"Rellik": Ein Kommissar wie aus einem Albtraum

Amazon Prime zeigt die BBC-Serie „Rellik“, einen Thriller mit Richard Dormer als zornigem und unbeherrschtem Ermittler. Erzählt wird im Rückwärtsgang. Das fordert volle Aufmerksamkeit vom Zuschauer und geht auf Kosten der Spannung.

Richard Dormer sucht als Chief Inspector Markham einen Serienmörder.
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Richard Dormer sucht als Chief Inspector Markham einen Serienmörder.
Richard Dormer sucht als Chief Inspector Markham einen Serienmörder. – (c) Concorde Filmverleih

Pochend dröhnt das Laufband im Takt der kräftigen Schritte. Der Mann, der sich hier fit hält, beachtet die Fernsehnachrichten kaum, die ihm während des Trainings die Zeit vertreiben sollen: Ein Verdächtiger sei von der Polizei erschossen worden. Chefinspektor Gabriel Markham wischt sich den Schweiß von der Stirn. Er muss sich das nicht anschauen – er weiß sowieso, was da passiert ist. Er war dabei – und seither dreht sich in seinem Kopf alles um die immer gleiche quälende Frage: War das wirklich der Serienmörder, den sie gesucht hatten? Hat dieser Mann sieben Menschen mit Säure überschüttet und getötet? Oder ist er Opfer – ein, wenn auch psychisch auffälliger, Familienvater, dem jemand alles in die Schuhe schieben konnte?


Von Brandwunden entstellt. Am Anfang von „Rellik“ steht also das Ende – und die Ratlosigkeit. Wie, so fragt man sich, will diese sechsteilige BBC-Miniserie mit ihrer ungewöhnlichen Erzählweise eine Antwort auf die Schuldfrage geben? Denn erzählt wird hier im Rückwärtsgang – der Name verrät's: Rellik rückwärts gelesen ergibt das Wort Killer. Immer wieder springt der Plot ein paar Stunden oder Tage zurück, dringt immer tiefer in das vorherige Geschehen ein – und liefert mit jedem Zeitsprung ein neues Puzzlestück mit mehr Details. So wird man irgendwann auch erfahren, wie Markham zu seiner Verletzung gekommen ist: Sein Gesicht ist von Brandwunden so entstellt, dass allein sein Anblick Menschen zum Schweigen bringen kann.

„Das Schlimmste ist, mich selbst im Spiegel zu sehen“, sagt er in einem der wenigen Momente, in denen er Zeichen der Empfindsamkeit zeigen kann. Gleich darauf ist Markham wieder der Kämpfer auf seinem Feldzug. Sehr unterkühlt und etwas zu aufgedreht ist Richard Dormer in dieser zentralen Rolle des Ermittlers. In „Game of Thrones“ gab er ab Staffel drei den grimmigen „Blitzlord“ Beric Dondarrion. Auch in „Rellik“ spielt der Ire eine Figur mit düsterem Charakter: Markham ist ein verbitterter Typ, der glaubt, seine Teenagertochter mit sechs Wochen Hausarrest zur Raison zu bringen, der seine Frau mit einer Arbeitskollegin (undurchschaubar: Jodi Balfour) betrügt, ohne daraus tiefer gehendes Glück zu schöpfen, und der eine Verdächtige zum Reden bringen will, indem er mit ihr in einer irrwitzigen Geisterfahrt über den Highway rast. Dieser Mann hat nicht nur Albträume – er ist selbst ein Albtraum.

Seine fahrigen, unversöhnlichen Aktionen machen Markham auch zum Symbol für die Qualen der Rückwärtsgewandtheit, für die Unsinnigkeit der Frage „Was wäre gewesen, wenn?“ Da trifft die Verdächtige, die auch mit Verbrennungen im Gesicht leben muss, den wundesten Punkt, wenn sie feststellt: „Karma ist wirklich ein fieses Miststück.“ Bezahlt Markham also für frühere Fehler?

Ihm fließt jedenfalls der unkontrollierte Zorn aus jeder Pore – das wäre allerdings auch klar, wenn die aufdringliche Kamera an sein vernarbtes Gesicht etwas weniger oft heranzoomen würde. Atmosphärisch ist „Rellik“ als düsterer Thriller aber gelungen. Manche Bilder wirken wie aus einem Horrorfilm. Vor allem die Sequenzen, in denen ein Teil des Geschehens im Rückwärtsgang abläuft, in denen Tränen zurück ins Auge rinnen, Zigaretten wieder zur vollen Länge erglühen, haben etwas Hypnotisches. Letztlich aber gehen gerade durch diese verkehrte Erzählweise Dichte und Spannung verloren.


Denksport für Krimifreunde. Als Zuschauer muss man gut aufpassen, damit man in der von Harry und Jack Williams erdachten Story nicht den Faden verliert. Wie bei einer Schnitzeljagd sind immer wieder wichtige Hinweise versteckt, deren Bedeutung erst später klar wird. Wirklich neu ist diese Form des Denksports für Krimifreunde aber nicht: Auch Christopher Nolan erzählte in „Memento“ (2000) eine Mördersuche im Rückwärtsgang. Der ganz zu Beginn gesäte Zweifel macht „Rellik“ aber bis zum Schluss interessant. Es ist, wie wenn man ein Buch von hinten liest: Man will ja dann doch wissen, wie es zu alldem kam. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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