Der Google-User will mehr Bücher – er will alle

Seit Google gegen die US-Autoren gewonnen hat, kann es sein Ziel, alle Bücher der Welt zu digitalisieren, ungehindert vorantreiben. Auch die europäische Plattform Europeana ist eindrucksvoll – aber ihr fehlt Googles Such-Macht.

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(c) APA/AFP/KAREN BLEIER

Das 15. Jahrhundert brachte den Buchdruck. Das 21. dürfte, wenn nicht eine zivilisatorische Katastrophe kommt, als jenes Jahrhundert in die Geschichte eingehen, in dem so gut wie alle auf der Welt existierenden Bücher der Vergangenheit und Gegenwart digitalisiert sein werden – und größtenteils im Volltext durchsuchbar, verbunden miteinander wie das Geschriebene im World Wide Web.

Seit Google im April dieses Jahres endgültig über die US-amerikanische Autorenvertretung gesiegt hat, kann es in Zusammenarbeit mit Bibliotheken und Verlagen ungehindert sein 2004 begonnenes größtes Digitalisierungsprojekt der Welt vorantreiben. Jedes Jahr werden derzeit mehr als eine Million Bücher vom Konzern digitalisiert, über 30 Millionen sind es bereits, fast ein Viertel aller Bücher weltweit. Zehn Jahre hat die Entscheidung gebraucht, dass Google das Urheberrecht nicht verletzt, wenn es Bücher einscannt, die nicht eindeutig urheberrechtsfrei sind. Das verwundert auch nicht, die Rechtsprechung musste in gewisser Weise neu erfunden werden. Hinter dem Urteil steht das US-Konzept des „Fair Use“, das die Nutzung von Werken Dritter unter bestimmten Bedingungen auch ohne deren Zustimmung erlaubt. Rechteinhaber können dann immer noch eine „Opt-out“-Option nutzen.

 

Millionen von verwaisten Schriften

Es wäre untertrieben zu sagen, dass hier ein uralter Traum der Menschheit in Erfüllung geht, die alles Gedachte und Geschriebene enthaltende Bibliothek. Jene von Alexandria beherbergte in der Spätantike bis zu einer halben Million Handschriften, aber nur ein Gott hätte dort alles zugleich durchstöbern können. Das Atemberaubende heute ist die Durchsuchbarkeit, ohne sie wären die digitalisierten Bücher wie Millionen Internetseiten, die man nur findet, wenn man ihre Adresse weiß bzw. wenn sie alle katalogisiert sind.

Das hat Google seine Vormachtstellung gegeben. Wenn man von all den Fragen absieht, die mit diesem Monopol verbunden sind, ist das Urteil für die Öffentlichkeit ein gewaltiger Glücksfall. Ein Großteil der Bücher auf der Welt sind zwar nicht rechtefrei, werden aber, weil unrentabel, nicht mehr gedruckt, oft wissen die betreffenden Verlage nicht einmal, dass sie die Rechte haben. Auf all dies Zugriff zu erhalten, ist nicht nur für Wissenschaftler beglückend. Die urheberrechtlich geschützten Bücher sind für den Googler hingegen eher wie Leckerbissen, die einem vor die Nase gehalten und gleich wieder weggenommen werden. Entweder, indem nur ein Teil der Seiten erscheint (die freilich auch viel Interessantes enthalten können), oder überhaupt nur zwei, drei Zeilen.

Vielleicht aber ist gerade diese Verbindung aus frei durchsuchbaren Büchern und frustrierenden Lockangeboten das wirksamste Mittel, um den Zugang zu allem in Buchform Geschriebenen – und zugleich Googles Macht – voranzutreiben: Der Gewinn für jedermann durch das bereits frei Verfügbare ist so ungeheuerlich, so für alle sichtbar, dass alles dem User ebenso sichtbar Entzogene Begierde, Ungeduld weckt. Es ist wie mit Konsumwaren; man will mehr, noch mehr.

Zumindest bei urheberrechtsfreien Büchern wird das Bedürfnis befriedigt. Etwa bei den von Google gescannten Beständen der ÖNB. Sie hat als erste europäische Nationalbibliothek mit Google zusammengearbeitet. „Inzwischen haben viele Verträge gemacht, stehen aber, was die Umsetzung betrifft, bei Google auf der Warteliste“, sagt Direktorin Johanna Rachinger der „Presse“. Das Projekt liegt im Zeitplan, bis Ende 2018 sollen alle Bücher eingescannt sein. Es sind rund 600.000, mehr als die Hälfte sind bereits gescannt. Google finanziert Transport, Versicherung, Digitalisierung. „Es gehen Lieferungen raus und kommen zurück, die Arbeit läuft toll und ist längst Routine“, sagt Rachinger. 40 Millionen Euro kostet das Projekt, ohne Google wäre es nie zu finanzieren gewesen.

 

Europeana: Fülle und schweres Finden

Alle europäischen, vor allem von Frankreich ausgegangenen Versuche, zu Google in Konkurrenz zu treten, sind hingegen im Sand verlaufen. Was nicht heißt, dass nichts daneben existieren kann. Die von der EU-Kommission geförderte Digitalisierungsplattform Europeana umfasst bereits 53 Millionen Inhalte zum kulturellen Erbe Europas, aus europäischen Archiven und Bibliotheken – Texte, Bilder, Audioaufnahmen. Gibt man den Namen Arthur Schnitzler ein, stößt man etwa auf Theaterzettel aus der Kroatischen Akademie der Wissenschaften, italienische Buch-Übersetzungen aus der Nationalbibliothek von Florenz; man kann dank der Österreichischen Mediathek Schnitzler mit Hermann Bahr reden hören. Aber die Auswahl wirkt beliebig, an der Strukturierung, Durchsuchbarkeit, Verlinkung hapert es noch sehr. Hier merkt man den Gegensatz zu Google: Masse allein nützt nicht viel, solange man sie nicht effizient durchsuchen kann. Das ermöglicht Google, das gibt ihm seine Macht. Wie man sie künftig kontrolliert, ist eine ungelöste Frage. Man kann sie durchaus ernstnehmen und sich trotzdem an der schönen neuen Welt der digitalisierten Bücher erfreuen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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