Grass wehrt sich gegen "gleichgeschaltete Presse"

05.04.2012 | 20:43 |   (DiePresse.com)

Er hatte eine Debatte über sein Gedicht "Was gesagt werden muss" erhofft, findet diese aber zu einseitig. Kritik an Israel sollte zu dessen eigenem Wohl geäußert werden.

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Der deutsche Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sich in mehreren Interviews zu seinem umstrittenen Gedicht "Was gesagt werden muss" geäußert. In den Tagesthemen der ARD wehrt er sich gegen die "gleichgeschaltete Presse". Er hatte sich zwar eine Debatte erhofft, sei aber über deren derzeitigen Verlauf entsetzt. Gerade aus Freundschaft zu und Sorge um Israel müsse man das Schweigen über dessen Fehler brechen und Kritik an dem Staat äußern. Denn im Gegensatz zum Iran, dem Grass "Maulheldentum" unterstellt, hätte Israel dank seiner Atomwaffen deutlich mehr Macht als die umliegenden Staaten.

Israel "Atom- und Besatzungsmacht"

Grass schwenkt auch auf die Siedlungspolitik ein. Der Bau neuer Siedlungen im Westjordanland sei das Kennzeichen einer "Besatzungsmacht". So wie andere Länder "sich feige wegducken" sei "das schlimmste, was man Israel antun kann". Der Rest der Welt habe schon lange genug Rücksicht auf Israel genommen, ist Grass überzeugt. Kritik an Deutschland hagelte es auch. Dass die Bundesrepublik der "drittgrößte Waffenlieferant" sei, stößt Grass sauer auf: "Ich empfinde das als Schande."

"Kampagne gegen mich"

In einem weiteren Interview mit dem NDR klagt Grass die Presse an. "Der durchgehende Tenor ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen, und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte der Autor in dem Gespräch, das der Sender auf seiner Website veröffentlichte. "Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht", sagte der 84-Jährige.

Auch in einem Interview mit dem Magazin "Kulturzeit" des Fernsehsenders 3sat wies Grass die Kritik an seiner Person als überzogen zurück. "Eine derart massive Verurteilung bis hin zum Vorwurf des Antisemitismus ist von einer verletzenden Gehässigkeit ohnegleichen. Das habe ich in dieser Form noch nicht erlebt", sagte Grass. "Ich werde hier an den Pranger gestellt." Es helfe Israel überhaupt nicht, kritikwürdige Vorgänge und Zustände nicht beim Namen zu nennen. Deshalb sei für ihn klar: "Widerrufen werde ich auf keinen Fall."

Regierung, nicht Land ist das Problem

Allerdings räumte der Schriftsteller in dem "Kulturzeit"-Gespräch einen Fehler ein. Es wäre besser gewesen, nicht von "Israel" generell zu sprechen, sondern von der "derzeitigen Regierung Israels". An dieser Stelle habe er einen Fehler gemacht, den er nicht wiederholen würde. Grundsätzlich gelte aber: "Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue und wir wissen, wohin die führt." Die Lieferung eines sechsten U-Boots an Israel durch Deutschland, der Auslöser seiner Publikation, sei nun einmal "eine falsche Form der Wiedergutmachung".

Netanyahu wettert gegen Grass

Der Kritik an Grass schloss sich am Donnerstag auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu mit harten Worten an. Er erinnerte daran, dass der iranische Präsident Mahmoud Ahmadinejad den Holocaust leugnet und zur Vernichtung Israels aufruft. Grass' "schändlicher Vergleich Israels mit dem Iran" sage daher "sehr wenig über Israel und sehr viel über Grass". "Der Iran, nicht Israel, stellt eine Bedrohung für den Weltfrieden und die Sicherheit in der Welt dar", betonte Netanyahu. Grass erklärte in einem der Interviews, dass er den Iran auch schon oft kritisiert hätte. Dessen Gefahr sei bekannt. Daher habe er sich auf Israel konzentriert.

Rückendeckung für den Dichter

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, nahm Grass indes in Schutz. "Man muss ein klares Wort sagen dürfen, ohne als Israel-Feind denunziert zu werden", sagte er der "Mitteldeutschen Zeitung". Grass habe nur einer Sorge Ausdruck verliehen, die er mit einer ganzen Menge Menschen teile.

Die Vereinigung "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" begrüßte das umstrittene Gedicht von Günter Grass als "aufrichtig" und verteidigte das Recht aller Deutschen, "die menschenverachtende Politik des Staates Israel zu kritisieren, ohne als Antisemiten diffamiert zu werden." Mit Recht weise Grass auf die "überlegene Stärke" der Atommacht Israel und auf die "Gefahr eines tödlichen Kriegs" hin, "der mit oder ohne Unterstützung der USA den ganzen Nahen Osten in Mitleidenschaft ziehen und möglicherweise auf die restliche Welt übergreifen würde", heißt es in einer Presseaussendung vom Donnerstag.

(Ag./db)

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80 Kommentare
 
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Gast: till siegmund
12.04.2012 19:30
0 0

tintenkuli

auch ich finde es vollkommen richtig was guenter grass geschrieben hat
vielen dank

Gleichgeschaltete Presse

Von Bild-Zeitung bis Süddeutsche Zeitung, vom Spiegel bis Focus ... einhellige Reaktion auf ein bisschen Meinungsäusserung des Herrn Grass --
einhellige Reaktion .... ist das nicht gleichgeschaltet ...???

Gast: Besserwisser
07.04.2012 16:42
1 2

Eh kloa!

Eh kloa, dass die Medien Schreiberlinge alle über Grass herfallen, denn wenn sie das nicht täten oder sogar Grass unterstützten, würden sie ja ihre Jobs oder Anzeigenkunden verlieren, und das will keiner. Grass hätte ja "Was gesagt werden muss" auch nicht gesagt, wenn er mit seiner Kunst noch sein Brot verdienen müsste. Jetzt, mit 84, braucht er keinen Verleger mehr und kann frei sagen was er sagen will.
Die Gleichschaltung der Medien erfolgt also unter der Drohung des wirtschaftlichen Aus für etwaige Abweichler. So schaut's aus!

Ein Ex-Waffen-SS ler

sudert!

Re: Ein Ex-Waffen-SS ler

Unsinn!
Grass war 17 Jahre alt, als er eingezogen wurde und sich zu einer SS-Panzerdivision meldete. Nicht einmal 6 Monate dauerte seine Zugehörigkeit, dann war der Krieg zu Ende. In diesem Zusammenhang von einem SSler zu sprechen ist schlicht Negativpropaganda.
Schämen Sie sich.

grass

heissen und das pfeifferl dazu ......

Natürlich darf bei solchen Debatten H.M.Broder nicht fehlen

Und natürlich sinkt danach das Niveau solcher Debatten im Sturzflug auf den Tiefstpunkt.

Marktschreier Henryk verkauft wieder seine alten Fische als frische. Und so stinkt es auch.


Antworten Gast: asterixundobelix
06.04.2012 16:58
0 0

Re: Natürlich darf bei solchen Debatten H.M.Broder nicht fehlen

...dann gibt es eine schlägerei wie bei asterix

Hamasführer gibt zu: „Keine palästinensischen Wurzeln in Palästina“

Fathi Hammad bringt die Lösung!

http://elderofziyon.blogspot.com/2012/04/hamas-leader-half-of-palestinians-are.html?utm_medium=twitter&utm_source=twitterfeed

Er sagte, dass die Palästinenser meist aus anderen Teilen des Nahen Ostens stammen und ihre palästinensische Identität nichts weiter als Fassade sei. Befürworter eines palästinensischen Staates versuchen, diese von der Identität ihrer benachbarten Araber abzugrenzen, um somit einen eigenen Staat zu rechtfertigen. „Jeder Palästinenser in Gaza und ganz Palästina kann seine arabischen Wurzeln nachweisen – ob aus Saudi Arabien, Jemen oder sonstwo. Es besteht Blutsverwandtschaft zwischen uns“, sagte Hammad. Er gesteht sogar, dass die Palästinenser in Wahrheit nicht aus Palästina stammen.
„Brüder, die Hälfte der Palästinenser sind Ägypter und die andere Hälfte aus Saudi-Arabien,“ so der Hamasminister. Diese Bemerkungen von Hammad waren ganz sicher nicht an das westliche Publikum gerichtet. Vielmehr wollte er Ägypten und andere Nachbarstaaten dazu bewegen, kostenlosen Treibstoff nach Gaza zu liefern, um wie er sagt, „den Jihad gegen Israel fortzusetzen.“

Antworten Gast: Sackzu
06.04.2012 14:26
6 3

Re: Hamasführer gibt zu: „Keine palästinensischen Wurzeln in Palästina“

Woher sie stammen ist egal!
Die Juden stammen ursprünglich auch nicht von dort!
Informier dich doch mal über die Herrkunft des auserwählten Volkes. Aber bitte nicht in der Bibel od. Tora.

Gast: Pensador
06.04.2012 13:14
3 2

Debatte?

Eine Debatte hatte er sich erhofft?
Da ist er für sein Alter doch sehr naiv.
Vielleicht weil er selber sein Leben lang an viele Dogmen und Tabus geglaubt hat.
Er muss doch wissen, dass Israel so gut wie
kritikfrei gestellt ist. Und wenns trotzdem Kritik gibt, dann ist die natürlich Antisemitismus.
So einfach ist das.


Gast: LegendIn
06.04.2012 13:05
3 9

"Damals war Günter Grass ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer."

Henryk M. Broder ist, wie so oft, nichts hinzuzufügen:

Jetzt im fortgeschrittenen Alter scheine sich Günter Grass seiner nationalsozialistischen Ursprünge wieder zu entsinnen, meinte Border am Mittwoch in einem Interview im Saarländischen Rundfunk. "Damals war er ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer."

Antworten Gast: Pensador
06.04.2012 19:29
2 0

Re: "Damals war Günter Grass ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer."

Was ist ein SS-Mann?
Tausende Deutsche und Österreicher wurden ohne sie zu fragen zur Waffen-SS eingezogen, nicht anders als wie zur Wehrmacht.
Wer sich in Frankr. in Bayeux das von den Amerikanern eingerichtete Invasionsmuseum ansieht, der sieht in lebensgrossen Figuren auch die Soldaten der Waffen-SS:
In Kampfanzügen, als kämpfende Truppe und nicht als KZ-Wächter. Denn mit denen, der sogen. Leibstandarte-SS
hatte die Waffen-SS ausser dem Namen nicht das geringste zu tun. Drum wurde auch in Nürnberg die Waffen-SS im Gegensatz zu der genannten nicht als
"verbrecherische Organisation" gebrandmarkt.

Antworten Gast: harakiri
06.04.2012 13:56
5 1

Re: "Damals war Günter Grass ein SS-Mann, heute schreibt er wie einer."

von Grass wird man noch sprechen, wenn niemand wer weiss ,dass es einen Henryk Broder überhaupt gegeben hat.De facto interessiert der ja auch keinen.

Gast: Feuervögelchen
06.04.2012 12:55
7 1

Er hat wiederum recht, alle Medien sind gleichgeschaltet.

Wie es halt in Diktaturen üblich ist, hat auch Brüssel die "Meinungsbildung" voll unter Kontrolle.

Bis zur nächsten Revolution müssen wir mit den Systemmedien leben, dann gibt es ein Reset und das Spiel der Freiheit beginnt wieder von Null.


Antworten Gast: jaaklarr
06.04.2012 16:57
0 0

Re: Er hat wiederum recht, alle Medien sind gleichgeschaltet.

ja, klar, brüssel ist immer schuld, nie wien.

Antworten Antworten Gast: Feuervögelchen
06.04.2012 18:18
2 0

Re: Re: Er hat wiederum recht, alle Medien sind gleichgeschaltet.

...Wien ist in der EU ein Lercherlschaaaas.

Die roten, schwarzen und grünen Brüder werden nicht gefragt, die sind froh wenn sie auf dem Gruppenbild in 10. Glied mit der Lupe zu sehen sind.

Sie werden doch nicht glauben, dass diese Volksverr..... mitreden dürfen?

Schone Ostern, der Herr erhalte Ihnen ihren Glauben an "Wien" - amen.

Dominus vobiscum......


Gast: jesermann
06.04.2012 10:35
3 11

Jetzt ist er noch beleidigt..

Erst rotzt er, dann rudert er zurück (ich habe einen Fehler gemacht..ich hätte nicht Israel sagen sollen sondern israelische Regierung..) uns jetzt spielt er die beleidigte Leberwurst.
Ein anschauliches Beispiel eines "sensiblen" Intellektuellen..der austeilt...und nicht einstecken kann

Antworten Gast: Hammurabi
06.04.2012 11:37
3 1

Re: Jetzt ist er noch beleidigt..

Das sagt ja gerade der Richtige. Wer heult denn sofort auf, wenn einmal Kritik geäußert wird und sei sie auch noch so gut gemeint. Israel muß lernen sich Diskussionen zu stellen und die Meinung anderer zu akzeptieren, ohne gleich Antisemitismus zu unterstellen. Bei einem bewaffneten Konflikt sind ja auch vielleicht viele Staaten unter Umständen betroffen, die gar nicht Beteiligte sind. Und die haben auch ein Recht auf Frieden und Unversehrtheit.

Antworten Antworten Gast: jesermann
06.04.2012 12:06
1 4

Re: Re: Jetzt ist er noch beleidigt..

Lachhaft. Israel als Kleinststaat kommt in der Berichterstattung, Kritik und Aufmerksamkeit überdurchschnittlich vor.
"Israel sells" also! Wer hat hier Interesse an dieser Überberichterstattung Gedichtverfassung???
Israel sicher nicht.
Und was die Kritikfähigkeit betrifft...kommt darauf an..WER sie verfasst....oder soll man Herrn Ahmadinajad lautere Motive unterstellen?

Gast: rizzo flizzo
06.04.2012 10:34
15 3

Immer das Gleiche

Jedes mal wenn jemand den Freibrief Israels für Gewalt in Frage stellt, wird er abgewatscht. Die Antisemitismuskeule ist das Mittel zum Zweck. Aber was ist das für ein Staat der sich über die sonst üblichen Regeln des Zusammenlebens stellt, aber genau die Einhaltung dieser Regeln von allen anderen einfordert? Kritik am Handeln von Staaten muss man zulassen, auch und gerade im von Gewalt geschundenen Israel.

Re: Immer das Gleiche

weil die meiste Kritik an Israel rein antisemitisch motiviert ist aber es ist ja nichts neues, dass Österreich eine Hochburg von ungebildeten Hasspredigern ist!

Antworten Antworten Gast: Sackzu
06.04.2012 14:28
3 0

Re: Re: Immer das Gleiche

Du weisst aber schon das die viele jüdischen Israelis gar keine semitischen Wurzeln haben!?

Vielleicht haben die Protokolle

doch nicht ganz unrecht?

Antworten Gast: Rammbockl
06.04.2012 10:48
4 0

Re: Vielleicht haben die Protokolle

Sie wissen aber schon das sie seit 10:19/06.04.2012 vom Verfassungschutz überwacht werden, oder?

PS: Man braucht keine gefälschten Protokolle um zu sehen das etwas nicht stimmt!

 
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