„Rick and Morty“: Jäger des verlorenen Sinns

Der Cartoon „Rick and Morty“ startete vor Kurzem seine dritte Staffel. Darin gehen ein Opa und sein Enkel auf Erlebnisreise durch Raum und Zeit – und werden am laufenden Band mit quälenden Existenzfragen konfrontiert.

Nichts für Kinder: Der abgefeimte Wissenschaftler Rick und sein kümmerlicher Enkel Morty.
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Nichts für Kinder: Der abgefeimte Wissenschaftler Rick und sein kümmerlicher Enkel Morty.
Nichts für Kinder: Der abgefeimte Wissenschaftler Rick und sein kümmerlicher Enkel Morty. – (c) Adult Swim

Ein vierzehnjähriger Junge geht mit seinem Großvater, einem schrulligen Wissenschaftler, per Dimensionsportal auf Abenteuer durch verrückte Parallelwelten: Das klingt nach der Prämisse eines netten Samstagmorgenzeichentricks. Nach „Mr. Peabody & Sherman“. Oder nach Doc und Marty, dem zeitreisenden Helden-Duo aus „Zurück in die Zukunft“. Doch die außergewöhnliche Animationsserie „Rick and Morty“ (der Gleichklang ist kein Zufall) ist für Kinder ungeeignet. Die Ausflüge ihrer Titelfiguren führen an Orte, von deren Besuch man selbst seinen schlimmsten Feinden abraten würde. Bei denen man von Glück reden kann, wenn man sie lebend – und ohne psychische Narben – wieder verlässt.

Doch seelisch angeschlagen sind die beiden Dimensionauten sowieso. Opa Rick, der „intelligenteste Mensch des Multiversums“, hat schon zu viel gesehen, um sich von Nichtigkeiten wie Tod und Teufel tangieren zu lassen. Hin- und hergerissen zwischen totalem Nihilismus und einem letzten Funken Humanität versucht er seine Lebensgeister mit waghalsigen Unternehmungen und aberwitzigen Forschungsprojekten wach zu halten, ohne besondere Rücksicht auf seine Umwelt.

 

Moralische Bedenken verpuffen

Enkel Morty leistet ihm dabei widerwillige Gesellschaft und gibt den kümmerlichen Gegenpart zu Ricks Abgeklärtheit: Hie und da meldet er zaghafte moralische Bedenken an, doch aufgrund seiner chronischen Unsicherheit verpuffen diese meist ungehört. Manchmal ist auch der Rest der Sippschaft mit von der Partie: Mortys Mutter Beth, sein rückgratloser Vater Jerry und die präpotente Schwester Summer. Von Zusammenhalt keine Spur.

Auf den ersten Blick wirkt das alles nicht übermäßig originell. Verkorkste Mischpoken, die sich mehr malträtieren als liebhaben, tummeln sich im Fernsehen spätestens seit „Eine schrecklich nette Familie“ zuhauf. Und schräge Zeichentrickshows, die Tabus brechen und Grenzen überschreiten, bilden fast schon ein eigenes Genre. Dennoch ist „Rick and Morty“ anders, geht noch eine Stufe weiter als seine Vorgänger. Sie nimmt die sarkastische Weltsicht der „Simpsons“, die schwurbeligen Sci-Fi-Plots aus „Futurama“, „South Parks“ Sinn fürs Groteske, „Family Guys“ bodenlosen Zynismus, mischt alles zusammen – und versucht anschließend, so etwas wie emotionalen Gehalt aus dieser beizenden Brühe zu extrahieren. Mit Erfolg.

Der Clou: Serienschöpfer Dan Harmon („Community“) und Justin Roiland machen fast jede Folge zum Teil eines existenziellen Dramas. Zwischen all der überdrehten – und oft ziemlich brutalen – Action geht es, in bester Lovecraft-Manier, um die Bedeutungslosigkeit der Existenz im Angesicht eines gleichgültigen Kosmos. Und um die Frage, wie (und ob) man in einer chaotischen, allem Anschein nach völlig sinnlosen Welt vielleicht doch etwas Sinn finden könnte. Rick (der kraft seiner Abgefeimtheit sogar zu begreifen scheint, dass er nur eine Zeichentrickfigur ist) verkörpert dieses Dilemma am dringlichsten: Bei ihm kann man sich nie sicher sein, ob er überhaupt noch etwas für seine Mitmenschen empfindet – oder alles nur spielt. Seine Abgründe sind tief. Aber nicht ohne Hoffnungsschimmer.

Kein Wunder, dass sich „Rick and Morty“ zu einem Kult-Cartoon der Internetgeneration gemausert hat. Seine rasanten Weltenhüpfer-Plots spiegeln den Hyperlink-Parcours durch weitläufige Online-Dimensionen, deren Extreme gleichermaßen schockieren wie verblüffen können. Ricks sardonischer Humor erinnert an die Bissigkeit diverser Kommentarsektionen. Auch der detailverliebte, leicht verquere Stil der Show (statt Pupillen haben die Figuren fransige Sternchen in den Augen) nimmt Anleihen bei Memes und Webcomics. Eine absurde Note schwingt immer mit. Roiland leiht seine Stimme beiden Protagonisten, und selbst ihrem Sprachduktus haftet etwas Unwägbares an: Morty haspelt sich nervös von Wort zu Wort, während die wahnhaften Suaden seines Großpapas periodisch von Alkoholrülpsern unterbrochen werden.

 

Tröstliche Schlussbotschaften

Mit „Rick and Morty“ ist es dem US-Spartensender „Adult Swim“ erstmals gelungen, seine sehr spezielle, düster-surreale Comedy-Marke einem breiteren Publikum schmackhaft zu machen, indem er sie auf brillante Weise ins klassische Sitcom-Format integriert hat. Mit Schlussbotschaften, die bei aller Hoffnungslosigkeit doch etwas Trost in sich tragen: „Niemand hat eine Bestimmung, niemand gehört irgendwo hin, wir werden alle sterben. Wollen wir nicht ein bisschen gemeinsam fernsehen?“

Staffel drei. Die erste Folge der von vielen heiß erwarteten dritten Staffel wurde schon vor Monaten veröffentlicht, in einer typisch hintersinnigen Aktion: Als Aprilscherz, dessen Witz darin bestand, dass er gar keiner war.

Vergangenen Sonntag hatte die zweite Episode in den USA Premiere. Von nun an erscheint jeden Mittwoch eine neue Folge – im deutschsprachigen Raum immer um 21:50 auf dem deutschen Sender TNT Comedy, als Stream verfügbar per Sky Ticket. Die Staffeln 1 und 2 lassen sich auf Netflix sichten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2017)

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