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Gedicht wie eine Bombe: Grass schreibt gegen Israel an

04.04.2012 | 18:17 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Literaturnobelpreisträger Günter Grass sieht in weltweit publizierten Versen den Iran als Opfer israelischer Atompolitik. Publizist Broder nennt ihn einen durchgeknallten Antisemiten.

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Er trommelt wieder, lauter denn je: der sein Leben lang politisch engagierte Schriftsteller Günter Grass. Manche nahmen an, der Literaturnobelpreisträger würde nach seinem Eingeständnis, dass er in seiner Jugend Mitglied der Waffen-SS war, kleinlaut werden. Sie haben sich getäuscht. Das neue Thema des streitbaren Intellektuellen: der Nahostkonflikt. Das Mittel: die Waffen der Poesie, auch wenn sie ästhetisch etwas stumpf geraten sind. „Was gesagt werden muss“, das sagt der Autor der „Blechtrommel“ nun, und zwar der ganzen Welt. Zeitgleich in vier Zeitungen wurde gestern das Gedicht lanciert: in der „Süddeutschen“, der „New York Times“, in „La Repubblica“ und „El País“.

Darin geht er mit der Atommacht Israel hart ins Gericht. Die Verse sind eine Provokation. Dabei erscheint die lyrische Attacke nicht nur formal ungereimt: In gewundenen Formulierungen windet sich Grass vor allem um sich selbst und sein Schweigen als Deutscher, der, „mit dem nie zu tilgenden Makel behaftet“, stets die Strafe des Antisemitismus-Verdikts zu fürchten habe. Doch in die moralische Nabelschau rührt Grass Vorwürfe, die es in sich haben: Israel gefährde mit seinem Atomwaffenarsenal den Weltfrieden. Jerusalem wird halb unterstellt, es wolle mit einem Erstschlag gegen den Iran nicht nur Atomanlagen treffen, sondern das „iranische Volk auslöschen“.

 

Kritik von Zentralrat und CDU

Dass der Iran an einer Atombombe baut, wird als „unbewiesen“ infrage gestellt, ungeachtet des starken Verdachts der Atomenergiebehörde. Irans Präsident Ahmadinejad, der Israel von der Landkarte löschen will, wird als „Maulheld“ tendenziell verharmlost. So fallen in der dichterischen Einlassung vor allem die Auslassungen auf: Mögliche Gefahren, die vom Iran ausgehen, kommen nicht zur Sprache.

Grass bettelt damit um die Keule, die er angeblich fürchtet. Der nicht minder provozierfreudige Publizist Henryk M. Broder, der in deutschen Debatten dieser Art nie fehlen darf, erhebt sie als Erster gegen den alternden Dichterfürsten: Er bezeichnet ihn in der „Welt“ als den „Prototypen des gebildeten Antisemiten“. Grass habe „schon immer zum Größenwahn geneigt“, nun aber sei er „vollkommen durchgeknallt“.

Weniger deftig, aber mit deutlichem Kopfschütteln, reagiert das offizielle Deutschland. Die Tatsachen würden verdreht, lautet der Tenor. „Grass ist ein großer Schriftsteller“, sagt der CDU-Außenpolitiker Ruprecht Polenz. Aber in politischen Fragen liege er „meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben“. Der Zentralrat der Juden spricht von einem „aggressiven Pamphlet der Agitation“. Der Publizist Ralph Giordano gesteht, selten habe ihn „etwas so erschüttert“ wie dieser „Anschlag auf Israels Existenz“. Was aber ist dran an Broders Antisemitismus-Vorwurf? Die zwei ins Treffen geführten Indizien sind eher dünn. Vorigen Sommer rechnete Grass in einem Gespräch mit einem israelischen Journalisten die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden mit angeblich ebenfalls sechs Millionen von den Russen ermordeten deutschen Kriegsgefangenen auf – ein unglückliches und obendrein falsches Zahlenspiel (tatsächlich waren es gut eine Million).

 

Das Fabulieren weicht dem Moralisieren

Schwerer wiegt der Verdacht, Grass leugne das Existenzrecht Israels. In einem „Spiegel“-Interview von 2001 bezeichnete er die „Besitznahme palästinensischen Bodens und seine israelische Besiedlung“ als „kriminelle Handlung“. Aus dem Kontext der missverständlichen Formulierung wird aber klar, dass Grass damit nur die aktuelle Siedlungspolitik meinen konnte – er sah seine Kritik als „Freundschaftsbeweis“ gegenüber Israel.

Fest steht: Fabulieren und Moralisieren gingen bei Grass stets ein inniges Bündnis ein. Mit nachlassender dichterischer Schaffenskraft verschoben sich die Gewichte zum politischen Statement. Ob Atomkraft oder „Turbokapitalismus“, Mohammed-Karikaturen oder Merkels Europapolitik – kein Thema ist vor dem öffentlich verkündeten Urteil des Autors mit dem Schnauzbart sicher. Gegenwind ist er gewohnt, vor allem aus der Wendezeit, als er sich gegen die Wiedervereinigung Deutschlands einsetzte. Ein „dritter Weg“ zwischen Kommunismus und Kapitalismus müsse eine Chance bekommen. Und, auch hier wieder, der Holocaust: „Der Ort des Schreckens schließt einen künftigen Einheitsstaat aus.“

In seiner Autobiografie „Beim Häuten der Zwiebel“ unterzog sich Grass einer oft schmerzlichen Selbsterkundung. Warum er sich das alles antue, wurde er damals gefragt. „Weil ich das letzte Wort haben will“, lautete die Antwort. Das mögen nun manche als Drohung empfinden – angesichts einer neuen Schicht Zwiebel in seinem Lebenswerk, die sie eher zum Weinen bringt.

Literaturnobelpreisträger

Günter Grass, geboren 1927 in Danzig, meldete sich als Fünfzehnjähriger freiwillig zur Wehrmacht, kam 1944 zur Waffen-SS. Nach dem Krieg lernte er bei einem Steinmetz, studierte Grafik und Bildhauerei.

„Die Blechtrommel“, sein erster Roman, erschien 1959, Grass übte sich schon darin im „Schreiben gegen das Vergessen“, indem er auch die NS-Zeit behandelte. Es folgten u.a. „Hundejahre“, „Der Butt“ und „Die Rättin“. 2006 erschien das autobiografische „Beim Häuten der Zwiebel“. 1999 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Die SPD unterstützte Grass in Wahlkämpfen, 1965 publizierte er für Brandt sein „loblied auf willy“, 1982 trat er in die Partei ein. Helmut Kohl warf er „Geschichtsklitterung“ vor, als dieser mit Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg besuchte. Kritisch äußerte sich Grass zur deutschen Wiedervereinigung, etwa im Buch „Ein Schnäppchen namens DDR“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.04.2012)

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446 Kommentare
 
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Gast: Erhöht
08.04.2012 16:39
0 0

Vampirische Wirkung.

84. Ihm gehts Gut

Gast: Saiffenstayn
08.04.2012 07:34
1 0

"das Existenzrecht Israels"

wer hat es begründet ??

wo steht es geschrieben ...??

Ist es möglich ein Existenzrecht mit der Auslöschung eines anderen Volkes zu rechtfertigen ....
oder ist das Schiksal der Palestinenser nur ein Kollateralschaden ??

Erst wenn sich alle bemühen das Leben der Israelis (sind ja nicht alle gläubige Juden) und der Palestinenser in Achtung und Respekt zu ermöglichen, hat dieses "Recht" eine Chance auf allgemeine Gültigkeit.
Aber solange dieser Staat auf Enteignung und Vertreibung beruht hat dieses "Recht" nur den Anspruch der überlegenen militärischen Gewalt, die wird nicht ewig so einseitig ausschauen!

Antworten Gast: Danzig
08.04.2012 13:07
0 0

Typisch.

"Auslöschung eines anderen Volkes" Reflexion im Sinne Drang nach Osten.

Heftige Kritik

in Israel? Wieso berichtet dann der Mainstream der deutschen Presse, dass Israel nur am Rande von Grass Kenntnis nahm? Die Gleichschaltung der Presse ist Fact. Wer das wirkliche Sagen hat, wird hier deutlich.

Genialer Schachzug, lyrisch verbrämt

So ist GG wieder in aller Munde! Das sollen ihm einmal die anderen alten Knacker der Literatur nachmachen! Politische Poesie, ein provokanter Versuch und spannend die Reaktionen! Die Lyrik klingt zwar hölzern, aber dafür hat sie zu brennen begonnen! Der alte Fuchs ist schlau, nicht senil! Jetzt gackern halt alle im Hühnerstall der Weltpolitik!

Gast: heinrichalfred
06.04.2012 16:39
3 0

eigenartiger Journalismus

Nur die wie immer gearteten Erregungen, Entrüstungen, Verwunderungen etc.
Warum nicht den Wortlaut des Gedichtes in seiner ganzen Länge.??
Dann könnte man sich wirklich ein Bild machen.
Vielleicht hat Günter Grass doch recht ?

6 1

Gut eintrainiert

sind die notorischen Reflexe, inzwischen auch wenn sich vom Establishment gehätschelte Altlinke kritisch äußern. Die faktischen offensichtlichen Wahrheiten in dem Gedicht (!) traut sich anscheinend keiner zu kommentieren.

Antworten Gast: pensador
06.04.2012 14:54
1 0

Wie beginnt jeder inhaltsfreie Unsinn:


"Die faktischen offensichtlichen Wahrheiten ... "

q.e.d.

0 0

Re: Wie beginnt jeder inhaltsfreie Unsinn:

kommentiert durch sinnfreien Inhalt?

Grass: Heftige Kritik

Es war klar, dass die Gutmenschen aufheulen, wenn ein Finger auf eine Wunde gelegt wird. Wenn aber die Deutschen atomwaffenfähige U-Boote liefern, ist das eine Sauerei.

Antworten Gast: Sim
08.04.2012 15:15
0 0

Re: Grass: Heftige Kritik

Wenn aber die Deutschen waffen liefern für Araber Monachi gegen Iran it's OK.

Gast: b754
06.04.2012 10:15
1 7

Ein kurzer, brauner Sturm im Wasserglas

Heute schon langweilig

~

In Zeiten universeller Täuschung, ist es ein revolutionärer Akt die Wahrheit zu sagen."
George Orwell

Gast: Gedichtleser
06.04.2012 03:29
16 0

Guenter Grass hat Recht! ...und nun versucht man ihn mundtot zu machen....

Der Mann ist sehr mutig, da er in seinem Gedicht Wahrheiten aussrpicht, die in den Medien nicht erwaehnt werden. Es ist eine Tatsache, dass Israel jeglichen Zutritt in seine Atomanlagen verbietet, ohne dass sich irgende jemand beschwert. Warum wirft man ihm Antisemitismus vor? In seinem Gedicht ist absolut keine judenfeindliche Bemerkung zu finden. Er ist einfach nur Isreal kritisch, nicht aber judenfeindlich. Warum seid ihr Deutsche so bescheuert, dass ihr euch sogar selbst Antisemitismus vorwirft, sobald sich jemand nur kritisch gegenueber Israel aeussert? Lasst euch nicht von der Welle der Kritik gegen Guenter Grass mitreissen, sondern setzt euch hin und analysiert das Gedicht, und ueberprueft den Wahrheitsgehalt des Gedichtes....der Mann hat Recht.

Re: Guenter Grass hat Recht! ...und nun versucht man ihn mundtot zu machen....

So ist es, und daher gebe ich Ihnen heute ein drittes mal ein plus - auch wenn es nach kurzer Zeit auf mysteriöse Art und Weise wieder verschwinden wird ;)

0 6

antisemitisch war es natuerlich nicht

auch nicht antizionistisch, aber kuenstlerisch/intellektuell „erbärmlich“ allemal.

Re: antisemitisch war es natuerlich nicht

Was bei einem weniger kritischen Kommentar aber gleich gar nicht gerügt worden wäre.

Auch Frau Jellinek hat ja den Nobelpreis.

Gast: Und schon wieder hat Grass recht...
06.04.2012 01:52
14 0

Haben wir wieder die Gleichschaltung der Medien, wie im dritten Reich, erreicht?

Warum schreiben und berichten alle Medien synchron so schlecht über diesen Philosophen?

Was gibt es zu verheimlichen?

Haben die Herren noch was zu befürchten, wenn mehr Leute das Schweigen brechen und sich trauen ihre eigene Meinung zu sagen?

Gast: Bricht das Schweigen
05.04.2012 23:25
6 4

recht hat er,...

es wird Zeit diese antisemitische Zionverbrecher gegen die Menschlichkeit beim Namen zu nennen, anzuklagen und zu bestrafen.

Netanjahu ... Anstaendige Menschen sind ... sprach der Fuchs und schlich in den Huehnerhof

Falsche Menschen an falschen Plaetzen haben das Gehoer der Medien. Geht dorthin wo taeglich Grundraub geschieht und wo Moerser mit der Flugwaffe beantwortrt werden. Diese sorgen fuer Anthipatien, antisemitische Geschosse von Buergern Israels abgefeuert..


Antworten Gast: UKW
06.04.2012 00:04
1 2

Wo wird wem Grund geraubt, Habibi ?!?

Nenne uns doch 3 Beispiele!

Antworten Antworten Gast: Dein Schlomo
06.04.2012 02:09
5 0

Re: Wo wird wem Grund geraubt, Habibi ?!?

1. http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2008/12/das-chanukka-massaker.html

2. https://www.youtube.com/watch?v=1r0ThNj8fak&feature=player_embedded

3. https://www.youtube.com/watch?v=WGyp703YkDY

Und wenn du willst, fahre ich gerne Persönlich mit dir zur der Familie der gestern (05.04.2012), in der von Nablus, von den Siedlern ermordeten palästinensischen Bauern.

Antworten Antworten Antworten Gast: UKW
06.04.2012 10:14
1 5

Nichts zu sehen

2x dämlichste, arabische Propaganda und eine Auflösung einer Hausbesetzung ...

KEIN LANDRAUB oder ähnliches! Wo bleiben die Beispiele?

Wirst du auf deiner Reise durch Arabien auch die Familien der tausenden getöteten Syrer besuchen?

Re: Nichts zu sehen

Und wie, bitte, würden SIE es nennen, würden - nur so als Beispiel, damit es leichter zu verstehen ist - die Schweizer beginnen, auf österreichischem Grund und Boden ein paar dutzend Siedlungen zu errichten? Und zwar ohne Grundkauf oder ähnlichem Pipifaz vorher?!

Und bevor irgendwer wieder mal einen Quellverweis verlangt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Israelische_Siedlung

Gast: Bärenfalle...
05.04.2012 20:23
6 3

Gähn...

Seitdem ich auf der Welt bin andauernd die selbe Leier in den Medien diese Region betreffend:

Israelis, Palästinenser, Terroranschlag, militärische Reaktion, Friedensverhandlungen, Siedlungen, Drohung hier, Empörung da, bla bla.

Interessiert doch keinen mehr außer diejenigen welche sich des Themas zum Broterwerb bedienen.

Sinnloser Sturm im Wasserglas zwischen den deutschen Intellektüllen ((c) Pispers) Grass und "Sudel-Ede" Broder.

Der Durchschnittsbürger hat wirklich andere Sorgen.


Gast: Stade
05.04.2012 20:17
16 3

Kritischer Journalismus

Haben wir es hier mit einer freiwilligen Gleichschaltung der Presse zu tun. Fast alle sind einer Meinung. Über den Inhalt spricht fast keiner mehr. Dann brauchen wir keine Medien mehr.

 
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