Trend zum "Speed watching": Serien mit doppeltem Tempo sehen

Im vergangenen Jahr kamen allein in den USA 455 neue Serien heraus. Wie soll man auch nur einen Bruchteil davon sehen? Etwa, indem man sie mit doppelter Geschwindigkeit konsumiert.

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Ob die HBO-Serie ''Westworld'' auch mit doppelter Geschwindigkeit fesselt? – (c) HBO/JOHN P JOHNSON

Wer beim Überangebot an neuen Serien im Fernsehen und auf Streaming-Diensten nicht mehr nachkommt, schaut Folgen einfach mit doppelter Geschwindigkeit – solches "Speed watching" praktizieren jedenfalls Hardcore-Fans. Credo: Wer doppelt so schnell schaut, schafft auch doppelt so viele Folgen.

Das Gehirn werde schrittweise an die doppelte Abspielgeschwindigkeit gewöhnt, behaupten "Speed watching"-Verfechter. Wer "Gilmore Girls" oder "Westworld" erst mit 1,2-fachem und dann 1,5-fachem Tempo schaut, schafft irgendwann auch das zweifache oder sogar mehr. Dabei helfen Video-Player wie VLC und Erweiterungen für den Internet-Browser. "Das Leben ist kurz. Verschwende es nicht damit, Videos mit einfacher Geschwindigkeit zu gucken", schreibt der Nutzer einer entsprechenden Erweiterung für Google Chrome.

Denn nicht Stunden, sondern ganze Tage und Wochen voller Serien-Stoff spülen die Produzenten von Kabelsendern wie HBO, CBS und Fox sowie Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon und Hulu auf den Markt. Selbst Hardcore-Fans ringen mit der Flut an spannendem TV-Material. 455 Drehbuch-Serien erschienen einer Studie des Senders FX zufolge im Jahr 2016 allein in den USA - im Jahr 2010 gab es nicht einmal halb so viele. Der Moment des "Peak TV", an dem ein dann übersättigter Serien-Markt schwächelt und die Zahl der Produktionen wieder sinkt, ist noch immer nicht erreicht.

Pausen und Zeitlupen gehen verloren

Die von Regisseur und Drehbuchautor vorgesehenen Pausen, Längen oder Zeitlupen gehen beim "Speed watching" zwar verloren. Dafür werde das Leben aber "effizienter", schrieb die "Washington Post" vergangenen Sommer: Vier Folgen "Unbreakable Kimmy Schmidt" passten jetzt in nur eine Stunde. "Es gibt mehr zu sehen als jemals zuvor."

Erfunden haben will die ans "Speed reading" (Bücher) und "Speed listening" (Podcasts) angelehnte Methode der frühere Jus-Student Alexander Theoharis. Er sei vor ein paar Jahren versehentlich an eine Taste gekommen, die ein laufendes Video etwas beschleunigt habe, erzählte er der "Seattle Times" 2014. Nun schaut er "Breaking Bad" mit 1,6- und "The Office" mit 2,4-facher Geschwindigkeit und Untertiteln. Er habe einfach wissen wollen, was in diesen Serien passiert, sich wegen der verlorenen Zeit im Studium aber oft schuldig gefühlt.

Für Lernvideos und Online-Vorlesungen mag die Methode praktisch sein. "Modern Family" werde bei doppeltem Tempo sogar lustiger, schreibt die "Washington Post", denn "die Witze kommen schneller und schlagen härter ein". Man müsse auch keine Zeit mehr mit öden Füll-Inhalten verschwenden. Und wer hat schon Zeit, fünf Staffeln "The Wire" in insgesamt zweieinhalb Tagen anzusehen? Die Chrome-Erweiterung "Video Speed Controller" wurde schon mehr als 235.000 Mal heruntergeladen.

Kann man Serien dann noch "normal" schauen?

Nur mag es sein, dass das Gehirn ein normales, dann langsam wirkendes Erzähltempo irgendwann nicht mehr erträgt. Der Genuss einer Serie im Normaltempo wäre ruiniert, so eine Befürchtung. Das "New York Magazine" fragt: Wenn das Ansehen der eigenen Lieblingsserie so viel Arbeit ist, und als Stress wahrgenommen wird, warum schaut man sie dann überhaupt?

(Von Johannes Schmitt-Tegge/dpa)

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