"Österreich"-Ticker zu Kinderbegräbnis "widerwärtig"

Ein Liveticker zum Begräbnis jenes Buben, der am Freitag von seinem Vater erschossen wurde, sorgt für Aufruhr. Microsoft stoppte seine Werbekampagne auf oe24.

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Symbolbild – (c) AP (Michael Probst)

Die Berichterstattung auf der "Österreich"-Website oe24.at über das Begräbnis des achtjährigen Buben, der am Freitag von seinem Vater in einer St. Pöltner Volksschule erschossen worden war, sorgt in der Medienbranche für Aufregung: Von kurz nach 10 bis 14 Uhr berichtete oe24.at via Licketicker von dem Begräbnis des Kindes, das am Sonntag seinen Verletzungen erlegen war. oe24.at zeigte eine laufend aktualisierte Bildergalerie von der Trauerfeier und beschrieb diese mit Sätzen wie "Es hat 20 Grad, die Sonne scheint - den Trauergästen ist jedoch nicht besonders fröhlich zumute." Nicht nur die Leser des Boulevardblattes beschweren sich unter dem Artikel über "Pietätlosigkeit", auch in der Medienbranche sorgte der Liveticker für einen Sturm der Entrüstung.

Presserats-Geschäftsführer Alexander Warzilek übte gegenüber dem Branchendienst Etat.at Kritik an der Aktion. "Man sieht, dass hier etwas massiv daneben gegangen ist", so Warzilek. Einen Vorgriff auf eine mögliche Verurteilung durch den Presserat wollte Warzilek nicht geben, der Geschäftsführer des Selbstkontrollorgangs der Presse ortet in dem Vorgehen jedoch einen postmortalen Eingriff in die Privatsphäre des Buben sowie einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Angehörigen. "Die Trauerarbeit wird dadurch negativ beeinflusst", sagte Warzilek.

Eine "widerwärtige Aktion"

Via Twitter übten einige bekannte Journalisten massive Kritik. Der Ticker sei eine "widerwärtige Aktion" von "Österreich"-Herausgeber Wolfgang Fellner, schrieb ORF-Korrespondent Hanno Settele auf dem Kurznachrichtendienst. "Das muss echt nicht sein", pflichtete "ZiB24"-Moderator Roman Rafreider bei. "Fellners 'Live-Ticker' vom Begräbnis des kleinen Mordopfers ist wirklich das Letzte. Der Mann hat jede Pietät und allen Respekt verloren", schreibt "Falter"-Journalist Florian Klenk. "Jeder Regierungspolitiker, der jetzt noch in Österreich inseriert, sollte wegen Beihilfe zu solchen Übergriffen belangt werden."

Auch "Kleine Zeitung"-Technikredakteur Georg Holzer versuchte, den auf oe24.at werbenden Unternehmen ins Gewissen zu reden: "Wieso finanziert ihr das Live-Begräbnis auf #oe24 mit?" fragte er. "Zeit"-Redakteur Florian Gasser meinte zu den tickernden "Österreich"-Redakteuren: "Wegen euch muss man sich oft schämen, Journalist zu sein."

Inzwischen wurde der Ticker von oe24 entfernt.

Fellner: "Habe Ticker einstellen lassen"

Fellner ließ die Live-Berichterstattung seines Online-Dienstes am Nachmittag abdrehen. "Als ich davon erfahren habe, habe ich den Ticker sofort einstellen lassen", so Fellner gegenüber Etat.at. Der Live-Ticker selbst habe zwar nach Ansicht des "Österreich"-Herausgebers "sicher nicht in die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen eingegriffen", er persönlich halte aber einen "Live-Ticker von einem Begräbnis in diesem Fall, da es sich um ein Kind handelt, für nicht adäquat".

Fellner hielt aber fest, "dass etwa TV-Übertragungen von Begräbnissen weltweit üblich sind - und es sich in diesem Fall um eine öffentliche Veranstaltungen mit mehreren hundert Teilnehmern gehandelt hat, die bewusst als öffentliches Ereignis organisiert war". Wenn man Pietät streng auslege, dürfte der ORF etwa am Abend auch keine Bildberichte vom Begräbnis senden. "Herr Settele hat ja die Möglichkeit, sich in seinem Haus für die Nichtausstrahlung der Bildberichte heute Abend einzusetzen", so Fellner.

Kampagnen gestoppt, FuZo fordert Sperre

Das Technologie-Portal Futurezone fordert eine Online-Sperre. Der Skandal um die Berichterstattung habe für mehr Zugriffe auf oe24.at gesorgt - von diesen würde das Boulevardblatt nun auch noch profitieren, kritisiert Chefredakteur Gerald Reischl. "oe24.at sollte - weil es zu solchen unmoralischen Mitteln gegriffen hat - mit einer Offline-Zeit bestraft werden", schriebt Reischl. Selbst wenn der Presserat die Macht hätte, eine solche Offline-Strafe zu verhängen: "Österreich" ist kein Mitglied des Presserates.

Die Berichterstattung dürfte für oe24.at aber doch auch negative finanzielle Konsequenzen haben: Microsoft hat seine aktuelle Kampagne mit sofortiger Wirkung ausgesetzt "und ist um eine Klärung des Sachverhaltes bemüht". Das gab der Software-Riese auf Twitter bekannt. Auch der Online-Sportwettenanbieter bet-at-home hat seine aktuelle Werbekampagnen auf dem "Österreich"-Online-Dienst ausgesetzt.

Voigt: "Geschmacksgrenzen überschritten"

"Österreich"-Geschäftsführer Oliver Voigt zeigte sich am Nachmittag gegenüber dem Branchenmagazin "medianet" um Schadensbegrenzung bemüht. "Es scheint, dass wir mit dieser journalistischen Ausdrucksform, nämlich dem Live-Ticker, deutlich Geschmacksgrenzen vieler überschritten haben", so Voigt. "Dies tut mir persönlich sehr leid, doch war es gewiss keine Absicht seitens der Redaktion. Ich bin überzeugt, dass zukünftig das Instrument Live-Ticker zwar weiterhin sehr zeitaktuell, aber in einem anderen Umfeld stattfinden wird." Zum Stopp der Microsoft Online-Kampagne meinte Voigt: "Die Agentur hat die Kampagne on hold gestellt, weil sie diese im Umfeld dieses Live-Tickers nicht gesehen haben wollte. Die Kampagne selbst wird zu einem anderen Zeitpunkt fortgesetzt. Sie ist nicht storniert."

(Red./APA)

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