Warum das Radio analog bleibt

Der Einstieg in den digitalen Hörfunk in Deutschland läuft schleppend an. In Österreich wurde der Testbetrieb der ORF-Sendertochter ORS auf unbestimmte Zeit verschoben. Medium bleibt analog – und beliebt wie eh.

Symbolbild
Schließen
Symbolbild
(c) AP (AMY SANCETTA)

Kommt sie nun oder kommt sie nicht – die Digitalisierung des Radios? Während das Fernsehen den Sprung von analogen Wellen zum Wechselspiel aus 0 und 1 problemlos bewältigt hat, und die mit schicken Flatscreens ausgerüsteten Haushalte sogar schon über 3-D-Fernsehen nachdenken, ist beim Radio alles beim Alten. Fünf bis sechs Radiogeräte besitzt der Österreicher im Durchschnitt – in Summe sind das etwa zwanzig Millionen. 201 Minuten täglich wurden im zweiten Halbjahr 2011 Radio gehört – ein konstant hoher Wert, der über die Jahre nur leichten Schwankungen ausgesetzt war.

Während nur mehr sechs Prozent der Konsumenten ihr TV-Programm terrestrisch (via Antenne) empfangen, sind es nahezu alle Radiohörer. Und viele fragen sich: Warum sollte es anders sein? UKW funktioniert einwandfrei. Die Rauschfreiheit von DAB+ wäre in manchen Regionen ein Argument. Aber reicht das genügend Konsumenten, um eine Investition von 50 Euro aufwärts für jedes digitaltaugliche Gerät im Haushalt zu rechtfertigen?

Kein Land, in dem es funktioniert
. „Ich bin seit 15 Jahren mit Digitalradio befasst – aber ich sehe kein Land in Europa, wo das erfolgreich funktioniert“, konstatiert Alfred Grinschgl. Selbst in Großbritannien, das vor zehn Jahren DAB+ eingeführt hat und in dem Bereich zu den Vorreitern zählt, würden nur maximal 27 Prozent der Hörer Digitalradio hören.

Der für den Fachbereich Medien zuständige Geschäftsführer des Rundfunk- und Telekom-Regulators RTR gehört als Gründungsgeschäftsführer der Antenne Steiermark zu den Radiopionieren Österreichs: „Schon im Jahr 2000, als ich noch bei der Antenne Steiermark war, hatten wir einen Referenten vom Bayerischen Rundfunk da, der uns gesagt hat: jetzt kommt digitales Radio.“ Erst mehr als zehn Jahre später – in der zweiten Hälfte 2011 – startete in Deutschland tatsächlich der digitale Hörfunk mit DAB+. Der Zuspruch war bisher aber weit nicht so enthusiastisch wie erhofft.

Auch in Österreich stehen die zuständigen Stellen auf der Bremse: Die ORF-Sendertochter ORS (Österr. Rundfunksender GmbH) hat einen für das Frühjahr 2012 geplanten Testbetrieb im Raum Wien und einen bereits im vergangenen Herbst geplanten Workshop zum Thema abgesagt. Man will abwarten, wie DAB+ am deutschen Markt angenommen wird. „Nach wenigen Monaten lässt sich noch nicht sagen, ob das ein Erfolg wird oder nicht“, sagt ORF-Radiodirektor Karl Amon. „Das Weihnachtsgeschäft lag unter den Erwartungen.“

Amon lässt dennoch bereits ein Projekt vorbereiten: ein Kinder- und Jugendradio. Ein solches würde bei einem 24-Stunden-Betrieb mit einigen Wiederholungsflächen „eine geschätzte Million Euro im Jahr kosten“ und könnte durch Sponsoren finanziert werden, hofft er. Amon würde ein solches Programm am liebsten im Rahmen des geplanten Testbetriebs der ORS auf den Weg schicken. Der wird allerdings nicht vor Herbst starten. Wenn überhaupt. Amon hat aber auch schon eine Alternative: ein Internet-Radio für Kinder und Jugendliche, das „in bester Stereoqualität über WLAN in jeden Haushalt kommen könnte“.

Beim Gedanken daran schweift er ab – nach Amerika, wo er sich aus privaten Gründen oft aufhält, und wo „schon jeder Zweite Radio über das Internet hört – nächstes Jahr werden es 60 Prozent sein“. Damit sei über kurz oder lang auch bei uns zu rechnen: „Die Autoindustrie macht Tests mit Hybridradios“, die sowohl via Internet verbreitete als auch analoge und digitale Programme empfangen können.

Tausend Mal mehr Konkurrenz.
„Autofirmen machen Tests mit eigenen Programmen – die Konkurrenz wird immer vielfältiger: Wenn in Österreich Internet-Radio kommt, würde das die Konkurrenz für die ORF-Radios schlagartig um den Faktor Tausend erhöhen“. so Amon. Neben Radiosendern würden auch Anbieter von Musikteppichen oder Segmentradios in den Markt drängen. „Es gäbe mehr Vielfalt am Markt“, sagt auch Grinschgl. Ob damit zwangsläufig die Qualität des Angebots steigen würde? „Darüber kann man streiten.“ Jedenfalls wären zusätzliche Datendienste möglich – z. B. für die Autonavigation.

Technisch gesehen wäre es für den ORF „überhaupt keine Affäre“, auf digitalen Betrieb umzustellen, sagt Amon: „Wir produzieren ohnehin alles digital. Es wird digital aufgezeichnet, vom Redakteur selbst ohne Cutter auf digitalen Schneideinseln bearbeitet.“ Erst zum Senden wird das digitale Signal in ein analoges umgewandelt.

UKW noch lange nicht abgeschaltet. Warum aber haben dann die meisten Radiobetreiber kein Interesse daran, auf DAB+ umzusteigen? „Ich würde sagen, dass etwa 80 Prozent der großen Radios dagegen sind“, schätzt Grinschgl und begründet das so: „Die Radiosender, die derzeit eine UKW-Frequenz haben, müssen befürchten, dass sie dann mehr Gegner haben.“

Und nicht nur das: Auf die Betreiber kämen auch hohe Kosten zu: „Das analoge Signal würde – ganz anders als es beim Fernsehen war – nicht rasch abgeschaltet werden. UKW würde noch zehn bis 15 Jahre weiterlaufen – die Radiostationen müssten also doppelt ausstrahlen: analog und digital. Und dann brächte ihnen Digitalradio keinen Gewinn, sondern zusätzliche Ausgaben.“  Er glaubt nicht daran, dass die ORS ihren Testbetrieb noch im heurigen Jahr starten wird: „Es schaut nicht danach aus, als ob wir in ein, zwei Jahren Digitalradio in Betrieb nehmen würden.“

Kommentar zu Artikel:

Warum das Radio analog bleibt

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen