TV-Serie „Charité“: Reale Männer, fiktive Frauen

Sönke Wortmann zeigt uns den Alltag an der Berliner Charité im Jahr 1888 – zu einer Zeit, als deutsche Mediziner Weltruf hatten. Eine aufwendige, aber blasse Sache.

In der Pathologie der Charité: Der ARD-Sechsteiler zeigt den Klinikalltag im Jahr 1888.
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In der Pathologie der Charité: Der ARD-Sechsteiler zeigt den Klinikalltag im Jahr 1888.
In der Pathologie der Charité: Der ARD-Sechsteiler zeigt den Klinikalltag im Jahr 1888. – (c) ARD/Nik Konietzny

Mehr als 300 Jahre alt ist Berlins ältestes Krankenhaus, die Charité. Ein Alter, das es beinah unmöglich macht, die komplette Geschichte dieser Heilanstalt zu erzählen. Der Sechsteiler, der ab heute in der ARD zu sehen ist, konzentriert sich daher nur auf einen ganz bestimmten Zeitraum. Regisseur Sönke Wortmann („Der bewegte Mann“, „Die Päpstin“) wählte das Jahr 1888 als Dreh- und Ausgangspunkt für die Serie. Es ist das sogenannte Drei-Kaiser-Jahr, in dem zuerst Wilhelm I. an Altersschwäche, 99 Tage später sein Sohn und Nachfolger, Friedrich III., an Krebs starb – und schließlich am 15. Juni Friedrichs Sohn Wilhelm II. den Thron bestieg.

Die Ärzte an der Charité, damals Europas größtes Krankenhaus, hielten sich nicht viel mit Politik auf. Es sei denn, sie wurden als Mediziner an den Kaiserhof gebeten. Rudolf Virchow etwa, der Vorstand der Pathologie, war einer der behandelnden Ärzte von Friedrich III. Die Serienmacher lassen aber gleich mehrere reale Personen auftreten, die Ende des 19. Jahrhunderts an der Klinik forschten und lehrten und später den Nobelpreis bekamen: Robert Koch (gar nicht kaisertreu gespielt von Justus von Dohnányi) etwa, der die Erreger des Milzbrands und der Tuberkulose entdeckte. Oder der manisch-depressive Emil von Behring (Matthias Koeberlin), der ein Heilmittel gegen Diphtherie und Tetanus erfand. Und der besonnene Paul Ehrlich (Christoph Bach), der eine Färbmethode für verschiedene Blutzellen und eine Therapie gegen Syphilis entwickelte.

Diese Riege an weltberühmten Ärzten trifft in der ersten historischen Krankenhausserie des deutschen Fernsehens auf eine Reihe fiktiver Frauen. Weil damals Frauen im öffentlichen Leben kaum eine Rolle spielten, muss man ihnen rückwirkend eine neue auf den Leib schreiben. Die Männer sehen mit Vollbart, runder Nickelbrille und sorgenvoll in Falten gezogener Stirn alle gleich aus. Die Frauen der Serie sind entweder unterstützende Ehefrauen, Musen oder auf dem Weg, sich zu emanzipieren. Hauptfigur Ida Lenze (sympathisch: Alicia von Rittberg) ist die arme, elternlose 18-Jährige, die nach ihrer unverhofft erfolgreichen Blinddarmoperation an der Charité als Hilfsschwester die Behandlungskosten abarbeiten muss.

Wie ein deutsches „The Knick“

Während sie beim Luftröhrenschnitt und anderen chirurgischen Eingriffen assistiert, entwickelt sie Interesse an der Medizin. Die strenge Stationsschwester darf von ihren beruflichen Ambitionen nichts mitbekommen. Auch die zarte Liebe, die sich zwischen Ida und dem jungen Medizinstudenten Tischendorf – und später zwischen ihr und Arzt Emil Behring – entwickelt, muss geheim bleiben. „Charité“ ist sehr detailgetreu gemacht. Gedreht wurde in Prag, 1,2 Millionen Euro soll jede der sechs Folgen gekostet haben. Das düstere Endergebnis erinnert sehr an die US-Produktion „The Knick“, obwohl diese zwölf Jahre später spielt und vom Alltag an der New Yorker Knickerbocker-Klinik erzählt. Hygienemangel, Klassenunterschiede, Drogensucht vor allem unter den angespannten Ärzten – die Themen sind da wie dort dieselben. Doch „Charité“ verliert vor lauter Details den Überblick. Zwischen den honorigen Ärzten und Nobelpreisträgern in spe, den an- und abdankenden Kaisern bleiben Figuren und Handlung dieser Serie seltsam blass und oberflächlich.

„Charité“: Am Dienstag Auftakt der Serie mit Doppelfolge, 20.15 Uhr, ARD. Weitere Folgen: 28. 3., 4., 11., 18. 4.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.03.2017)

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