten und der blauen Pille im Sci-Fi-Thriller Matrix ist für Philosoph Slavoj Zizekhöchst unbefriedigend: Er will nämlich keine Pille, die ihn die Wirklichkeit hinter der Illusion erkennen lässt – sondern eine, mit der er die Illusion (des Kinos) als Wirklichkeit erleben kann!

Mit seinen oft unerhörten, manchmal offensichtlichen, stets provokanten und gern widersprüchlichen Thesen ist der slowenische Lacan-Schüler Zizek zu einem Medienstar unter den Philosophen geworden.

Zum einen wegen seines äußerst unterhaltsamen Auftretens: Wild gestikulierend und in mit ekstatischen Akzentkaskaden verziertem Englisch schleudert der immer etwas ungewaschen wirkende Bär von einem Mann Gedankenblitze in alle Richtungen. (Das erklärt den Hang zum Widersprüchlichen.) Zum anderen verdeutlicht Zizek seine Thesen anschaulich mit Beispielen aus der Populärkultur, vor allem Film.

In The Pervert's Guide to Cinema findet seine Methode somit ideal Ausdruck: Der von Sophie Fiennes (Schwester der Schauspieler Ralph und Joseph) inszenierte Film setzt Zizek dazu in exakt nachgebaute Dekors der Filme, über die er ruhelos doziert – ob in den Stuhl von Matrix-HackerNeo oder das Boot aus Hitchcocks Die Vögel.

Das Kino erläutert Zizek darin als perfekte Kunst für Perverse (wie ihn), da es nicht vorführe, was man begehre, sondern, wie man zu begehren habe. Klassiker wie Chaplin, Kubrick und vor allem David Lynch und Hitchcock werden auf Funktion und Perversion untersucht: Die drei Stockwerke des Hauses in Psycho? Manifestation der Freud-Kategorien Ich, Über-Ich und Es – wie die Marx Brothers Groucho, Chico und Harpo!

Zizeks Argumente kann man also öfter schwachsinnig finden, aber oft sind sie bestechend. Als großer Entertainer überzeugt er durchwegs. Und mit der populären Filmauswahl ist sein „perverser Führer“ keine trockene Theorie, sondern lustvolle und für ein größeres Publikum zugängliche Analyse.

„Slavoj Zizek – The Pervert's Guide to Cinema“: Samstag, 7.6., 22.35 Uhr auf 3sat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2008)

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