Das World Press Photo des vergangenen Jahres ist ein Vesperbild, wie man es aus katholischen Kirchen kennt: Eine Frau (die Mater Dolorosa Maria) hält einen verwundeten, unbekleideten Männerkörper (den gekreuzigten Jesus) auf ihrem Schoß. In Samuel Arandas Siegerfoto ist es eine mit einem Taschador bekleidete Frau, die einen nackten, verwundeten Verwandten hält. Der Spanier machte das Bild am 15. Oktober während der Proteste im Jemen in einer zum Krankenhaus umfunktionierten Moschee in Sanaa. "Dieses Foto spricht für die gesamte Region. Es steht für den Jemen, Ägypten, Tunesien, Libyen, Syrien, für alles, was im Arabischen Frühling passiert ist", erklärte Koyo Kouoh von der World-Press-Jury bei der Bekanntgabe des Siegerfotos am Freitag in Amsterdam. "Es zeigt eine private, intime Seite der Geschehnisse. Und es zeigt die Rolle, die Frauen spielten - nicht nur als Pflegerinnen, sondern als aktiv Handelnde in der Bewegung."
Jury-Vorsitzender Aidan Sullivan ergänzte: "Wir wissen nicht, wer die Frau ist, die ihren Verwandten hält, aber zusammen bilden die beiden ein Symbol für den Mut, den ganz normale Menschen an den Tag legten, und die ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des Mittleren Ostens zeigen." Veröffentlicht wurde das Foto in der New York Times.
Insgesamt zeichnete die 19-köpfige Jury 57 Fotografen aus 24 Nationen in neun Kategorien aus. Sie wählten die Siegerbilder, die heuer zum 55. Mal gekürt wurden, aus mehr als 100.000 Bilder Einreichungen. In allen Kategorien vergibt die Jury drei Auszeichnungen. Der Erstplatzierte erhält 1500 Euro, der Gesamtsieger 10.000 Euro.
Im vergangenen Jahr wurde Jodi Biebers Fotos eines afghanischen Mädchens, dem die Nase abgeschnitten wurde, zum Siegerfoto gekürt. Die Fotos werden jedes Jahr in einer Ausstellung zu sehen und gastieren meist im Herbst auch in Wien.
World Press Photo: Muslimische Pietà und Nashorn ohne Horn





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