Syrien: "Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer"

13.03.2012 | 20:36 |  JULIA KASTEIN (Die Presse)

Erschreckende Storys aus Kriegsgebieten sind gefragt. Manchmal aber ist ihre Glaubwürdigkeit fraglich. Und angeblich tote Babys erweisen sich als lebendig.

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Unschuldige, früh geborene Babys. Gestorben, weil ein Diktator den Strom zu ihren Brutkästen abstellen ließ. Eindrücklicher kann man die Barbarei eines Regimes kaum darstellen. In Syrien sollen über 20 Babys in Krankenhäusern ums Leben gekommen sein. Nur: So dramatisch diese Geschichten sind, so fraglich sind sie auch.

Im August 2011 berichteten zunächst arabische Blogger und Twitter-Nutzer über die Babys aus Hama: Weil das Assad-Regime die Stromversorgung in mehreren Stadtteilen unterbrochen hatte, seien acht Frühchen gestorben. CNN und Agence France Press griffen die Geschichte auf. Als Quelle nannten sie die „Syrian Observatory for Human Rights“ in Großbritannien (siehe Kasten). Doch der Chef des US-Onlinejournals „Electronic Intifada“, Abu Abunimah, wurde misstrauisch. Schließlich hat die syrische „Tote Frühchen“-Story einen berüchtigten Vorgänger: Eine ganz ähnliche Geschichte sorgte 1990, kurz vor dem ersten Irak-Krieg, für empörte Schlagzeilen – nur waren es damals kuwaitische Babys, und der angeblich verantwortliche Übeltäter war Saddam Hussein. Seine Soldaten hätten die Kinder aus ihren Brutkästen gerissen, auf den Boden geschmissen und dort sterben lassen.

 

Geschichte für den Einmarsch im Irak

Diese Geschichte dient in US-Journalistenschulen heute als Standardbeispiel für Propagandakriegsführung: Sie war frei erfunden – von der Washingtoner PR-Firma Hill & Knowlton, die im Auftrag des kuwaitischen Emirs und mit Unterstützung der ersten Bush-Regierung die Meinung in den USA für einen Einmarsch im Irak manipulieren sollte.

Onlinejournalist Abunimah recherchierte den Fall von Hama nach – und fand heraus, dass zumindest das Foto, das arabische Onlinemedien mit der Geschichte publizierten, keineswegs tote syrische Babys zeigte – sondern lebendige aus Ägypten. Die Geschichte selbst habe große Lücken – so gebe es kein Datum; der Arzt, der die Todesfälle angeblich der „Syrian Observatory“ meldete, bleibe anonym; es werde nicht erklärt, warum das Krankenhaus nicht seine Notstromgeneratoren benutzt habe. „Ist es möglich, dass Babys im Brutkasten zu Schaden gekommen sind?“, fragt Abunimah: „Natürlich, aber es gibt einfach keine Beweise. Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen und sie mit falschen Details und Bildern schmücken, wissen genau, dass solche Geschichten die Gefühle der Leser garantiert anheizen.“ Die „Syrian Observatory“ blieb gegenüber der „Presse“ bei ihrer Darstellung: Einer ihrer Informanten in Hama, ein Arzt, habe die toten Kinder selbst gesehen – und für das Foto könne man nichts.

Im Februar 2012 starben dann angeblich wieder syrische Frühchen in Brutkästen – diesmal war von 18 Kindern in der belagerten Stadt Homs die Rede. Etliche westliche Medien, darunter die BBC, der britische „Independent“ und der Schweizer „Tagesanzeiger“ berichteten – diesmal allerdings nur in Berufung auf nicht näher definierte „Berichte“. Auch „Die Presse“ meldete den Vorfall – mit dem Zusatz, dass der Wahrheitsgehalt solcher Informationen schwer zu prüfen sei.

Diese Einschränkung gilt bei fast allen Meldungen aus dem Konfliktgebiet. So auch bei Berichten über ein Massaker an Zivilisten in Homs am vergangenen Sonntag. Zwischen 46 und 57 Menschen – darunter 28 Kinder – seien gefoltert und umgebracht worden, hieß es in den internationalen Medien unter Berufung auf die „Syrian Observatory“ und Augenzeugen. Doch während die Beobachtungsstelle die regimetreue Shabibha-Miliz für die Bluttat verantwortlich machte, gab die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana „Terroristen“ die Schuld.

Was wirklich passiert ist, können die Redakteure in den Auslandsressorts, tausende Kilometer entfernt, kaum herausfinden. Ihre Arbeit sei „viel schwieriger geworden“, sagt Frank Webster, Soziologe an der Londoner City University und Autor eines Buches namens „Journalisten unter Beschuss. Der Informationskrieg und journalistische Praxis“. Dank neuer Technologien von Smartphones bis Social Media würden die Redaktionen mit Bildern, Filmen und Berichten aus allen möglichen Quellen überschwemmt, Auswahl und Prüfung seien kompliziert. Vor allem wenn, wie in Syrien, die meisten Medien keine eigenen Leute vor Ort hätten und sich auf die Informationen von anderen – Aktivisten, Zivilisten – verlassen müssten. „Der technologische Fortschritt hat die Spielregeln geändert: Es gibt viel mehr Informationen, oft fesselnde Bilder und Berichte. Aber es ist auch viel schwieriger geworden, Wahrheit von Fälschung zu unterscheiden“, sagt Webster.

 

Viagra für Massenvergewaltigungen?

Manchmal scheinen die Quellen auf den ersten Blick über jeden Verdacht erhaben: Im Frühjahr 2011 berichteten westliche Medien über Massenvergewaltigungen durch Gaddafis Truppen in Libyen. Der Diktator habe seine Soldaten für diesen Zweck sogar mit Viagra versorgt. Quelle der Behauptung: Luis-Moreno Ocampo, Ankläger beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Belege lieferte er nicht. Dan Murphy, Arabien-Korrespondent beim amerikanischen „Christian Science Monitor“ war skeptisch: „Ich habe diese Geschichte auch erzählt bekommen, als ich im Februar und März in Libyen war, aber ich konnte nie irgendwas davon verifizieren, also habe ich es nicht berichtet“, schrieb er im Juni 2011. „Ich habe auch schon früher einmal Behauptungen über Massenvergewaltigungen mit dem ein oder anderen Viagra-Detail gehört: vor ungefähr sieben Jahren im Irak. Und davor in Indonesien.“

Doch ist eine Geschichte erstmal im Umlauf, so Soziologe Webster, „entfaltet sie ihre Wirkung, und das lässt sich nicht mehr ändern, auch wenn sie nachher korrigiert wird und vielleicht der Ruf der Quellen ein bisschen beschädigt ist“.

Bestes Beispiel dafür: die angebliche Erschießung eines palästinensischen Jungen durch israelische Soldaten vor laufenden Kameras in Gaza im September 2000. Das Bild des verängstigen Buben neben seinem Vater kurz vor den angeblich tödlichen Schüssen wurde in Dutzenden Zeitungen weltweit gedruckt. Immer noch gilt der Bub, dessen genaue Identität bis heute unklar ist, als Märtyer und Ikone des palästinensischen Widerstandes. Doch die Aufnahmen, die ein palästinensischer Kameramann dem französischen Fernsehsender France2 zulieferte, waren inszeniert – wobei die genauen Umstände bis heute umstritten sind.

„Im Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“, schrieb der griechische Dichter Aischylos vor 3000 Jahren. Daran hat sich nicht viel geändert, meint Webster: „Heutzutage ist es fast wichtiger, den Informationskrieg zu gewinnen als den richtigen Krieg mit Waffen.“

Die Ein-Mann-Agentur

Die „Syrian Observatory for Human Rights“ wurde in den letzten Monaten zu einer der meistzitierten Quellen für Nachrichten aus Syrien. Sie besteht aus einem einzigen Mann: Rami Abdulrahman, der im britischen Coventry sitzt. Er bekommt seine Informationen nach eigenem Bekunden (verifizierbar ist das nicht) von 200 Informanten in Syrien. BBC und CNN reagierten auf eine Anfrage zur ihrer Zusammenarbeit mit der „Observatory“ nicht. Auch die Nachrichtenagentur Reuters lehnte die Bitte nach einem Interview mit einem der zuständigen Redakteure ab.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2012)

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25 Kommentare
 
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Gast: Abe Ise
16.03.2012 00:37
3 0

Aus Homs

Dannke fuer die Objektivitaet. Rami Abdull Rahman ist ein Muslembruder, der enge Konntakte mit der Fuehrung der Terroristengruppen, die in Syrien gegen die Regierung operiren. Er hat in London die Genehmigung fuer ein Restaurant und sendet die Luegen (Im Namen Menschenrechte) an die Welt. Die Daemonisierung der Nationalen Armee und Regierung ist schon von Anfang an im Lauf, vorallem, wenn die UNO eine Sitzung ueber Syrien hat. Die Entfuehrten, die aus den Viertel der Minderheiten (Christen und Alawiten) werden ermordert und gefilmt. Abnehmerseite ist er und AlJazeera. So wird der Terror der Banden in die Schuhe der Armee geschoben. Wenn Tausenden von Terroristen in sunnitischen Viertel verschanzen, muss die Armee vorischtig handeln, deshalb hat es bis jetzt ein Jahr gedauert. Waffenschmuggeln geht weiter voran und die Golfdiktaturen bemuehen sich mit allen Mitteln die sekulaere Regierung zu stuertzen, um eine (Wie Tunesien und Lybien) radikalislamische Regierung zu bringen, die als Stalit des Westens laeuft. Die USA und CO. koopperiren mit AlQaida (Siehe Lybien). Obama (Muslem) wird mit Nobelpreis belohnt und Bin Laden wird ins Meer. Ein neues Bild des Islams (Salafisten und Takferisten) ist nur das Angebot fuer die "Reichen Araber" als Fruehlingsgeschenk. Demokratie, was Assad anbot und dafuer ein volles Paket an Reformen gab, ist fuer den Westen kein schoenes Geschenk. Bombardieren ist "Besser", wollen die Kriegstreiber. Von Vietnam bis Syrien. Es lebe die "Demokratie!!!"

Gast: Gleichschlatung
14.03.2012 13:23
16 0

Unglaublich!

Eine denkende und recherchierende Journalistin! Das macht Die Presse bzgl. Syrien praktisch *einzigartig* im gesamten deutschen Sprachraum. Weiter so!

Liebe Frau Kastein, sehr viel Lob von mir auch für Ihren Bericht aus England: "Die Ein-Mann-Show des Widerstands"
http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/736666/Syrien_Die-EinMannShow-des-Widerstands" target="_blank">http://diepresse.com/home/politik/aussenpolitik/736666/Syrien_Die-EinMannShow-des-Widerstands


Gast: Felix-Austria
14.03.2012 10:36
15 0

Dankeschön!

Viele meiner Vorschreiber haben es ja schon getan - ich wiederhole es aber trotzdem. Vielen Dank für diesen Artikel, eine leuchtende Spitze im Propaganda-Sumpf eines abhängigen und lange nicht mehr professionellen Journalismus.
Dankeschön, weiter so!!

Antworten Gast: UNHQ
16.03.2012 09:53
0 0

Re: Dankeschön!

Dieser Meinung kann ich mich nur vorbehaltlos anschliessen!!!

Gast: schlÄchter
14.03.2012 10:02
12 0

sg frau redakteurin kastein!

auch von mir ein dickes
+
für diese journalistische "selbstkritik".

mfg
s.

Gast: Garst
14.03.2012 01:21
10 0

Komisch

Eine Pressejournalistin gibt sich nicht peinlichst politisch korrekt? Wo gibt es denn sowas! Sie werden in nächster Zeit einen blauen Brief im Postkasten haben Frau Kastein!

Gast: scp
14.03.2012 00:31
16 0

Danke

Gratulation an diesen Julia Kastein. Einmal eine Journalistin, die nicht nur vorgekaute Propaganda abschreibt.

Übrigens habe ich gehört, dass sie im Iran kleine Kinder fressen.

Gast: Assad und seine Familie gehört nach Den Haag!
14.03.2012 00:27
0 9


Re: Einfach zum Nachdenken!

Immer mit Vorsicht genießen. Schauen Sie sich das einfach mal an, (dauert 30min) lohnt sich aber:

http://www.youtube.com/watch?v=vZsIUSia1sY

0 0

Re: Re: Einfach zum Nachdenken!

Lohnt sich wirklich!

Gast: la vache qui rit
13.03.2012 23:35
13 0

bravo

das ist ja tatsächlicher Journalismus... also echt, ganz was neues in Europa. man hat direkt das Gefühl, hier wird nach Fakten und nicht nach erwünschten Ergebnissen entschieden. weiter so!

Sehr erfreulich

Dass die Presse als erste Zeitung Österreichs beginnt die Propaganda-Märchen zu hinterfragen. Da Überleg ich doch mir vielleicht doch wieder ein Bezahl-Abo anzuschaffen.

Gast: Und wenn nur ein EINZELNER MENSCH zu Schaden kommt, ist es einer zuviel!......MACHT EUCH EUER LUXUSLEBEN BLIND???
13.03.2012 22:50
1 6

Manchmal aber ist ihre Glaubwürdigkeit fraglich. Und angeblich tote Babys erweisen sich als lebendig???....

....und die Tausenden Toten sind lauter Schauspieler???.....jetz glaub is, die Welt steht nimma long!

Gast: Purzelchen
13.03.2012 21:36
10 0

Die freie Presse hat eine neue Heldin!

Ihr Name ist JULIA KASTEIN!! Bitte weiter so! Sehr lesenswert!

Bravo

Endlich mal ein vernünftiger Bericht!

Gast: netter gast
13.03.2012 20:20
8 0

poster

Meist sind es ausschließlich die poster
die kritisch zur Kriegsberichterstattung stehen
und andere Quellen an die Öffentlichkeit bringen .

p.s.
9.11 steht noch zur Aufklärung an

... aber da sind die Tatsachen so schrecklich
dass sich wohl kaum jemand drübertraut

Re: poster

Haben Sie sich schon einmal ausgerechnet wie viel Energie nötig ist, um ein Gebäude so einstürzen zu lassen und wie viel der Crash des Flugzeugs erzeugt?

Sie wären überrascht, es lässt sich rechnerisch zeigen, das keine Termitladungen und ähnliches nötig sind.

Antworten Gast: Lachsack
13.03.2012 21:50
0 0

Re: poster

Nicht so laut.. Sonst kommt Mr. "HardFact" Gast123 mit seinen Phrasen und drischt dich kaputt ;)

Gast: Karl Huber
13.03.2012 20:17
19 0

Liebe Presse

Was ist denn heut los?
Zuerst Orban, jetzt das. Nicht falsch verstehen. Bitte weiter so!

Es wird Zeit, daß eine der Zeitungen anfangt.
Wie oft habe ich schon geschrieben.
Die Presse bekannt als DIE Tageszeitung MUß endlich anfangen ihrem Anspruch als führende Zeitung gerecht zu werden!
BITTE. Macht so weiter.
Es gibt in Österreich, Europa, Welt soviel DRECK der endlich das Tageslicht sehen muß, daß wahrscheinlich die nächsten 10 Jahr nichts anderes schreiben braucht.

Danke!
Karl Huber

Antworten Gast: Piroschka
14.03.2012 22:59
1 0

Danke auch!

Volle Zustimmung und möchte mich an die Gratulanten anschließen.

Gast: rgn
13.03.2012 20:17
15 0

triffts auf den Punkt

Danke "Presse"! Mehr solche Artikel wären wünschenswert.

14 1

Danke

Herzlichen Dank für den ersten kritischen Artikel eines Journalisten bezüglich der einseitigen Propaganda gegen die syrische Regierung.

Kein deutscher Journalist war bis jetzt dort, aber alle wissen ganz genau was dort gerade passiert: Das böse Regime und die guten zukünftigen Demokraten, die mit Papierkugeln und guter Laune demonstrieren.

Kein Wunder das Journalisten niemand mehr glaubt.

13 1

Na da schau her.

Hat da mal endlich ein Journalist dieses Syrien-Märchen aus kritischer Sicht beleuchtet. Diese kritische Seite war in Presseartikeln zu diesem Thema bisher mit der Lupe zu suchen. Demgegenüber lässt sich in den Kommentarbereichen diverser Syrien-Artikel eine nahezu einstimmige Skepsis und Misstrauen gegenüber den veröffentlichten Informationen erkennen.

Gast: gasti
13.03.2012 19:50
8 0

Erschreckende Storys aus Kriegsgebieten sind gefragt

das bringts ziemlich auf den punkt

 
12

Meinung

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