Was wäre, wenn es einen GAU (einen größten anzunehmenden Unfall) in einem grenznahen Atomkraftwerk gibt? Würde das Räderwerk aus Messstationen, Notrufzentralen, Krisenstäben und ABC-Trupps des Bundesheeres funktionieren? Vermutlich ja – das zumindest hat die Recherche der Wissenschaftlerin und Autorin Susanne Freund ergeben, die mit Behörden, Forschern und Hilfseinrichtungen Dutzende Gespräche geführt hat. Trotz dieser eher unspektakulären Erkenntnis ist daraus ein beklemmendes TV-Drama entstanden: „Der erste Tag“ wird im Rahmen eines ORF-Themenabends anlässlich des 30. Jahrestags der Volksabstimmung über Zwentendorf gezeigt.
Regisseur Andreas Prochaska reiht die Ereignisse aneinander, die ein solcher Atomunfall mit sich bringen könnte – die Ungläubigkeit bei ersten, nicht bestätigten Meldungen; die Ahnungslosigkeit der Bauern auf dem Feld; die Fassungslosigkeit der Entscheidungsträger; die Sprachlosigkeit der verdatterten Menschen angesichts der in ihren Schutzanzügen wie überdimensionale Insekten-Aliens durch die dörfliche Idylle stapfenden Einsatzkräfte. Schrecksekunde gibt es nur eine einzige in den 90 Minuten. Prochaska inszeniert das Unfassbare bewusst unspektakulär. „Wir wollten einen dokumentarischen Ansatz – keinen Bruce Willis, der die Welt rettet, sondern einfach vom Alltag erzählen, der sich mit einem Schlag ändert“, erzählt er der „Presse“.
„Der erste Tag“ sei in gewisser Weise „mein erster Gruselfilm, weil sich dieser Film mit einem ernsthaften Thema beschäftigt – ich mache ja sonst Entertainment“, sagt Prochaska, der zu Weihnachten mit dem zweiten Teil von In drei Tagen bist du tot im Kino für Gänsehaut sorgt. Während dort das Blut spritzt, nähert sich der Horror in dem AKW-Drama lautlos und unbemerkt wie die Strahlen und der Fallout. „Das Beunruhigendste an dem Film ist seine Normalität“, findet ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz. Die Zuständigen im fiktiven Krisenstab tun das Richtige – aber die Katastrophe, die jeden Einzelnen trifft, ist nicht aufzuhalten. Lorenz: „Diese Produktion passt nicht in unser normales Wellness-set mit Rosamunde Pilcher und Co.“
Tschechen sahen Film vorab
Ort des fiktionalen Unfalls ist das AKW Dukovany. Um Irritationen zu vermeiden, zeigte der ORF den Film einem Vertreter Tschechiens und des österreichischen Außenministeriums bereits am Mittwoch. ORF-Fernsehfilm-Chef Heinrich Mis rechnet nicht mit Einwänden. In dem Film sei „niemand schuld“, dass es zur Katastrophe kommt.
Wie heiß das Thema Atomkraft schon vor 30 Jahren diskutiert wurde, zeigt danach eine Dokumentation von Tom Matzek über „Die Akte Zwentendorf“ und eine der größten Niederlagen Bruno Kreiskys, der die Inbetriebnahme propagiert und die Demonstranten als „ein paar Lausbuben“ abgefertigt hatte. Abschließend wird an einem „Runden Tisch“ diskutiert – u. a. mit Wolfgang Kromp (Institut für Risikoforschung), Helmut Rauch (Atominstitut der Universitäten), Walter Fremuth (ehemaliger VerbundChef) und Grün-Ikone Freda Meissner-Blau.
■Der erste Tag (20.15h) von Andreas Prochaska (Zodiak, In 3 Tagen bist du tot); Vor dem 1. Tag: Making-Of (21.50h);Menschen & Mächte spezial: Die Akte Zwentendorf von Tom Matzek (22.30h); Runder Tisch (23h); ORF2
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2008)
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