Fulminant startete Rupert Murdoch den Aufbruch in eine neue Zeitungsära, wie er und seine Wegbegleiter es voreilig nannten: Im New Yorker Guggenheim Museum präsentierte er am 2. Februar 2011 seine Zeitung „The Daily“, für die er 30 Millionen Dollar investiert hatte – Seite an Seite mit Apple-Manager Eddy Cue, schließlich war die Zeitung zu Beginn nur für die Nutzung auf dem iPad ausgelegt, demnächst soll sie auch auf anderen Tablets und Smartphones abrufbar sein. Der Skandal um Murdochs britische Zeitung „News of the World“ war da noch in weiter Ferne.
Aber zurück zur „Daily“: So fulminant wie der Auftakt begann auch das publizistische Jahr für das Boulevardblatt, das pro Woche 79 Cent und pro Jahr 31,99 Euro kostet. Die Bilder vom Tahrir-Platz in Kairo eigneten sich hervorragend für die 360-Grad-Fotos und Bilderstrecken, die die glatt gebügelten Texte über US-Politik, Wirtschaft und vor allem Celebritys aus aller Welt ergänzten. Der Vorteil einer digitalen Zeitung: Platz spielt keine Rolle.
Skandalgeschichten gesucht
Schon bald soll Chefredakteur Jesse Angelo, ein Jugendfreund von Murdochs Sohn, seinen 150 in Midtown Manhattan stationierten Mitarbeitern Druck gemacht haben, mehr Exklusivgeschichten zu bringen: „Leute, Ägypten ist vorbei“, soll er in einem Mail geschrieben haben, berichtete soeben die „New York Times“ – und weiter: „Findet mir den ältesten Hund in Amerika und den reichsten Mann in Süd-Dakota.“ Neben den Fotos und dem aufgeräumt-modernen Design sind es vor allem die großen, teils absurden Kriminal- und Skandalgeschichten aus allen Ecken der USA, für die das Boulevardblatt (auf Englisch: Tabloid) bekannt ist.
Zum ersten Geburtstag hat die Zeitung 100.000 Abonnenten. Die vielleicht größte Überraschung: Die Leser sind nicht zwangsläufig jung und aus der Großstadt. Der Großteil der „Daily“-Abonnenten ist zwischen 35 und 50, hat Kinder und lebt nicht in New York oder Los Angeles, sondern in der Provinz, irgendwo in Florida, Texas oder Denver. Die „New York Times“ rechnet vor, dass die Zeitung bei gleichbleibenden Zahlen frühestens in fünf Jahren kostendeckend bilanzieren werde. Obwohl „Daily“ 2011 eine der drei umsatzstärksten Applikationen im US-Apple-Store war, kämpft es um die Aufmerksamkeit am amerikanischen Medienmarkt. awa
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.02.2012)
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