Vielleicht ist das so ein Rapper-Ding. Dass man Zuneigung, die einem entgegengebracht wird, irgendwann in besonderem Überschwang erwidert. Der deutsche Rapper Sido, der mit bürgerlichem Namen Paul Hartmut Würdig heißt, hat sich für die Zuneigung des ORF und der Österreicher auf seine Art bedankt: Er hat sich eine Wohnung in Döbling gemietet und plant, demnächst ein Tattoostudio in Wien zu eröffnen. Kurz gesagt: Der Mann hat vor, noch eine Weile im Land zu bleiben.
Für ihn ist das wirklich sinnvoll, denn der ORF hat den 31-Jährigen, der sich sowohl mit gewalt- und drogenverherrlichenden als auch sexistischen Liedtexten eine solide Bekanntheit erarbeitet hat, zum neuen Show-Darling erklärt. Obwohl er seine zahlreichen Engagements in Talentesuchshows in Deutschland begonnen hat, sind es nun die Ösis, die ihm nach Juryauftritten bei den Talentsuchshows „Helden von Morgen“ und die „Große Chance“ eine eigene Sendung geben.
Der Schmäh funktioniert bedingt. Auch beim Late-Night-Comedy-Duo Grissemann & Stermann durfte er vor einiger Zeit Werbung für die neue Sendung „Blockstars“ (Start: 15. Dezember) und die Gangsterrapkomödie „Blutzbrüdaz“ (Wien-Premiere: 16. Dezember) machen. Dort verblüffte er mit unvorstellbar dümmlichen Aussagen: Weil er Alkohol nur trinke, um betrunken zu werden, greife er stets zu Jägermeister, damit er sein Ziel schneller erreiche. Er wolle bitte nicht wissen, was seine Mutter und andere Frauen auf der Toilette machen, um sich das Bild der reinen Frau nicht zu zerstören. Gangsterrap-Image hin oder her, solches Geschwafel ist nur schwer zu ertragen. Auch Christoph Grissemann, sonst bei fast jedem Gast die Höflichkeit in Person, konnte seine dezente Ablehnung nicht verbergen. Als Sido erklärte, warum es ihn nach Österreich ziehe („In Deutschland funktioniert mein Schmäh nicht“), konterte Grissemann: „In Österreich aber auch nur bedingt.“
Es mag Sido-Verweigerer geben, aber spätestens seit seinem verbalen Schlagabtausch mit „Krone“-Kolumnist Michael Jeannée, den er vor laufender Kamera als „Hausmeister“ abkanzelte, hat er auch Sympathisanten außerhalb des Teenagersegments. Die Vermarktungsmaschinerie hält Sido derzeit geschickt auf allen Seiten am Laufen: Vor wenigen Wochen hat er mit seinem einstigen Erzfeind Bushido das Album „23“ herausgebracht. In der selbstherrlichen Hymne „So mach ich es“ geht es, wenig überraschend, um die Lieblingsthemen der zwei Berliner Rüpelrapper: Geld, Sex, Drogen.
Der rappende Retter. Sido zum ORF geholt hat 2010 die Programmentwicklerin Dodo Roscic, die nach wie vor in höchsten Tönen von ihrer Entdeckung schwärmt: „Er hat eine unglaubliche Strahlkraft, eine Aura.“ Bei der neuen Sendung darf Sido nicht nur partizipieren, das gesamte Konzept stammt von ihm persönlich. In „Blockstars – Sido macht Band“ sollen Jugendliche, die wie er aus sozial benachteiligten Verhältnissen kommen, den Sprung in ein geordnetes Leben schaffen. Anders als bei üblichen Castingshows sollen die Kandidaten nicht nach Berühmtheit streben, sondern, im Gegenteil, kein Ziel vor Augen haben. Er sucht Menschen „für die diese Sendung die einzige Chance im Leben ist“.
Sido als Vorbild? Zugegeben, das klingt skurril. Schließlich sang der nicht wenig von sich Überzeugte (auf seinem linken Arm prangt sein Geburtsdatum), in dem Song „Schlechtes Vorbild“: „Ich bin all das, vor dem dich deine Eltern immer gewarnt haben.“ Allerdings: Sido ist gelernter Erzieher und möchte die jungen Menschen „unter seine Fittiche nehmen“. Wie er sollen die Teilnehmer mithilfe von Rapmusik aus dem sozialen Sumpf steigen und am Ende von „Blockstars“ fähig sein, eine erfolgreiche Rap-Band darzustellen.
Leise Kritik äußert der österreichische Rapper Skero von der Band Texta, der mit seinem Hit „Kabinenparty“ selbst zur Popularisierung von Rapmusik beigetragen hat. Er lehnt das hier vermittelte Klischee ab, Rapper könnten ausschließlich aus ärmlichem Milieu stammen, „und selbst wenn die Protagonisten nicht aus dem Ghetto kommen, müssen sie so tun als ob, um in diese Sendung zu passen“. Zwar räumt er ein, dass die intensive Auseinandersetzung mit Hip-Hop dazu beitragen kann, zu lernen, „sich selbst zu organisieren, den Arsch hochzukriegen und die eigene Kreativität zu entdecken“, ob die Show jedoch Kandidaten hervorbringt, die auch nach der Sendung weiterhin Rapper werden wollen, sei fraglich. Er hofft, dass bei den Teilnehmern „keine Illusionen nach dem großen Geld“ geweckt würden, dafür sei der österreichische Hip-Hop-Markt zu klein.
Aus den Gewinnern der Show soll eine Band werden, die vielleicht als österreichischer Eurovision-Song-Contest-Starter tauglich ist oder zumindest den Sprung in die Charts schafft. Die Krux mit dem Danach bleibt auch bei dieser Castingshow ungelöst. Schon Gewinner von Shows, die nicht automatisch soziales Elend erfahren haben, klagen über Post-Show-Depressionen, was soll dann erst aus den „Blockstars“ werden, wenn der große Durchbruch verwehrt bleibt?
Zwar soll Sido den „Perspektivlosen“ nicht nur musikalisch unter die Arme greifen, sondern sie auch charakterlich wie menschlich festigen und „ihr Leben in Ordnung bringen“, soziale Verantwortung übernimmt der ORF in der Show jedoch keine.
Paul Hartmut Würdig alias Sido, geb. am 30.11.1980 in Ostberlin. Er ist deutsch-sintischer Herkunft. Sido steht für „Super-intelligentes Drogenopfer“ oder „Scheiße in dein Ohr“.
1997
erste musikalische Schritte als „Royal TS“, ab 2003 startet er seine Solokarriere. Sein jahrelanges Markenzeichen ist eine silberne Gesichtsmaske. 2011 veröffentlicht er das Album „23“ mit seinem früheren Erzfeind Bushido.
Ab 2007
regelmäßige Auftritte im deutschen TV, u.a. bei „Popstars“ oder in der Sendung „Sido geht wählen“.
Seit 2010
Auftritte im ORF bei „Helden von Morgen“, „Die große Chance“. Am 15.12. startet die neue Show „Blockstars“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2011)

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