Ich kenne meine Urenkel nicht – es könnte sein, dass ich sie gar nicht mag“, sprach der US-Zeitungsverleger Nelson Poynter und gründete 1975, drei Jahre vor seinem Tod, eine Stiftung. Noch heute zehrt die „St.Petersburg Times“ in Florida von seinem Erbe. Und sie erfüllt noch einen zweiten Zweck: die Finanzierung des „Poynter-Instituts“, Journalistenschule und Medienforschungseinrichtung – eine der weltweit führenden. „Die Presse am Sonntag“ besuchte sie im April.
Bill Mitchell, Leiter u. a. der internationalen Programme, meint: „Simple Bezahlschranken (Paywalls) im Internet werden nicht funktionieren.“ Mehrere große Medien, darunter die „New York Times“ wollen demnächst Geld für ihre Online-Artikel verlangen. Doch mit dem einfachen Verlagern des Zeitungsgeschäfts in die digitale Welt – z.B. klassische Inserate, die zu Onlinebannern werden – sei es nicht getan, so Mitchell. Stattdessen rät er: Werbeagenturen sollten sich in Sachen Vertrieb ihrer Botschaften etwas ganz Neues einfallen lassen. Medien sollten Partnerschaften – „frenemies“, halb Freund, halb Konkurrent – schließen.
Ganz anfreunden sollten sie sich hingegen mit ihrer Leserschaft: Der muss man etwas Besonderes bieten, für das sie nicht nur gezwungenermaßen (mittels Paywalls), sondern auch freiwillig bezahlt. Freiwillig? Das passiert schon jetzt: Journalismusplattformen bitten ihre User ganz einfach um „Spenden“ – so etwa der US-Recherchedienst spot.us oder die weltweit aktive Korrespondentenagentur globalpost.com. Beide können (zum Teil) davon leben. Ein anderes Beispiel stellt das Onlineunternehmen Kachingle dar: Dorthin kann jeder willige User fünf Dollar pro Monat überweisen, die dann auf die Medien, Blogs und Plattformen, die man in dem Zeitraum im Internet besucht (und die an Kachingle teilnehmen), verteilt werden.
Der Name der Plattform lehnt sich an das amerikanisch „kaching“ an, das für das Klingeln der Kasse steht. Seit vergangener Woche ist der Dienst nun auch in einer deutschsprachigen Version abrufbar. Zahlen kann man in Österreich, Deutschland und der Schweiz an Kachingle „für die nächste Zeit“, so heißt es derzeit auf der Homepage, auch nur fünf Dollar (rund vier Euro); eine Euroversion soll aber folgen.
Eine der Testseiten im deutschsprachigen Raum war die des Salzburger Bloggers David Röthler (politik.netzkompetenz.at/). Seit Ende 2009 bietet er seinen Lesern den Kachingle-Button auf seiner Seite an – durch Klicken darauf unterstützt der Besucher den Blogger mit einem Teil seiner fünf Dollar. Röthlers Kontakt zum US-Unternehmen ergab sich nach einem Onlinemeeting mit dessen Europa-Leiter. Als Kachingles Erfolgsfaktoren sieht Röthler die Transparenz der Verteilung und die Anerkennung, die man symbolisch mit dem Geld überwiesen bekommt. Er selbst habe mit seinem Blog, den er nur sporadisch aktualisiert, in den vergangenen Monaten etwa 15Euro verdient. „Lächerlich“, sagt Röthler – er ist aber ohnehin stärker an dem System des „Crowd Funding“ denn am Gewinn interessiert.
Am Poynter-Institut hält man das Kachingle-Modell für erfolgversprechend. „Weil es so transparent ist“, sagt auch Mitchell. Und dabei auch auf sich selbst nicht vergisst: 20Prozent der „Spende“ des Users an seine Kachingle-Lieblingsseiten, also rund 80Euro-Cent, behält die Plattform ein. Für Kosten und „Profit“. Nötig für die, die keinen Stifter wie Poynter im Rücken haben.