Matthias Horx: „Digitaler Brei trübt die Weltsicht“

Trendforscher Horx sagt im Interview: "Wir kommen in ein Zeitalter der digitalen Vernunft“. Montag spricht er beim European Newspaper Congress.

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Matthias Horx
Matthias Horx – Klaus Vyhnalek

Die traditionellen Medien haben zu kämpfen, um zwischen Online-Angeboten und Smartphone-Apps ihren Platz zu finden. Kommt eine neue Medien-Ordnung?

Matthias Horx: Man kann das in ein Bild fassen: Das Internet und die radikale Verbilligung aller Informationsflüsse haben den Luftballon der Medien gigantisch aufgeblasen – jetzt hat man manchmal das Gefühl, als würde er platzen. In Wirklichkeit organisieren sich nur in seinem Inneren die Atome neu. Das mediale System re-arrangiert sich. Gewinnen werden konsequente Sinn-Medien, die die Welt für den Leser strukturieren und sein Bedürfnis nach Lernen und Staunen berücksichtigen, Fokus-Medien mit Spezialthemen und abgrundtiefer Trash, den ich „hypermedialen Brei“ nennen möchte. Dort, in den Untiefen des Internets, herrscht gnadenloses „Clickbaiting“, es geht nur noch um die Erregung von Ärgernissen, Schein-Sensationen und eine Art Geilheit auf Perverses, Niedliches, Angstmachendes. Leider haben sich auch viele Zeitungsverlage auf diese Methode eingelassen, die im Netz nach Klicks fischt, um Anzeigen zu lukrieren. Die Leute merken das – und glauben gar nichts mehr.

Sie stellen eine „Renaissance der Printmedien“ in den Raum. Was ist möglich?

Gegen jeden Trend gibt es einen Gegentrend. Und je mehr unsere Weltsicht durch diesen digitalen Brei getrübt wird, desto mehr sehnen sich Menschen wieder nach Orientierung und Kuratierung. Gerade wer längere Zeit auf Bildschirmen gelesen hat, weiß das Gedruckte wieder zu schätzen. Weil Papier uns am Ende doch zu einer größeren mentalen Achtsamkeit und Konzentration verleitet. Aber eigentlich geht es nicht um Papier oder Bildschirm. Es geht um Konsistenz.

Teenager kommunizieren am liebsten via WhatsApp, Facebook, Snapchat, Instagram: kurze Nachrichten, Bilder, Videos. Was bedeutet das für die (Print-)Medien?

Jeder Hype hat seinen Peak. Die neue Sinus-Studie zur Jugendmentalität in Deutschland zeigt, dass der Höhepunkt der digitalen Durchdringung und Faszination erreicht ist. Die digitalen Medien verlieren ihren erotischen Reiz, sie entpuppen sich auch für Jugendliche immer öfter als nervend, Unsicherheiten schürend. Viele Jüngere gehen heute wieder aus den sozialen Medien heraus oder nutzen sie vorsichtiger, weil die narzisstischen und Hass-Exzesse zu sichtbar werden. Wir kommen in ein Zeitalter der digitalen Vernunft, der digitalen Achtsamkeit.

In Internetforen herrscht ein rauer Ton, der dann den Weg in öffentliche Debatten findet. 2015 wurde der Begriff „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres“ gekürt.

Das hat recht wenig mit der medialen Strukturveränderung zu tun. Der Begriff ist eindeutig rechtsradikal – gegen eine freie, plurale Öffentlichkeit. Es kann und sollte Journalisten dazu veranlassen, nachzudenken, ob sie nicht durch ständigen Alarmismus, Pessimismus und Kritizismus dazu beigetragen hat, dass ein katastrophales Grundmisstrauen gegen die Politik entstanden ist. In das marschiert der Populismus mit Pauken und Fanfaren ein – und die Journalisten meinen, sie hätten damit nichts zu tun.

Nichts hat unser Leben zuletzt so verändert wie das Smartphone. Das ständige Navigieren mit dem Daumen verändert das Gehirn. Wie passt sich der Körper an?

Nicht so schnell, weil unser Körper in Millionen Jahren Evolution geformt wurde, und auch unseren Geist prägt. Deshalb ist ja das Gerede von Künstlicher Intelligenz ein Irrtum, und auch unser Geist nicht so frei formbar, wie wir manchmal denken. Gerade wer lange Zeit im Cyberspace lebte, wird auf seinen Körper zurückgeworfen. Irgendwann fängt jeder digitale Nerd an zu joggen, oder er stirbt früh. Er Gemüse anbauen oder Stretching-Yoga machen. So geht es hin und her – zwischen Körper und Geist.

Lassen sich aus den Fähigkeiten unseres Gehirns mögliche Medien- bzw. Social-Media-Entwicklungen ablesen?

Vor allem lassen sich Grenzen absehen. Unser Hirn ist z. B. unfähig zum Multitasking. Wir sind nicht in der Lage, mehrere geistige Dinge gleichzeitig zu tun, auch wenn viele das zu tun glauben. Das ist einer der Gründe, warum das Internet praktisch nichts oder nur negativ zur Produktivitätsbilanz beigetragen hat. Wer geistige, kreative Arbeit leistet – und das sind am Ende des Industriezeitalters immer mehr Menschen – wird merken, dass er sich irgendwann konzentrieren muss. Dann wird man zu alten Kulturtechniken zurückkehren, die auch heißen können: Stille, Atmen, Offline gehen, Wandern und Denken. Genau das passiert jetzt.

Die Entwicklung Richtung Smartphone geht rasend schnell. Plötzlich braucht es neue Normen – vom Benehmen bei Tisch übers Autofahren bis hin zur Frage, ob man per SMS mit der Freundin Schluss machen darf. Was bedeutet das für uns als Menschen und als Gesellschaft?

Das neueste Medium ist, wie die Liebe, immer ein Störenfried einer einmal etablierten Wahrnehmung. Integriert wird ein Medium immer dann, wenn das nächste revolutionäre Medium kommt. Wenn wir uns Gedankeninhalte in den Kopf beamen können, dann werden Smartphone und Internet endlich als "gewöhnlich und normal" gelten.

Die Digitalisierung hat auch massive Auswirkungen auf den Journalismus. Jeder kann Content produzieren, jeder kann alles kommentieren. Segen oder Fluch?

Das Internet hat ja viel Segen gebracht, aber die Qualität des öffentlichen Diskurses gehört nicht dazu. Die Trolls und Hasskappen haben die Kommentarspalten weitgehend zerstört. Und das Wort "Content" ist ein vergiftetes Wort. Es zeigt, dass das um keine wirklichen Inhalte oder Anliegen mehr geht. "Content" heisst: Vermarktung ist alles. 

Sie skizzieren beim European Newspaper Congress am Montag in Wien die „Medienwelt 2020“. Worauf basieren denn Ihre Prognosen?

Die moderne Zukunftsforschung versucht, dynamische System-Modelle zu erstellen, die die wirkliche Komplexität der Welt abbilden. In dem Fall: des medialen Systems. Zeitungen sind wiederum eine Untergruppe dieses Systems.

Bis 2020 sind es nur noch vier Jahre – warum ist es so schwer, weiter in die Zukunft zu greifen?

Weil eine größere Zeitspanne eigentlich niemand interessiert, auch die Verleger nicht. Der menschliche „Zukunfts-Radius“, also die Zeit, die Menschen mit Interesse in die Zukunft schauen, ist relativ kurz. Aber man sollte die Jahreszahl nicht allzu ernst nehmen – 2020 ist nur eine Richtzahl.

Matthias Horx (*?1955 in Düsseldorf) ist Trend- und Zukunftsforscher. Er studierte in Frankfurt u. a. Soziologie, war Comiczeichner und Sci-Fi-Autor, dann Journalist („Zeit“, „Merian“, „Tempo“). Horx ist Mitbegründer des Trendbüros und Gründer des Zukunftsinstituts (Frankfurt/Wien).

Beim European Newspaper Congress (2.+3. 5. in Wien) spricht Horx zum Thema: „Medienwelt 2020 – Folgt dem digitalen Sturm eine Renaissance von Print?“ Infos: http://enc.newsroom.de/

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