Der hausinterne Protest im ORF nach den geplanten (politischen) Postenvergaben geht weiter: Am Freitagnachmittag fand eine Redakteursversammlung statt, die zweite in dieser Woche. Diesmal war der ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz persönlich anwesend und äußerte sich zu der umstrittenen geplanten Bestellung von Niko Pelinka, bis vor kurzem Leiter des SPÖ-"Freundeskreises" im Stiftungsrat, zu seinem Büroleiter. An diesem Beschluss dürfte er vorerst festhalten - Redakteurssprecher Dieter Bornemann zufolge habe der ORF-Chef signalisiert, dass er "keinen Ausweg aus der Situation" sehe, berichtet die APA. Nach Ende der Redakteursversammlung schickte die "Zeit im Bild"-Redaktion deshalb "im Interesse der Glaubwürdigkeit des ORF" einen offenen Brief an Pelinka aus. Darin fordern sie den 25-Jährigen auf, seine Bewerbung "zurückzuziehen".
Ihre Sorge gelte "der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit des ORF", so die "ZiB"-Redakteure. "Diese werden durch Ihre nahtlose Übersiedlung von der Spitze der SPÖ-Fraktion im ORF-Stiftungsrat in die Generaldirektion schwerst beschädigt - und zwar völlig unabhängig von Ihren allfälligen Handlungen als Büroleiter."
Pelinkas Reaktion auf das breite Medienecho auf die Bestellung und sein weiteres Vorgehen lasse die Redakteure daran zweifeln, dass er die Problematik der Besetzung verstehe. Denn erst am Montag hatte Pelinka eine Einladung an die roten Stiftungsräte in ein SPÖ-Klubzimmer ausgeschickt - das Mail ging auch an SPÖ-Mediensprecher Josef Cap und Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas, bemängeln die "ZiB"-Mitarbeiter. Dies Sitzung wurde inzwischen abgesagt. Außerdem habe Pelinka angegeben, nie für eine politische Partei tätig gewesen zu sein - obwohl er mehrfach auf den Wahllisten der SPÖ stand.
"Haben völlig anderes Verständnis von Unabhängigkeit"
"Das zeigt uns, dass Sie und wir offenkundig ein völlig anderes Verständnis von Unabhängigkeit haben", schreiben die Redakteure. "Wenn es Ihnen tatsächlich um den ORF und um seine Glaubwürdigkeit geht - dann stehen Sie zu ihrem Wort. Wir fordern Sie auf - im Interesse des ORF - Ihre Bewerbung zurückzuziehen."
>>> Der offene Brief im Wortlaut
Unterzeichnet haben der Brief die Redakteurssprecher Dieter Bornemann, Lisbeth Bischoff, Eugen Freund, Barbara Seebauer, Oliver Ortner, Harald Jungreuthmayer, Sabine Schuster und Christian Stöger.
Pelinka: Wenn Wrabetz das will
Pelinka spielte seinerseits den Ball an Wrabetz weiter: Er werde seine Bewerbung zurückziehen, sofern der ORF-Generaldirektor das wünsche, sagte Pelinka gegenüber der APA. "Ich habe mich für diese Position beworben, weil mich der Generaldirektor dazu aufgefordert hat." Er habe Wrabetz bereits angeboten, seine Bewerbung zurückzuziehen, dieser habe das allerdings abgelehnt. "Das Angebot, meine Bewerbung zurückzuziehen, so der Generaldirektor will, bleibt natürlich aufrecht." Auf die Frage, ob er seine Bewerbung nicht auf Eigeninitiative zurückziehen wolle, wollte Pelinka nicht näher eingehen.
ORF-Kommunikationschef Martin Biedermann betonte, dass Wrabetz an Pelinka festhalten wolle und das bei der Redakteursversammlung auch klagemacht habe. Die Befürchtungen und Sorgen der Redakteure in Zusammenhang mit Pelinka wies Wrabetz laut Biedermann als "unbegründet" zurück und betonte, er werde aber selbstverständlich weiterhin das Gespräch mit den Kritikern im ORF suchen. Das Gespräch sei in einer guten, konstruktiven Atmosphäre verlaufen.
Erst Bekanntgabe, dann Ausschreibung
Am Montag war die erste Redakteursversammlung einberufen worden. Danach hatten die "Zeit im Bild"-Redakteure und ihre Kollegen aus den Redaktionen für Diskussionssendungen, Wetter und "Heute in Österreich" eine Resolution verabschiedet. In dieser forderten sie die Rücknahme der geplanten Bestellungen.
Der Skandal war am 23. Dezember ins Rollen gekommen: Am Nachmittag hatte Wrabetz in einer Aussendung die Bestellung Pelinkas zum Büroleiters und des ehemaligen Online-Direktors Thomas Prantner zum Technischen Vizedirektor bekannt gegeben. Die Ausschreibung für die Posten erfolgte erst später.
Thema im Stiftungsrat
Am kommenden Freitag soll die Causa Pelinka auch Thema im Stiftungsrat sein. Dort wird außerdem darüber beraten, wohin die rund 600 Mitarbeiter für die Zeit der nun anstehenden Sanierungsarbeiten ausweichen sollen. Außerdem hat der Kaufmännische Direktor des ORF, Richard Grasl, am Freitag angekündigt, dass die Standortfrage im ersten Halbjahr 2012 entschieden werden. Bis Juli soll feststehen, ob der ORF am Küniglberg bleibt oder absiedeln wird.
(awa/her/APA)
Niko Pelinka: Der jugendliche ''ORF-Dompteur''
ORF-Chefetage: Das Who is Who am Küniglberg
Filmstarts der WocheMysteriöse Millionäre, Tanzende Teufel
''The Great Gatsby''Vom Scheitern eines Spektakels
Inge Morath''Menschen'' in der Galerie Leica
Ballett im BerghainKlassischer Tanz erobert den besten Club Berlins