Im Scherz hört man hinter vorgehaltener Hand: „Das ist die Vendetta der Monika Lindner.“ Rache? An wem und wofür? An Alexander Wrabetz, der in ihrer Zeit als ORF-Chefin (2002 bis 2006) kaufmännischer ORF-Direktor war und der Lindner, deren Wiederwahl als fix galt, 2006 in einem Überraschungscoup entthronte. Sie leitet heute die Epamedia (Raiffeisen) – und werkt angeblich im Stillen als Teil eines bürgerlichen Wahlkampfteams, dessen wichtigste Aufgabe ist, Wrabetz' Wiederwahl zu verhindern.
Stimmt nicht, kontert Lindner auf Nachfrage der „Presse“: „Ich bin ja weder ein Parteimitglied der ÖVP noch plane ich irgendetwas. Ich verfolge das Ganze staunend – mit wachsendem Interesse.“ Geäußert habe sie sich zur ORF-Wahl aber schon: „Ich weiß gar nicht, wo. Ich wollte nur sagen: Es ist nicht so, dass es keine Kandidaten gäbe. Es gibt Leute, die gut sind – es traut sich nur keiner aufzuzeigen, weil jeder weiß, ohne politische Rückendeckung geht es nicht.“ Genannt hat sie ihren ehemaligen Chefstrategen Reinhard Scolik, der ihrer Meinung nach „natürlich ein guter Generaldirektor“ wäre. Aber: „Ich kann mich ja für niemanden einsetzen. Ich bin weder im Stiftungsrat noch habe ich sonst Möglichkeiten.“
Der ÖVP bleiben im nach wie vor machtpolitischen Spiel um den ORF zwei Möglichkeiten: Entweder sie entscheidet sich doch für Wrabetz – im Tausch gegen ORF-Posten für bürgerliche Kandidaten. Oder sie verweigert ihm die Unterstützung – dann braucht sie einen eigenen Kandidaten, um das Feld nicht kampflos zu räumen.
Dass die Hoffnungen der Bürgerlichen just auf dem ehemaligen SPÖ-Kanzlersekretär und heutigen Chef der RTL-Group, Gerhard Zeiler, ruhen, dürfte darin begründet sein, dass man ihm als einzigem zutraut, die geschlossenen SPÖ-Reihen (pro Wrabetz) im Stiftungsrat ins Wanken zu bringen. Ein, zwei Stimmen aus den Reihen der roten Ländervertreter wären für Zeiler möglich, heißt es. Bürgermeister Michael Häupl hat sich am Sonntag im „Kurier“ hingegen festgelegt: Wrabetz sei „der einzige reale Kandidat mit Fachwissen und Erfahrung“ und könne mit der Stimme Wiens rechnen.
ÖVP mit Zeiler, Grabner, Scolik, Prantner?
Für den Fall, dass Zeiler bleibt, was er ist (wofür er etwa das Zehnfache von dem verdient, was er beim ORF bekommen würde), werden neben Scolik (der dem Vernehmen nach nicht gegen Wrabetz antreten will) folgende bürgerliche Kandidaten genannt: Zeitungsmanager Michael Grabner (der sich bisher dazu ablehnend geäußert hat) – und ORF-Online-Direktor Thomas Prantner. Er darf trotz guter Zahlen in einer Ära Wrabetz II nicht mit einem Direktorenposten rechnen und wäre bereit, gegen den amtierenden General in den Ring zu steigen.
Einzig fix ist bis dato damit die Kandidatur von Wrabetz. Der hat nicht nur einen Auftritt vor dem Stiftungsrat am Donnerstag, sondern soll am Freitag – wie Prantner – vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien als Zeuge aussagen. In einem Prozess, den Walter Meischberger in der E-Mail-Affäre gegen „Österreich“ angestrengt hat: Meischberger soll Wrabetz per Mail an versprochene Gegenleistungen für die Unterstützung bei der ORF-Wahl 2006 erinnert haben. „Österreich“ behauptete, Meischberger habe in einem Mail vom ORF „teils unter Berufung auf Karl-Heinz Grasser zwei Millionen Euro gefordert“. Wrabetz bestreitet, Zusagen gemacht zu haben – man habe auch nichts umgesetzt. Im Verfahren geht es nun darum, ob „Österreich“ eine Gegendarstellung Meischbergers veröffentlichen muss.
Im Stiftungsrat am Donnerstag wird das Thema jedenfalls aufgegriffen: ÖVP-„Freundeskreis“-Leiter Franz Medwenitsch fordert eine Arbeitsgruppe für „Corporate Governance“. Darin soll geklärt werden, ob Stiftungsräte im ORF Karriere bzw. mit dem Öffentlich-Rechtlichen Geschäfte machen dürfen. Die Arbeitsgruppe gab es schon einmal – ihre Arbeit verlief allerdings im Sand...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2011)

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