Gilmore Girls: Schlagfertig in der Schneekugel

Knapp ein Jahrzehnt nach ihrem Ende feiern die Gilmore Girls in vier langen Folgen ein nostalgisches Wiedersehen auf Netflix. Und sprechen dabei so schnell wie eh und je.

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(c) Saeed Adyani/Netflix (Saeed Adyani/Netflix)

Schneeflocken fallen, glückliche Menschen wuseln über den idyllischen Kleinstadthauptplatz, das Lalalalala setzt ein – und man fragt sich: Diesen Kitsch hat man früher gemocht? Aber gleich nach diesem Beginn beflegelt Lorelai ihre Tochter, Rory, die eben aus London kommend gelandet ist, zur Begrüßung in einem einzigen Wortschwall – wie könne sie nach Stunden in einer Metalldose neben Leuten mit Diphtherie und Krätze so gut aussehen? Bestimmt habe sie in Kaschmirsweatpants im Mittelgang Yoga gemacht. „Gestehe, du wurdest gegooped!“

Ein Seitenhieb auf die Lifestyle-Website Goop von Marketingwunder Gwyneth Paltrow – und ein Ausblick auf vier eineinhalbstündige Wiedersehen mit den Gilmore Girls. Willkommen zurück in der Schneekugel von Stars Hollow. „Ein neues Jahr“, so der Titel der Neuauflage, ist in vier Jahreszeiten gegliedert und beginnt mit dem Winter. Passend zum Thanksgiving-Wochenende in den USA, zu dem die Gilmore Girls ab heute auf Netflix laufen – und das gewohnte Gefühl von Comfort Food auf dem Sofa einer heilen Kleinstadtwelt servieren, garniert mit der richtigen Mischung aus Bissigkeit und Wärme.

Auf den ersten Blick ist alles wie erwartet: Rory (Alexis Bledel) ist Journalistin und Vielfliegerin, Mutter/beste Freundin Lorelai (Lauren Graham) führt noch immer das Dragonfly Inn, wohnt mit Luke in ihrem alten Haus und wirft sich beherzt wie eh und je in den Konflikt mit ihrer eigenen Altvorderen. Alle wichtigen Charaktere haben ihren Auftritt. Doch die Zeit ist auch an Stars Hollow nicht spurlos vorübergegangen.

Das liefert vor allem einmal den Vorwand für die Neuauflage. Die letzte Staffel 2007 war nach Unstimmigkeiten mit dem damaligen Sender nicht mehr von Produzentin und Autorin Amy Sherman-Palladino gekommen, was auf Kosten der Dialoge ging und die Serie nicht im Sinne seiner Schöpferin enden ließ. Dank des neuen Genres des nostalgischen Fernseherevivals als Event bekam sie nun doch noch eine Chance – und nutzt sie besser als andere (man denke an „Sex And the City“, „Full House“ oder „Akte X“).

 

Lästern über Foodtrucks und Uber

Die vergangenen Jahre liefern also genug Gesprächsstoff für die Gilmore Girls, deren schnelle Dialoge nebst Schlagfertigkeit und popkulturellen Referenzen für den Erfolg der Serie verantwortlich waren. (Die Sprechgeschwindigkeit der Schauspieler ist legendär, Drehbücher sollen mit 80 Seiten pro Folge bis zu doppelt so lang gewesen sein wie bei anderen Serien.) Aufs Korn genommen wird von Foodtrucks bis Uber so ziemlich alles, was seither Teil des modernen Lebens geworden ist. Das mag in seiner Dichte unplausibel sein (Pop-ups gibt es nicht erst seit gestern), wird Fans aber sicher Freude bereiten.

Und auch wenn Spannungsbögen hier noch nie eine große Rolle gespielt haben, gibt es natürlich auch einen Plot. Rory ist 32 Jahre alt und stellt fest, dass die Dinge nicht immer nach Plan laufen – jedenfalls nicht in der Medienbranche. Immerhin, Luke hat ihren im „New Yorker“ erschienenen Artikel auf die Rückseite der Speisekarte seines Lokals gesetzt und nunmehr ein Abo. „Wer sagt, dass Print ausstirbt?“ Lorelai: „Nur die Welt.“

Lorelai selbst ist 48 und stellt sich plötzlich ungewohnte Lebensfragen. Und Großmutter Emily (Kelly Bishop) muss mit dem Tod ihres Richard zurechtkommen – Darsteller Edward Herrmann starb 2014 an Krebs. Ein Verlust, auch für die Serie.

Zwischen heutigen Produktionen über Zombieapokalypse, Terror und den Zynismus in Washington wirkt die Small-Town-Idylle freilich wie aus der Zeit gefallen. Andererseits könnte man argumentieren, dass die Serie mit ihrem Hochlebenlassen von Nachbarschaft und beruflichem Do-it-yourself manches vorweggenommen hat. Neuartig war einst jedenfalls ihr Mädchenbild. Lang vor der „Big Bang Theory“ war Rory Gilmore eine Art Nerd, und ihre wechselnden Liebschaften (Dean, Jess, Logan) nahm die Fangemeinde ernster als sie selbst. Diese Fangemeinde schließt diesbezüglich auch heute wieder Wetten ab, in dieser Hinsicht hat sich wenig geändert. Angesichts der Nachrichtenlage dürften die vier extralangen Folgen Fernseh-Eskapismus jedenfalls gut funktionieren. Und am Ende soll es jene vier Wörter geben, die Schöpferin Amy Sherman-Palladino immer im Kopf gehabt habt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.11.2016)

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