Wien. Zunächst spielte Raiffeisen-Generalanwalt Christian Konrad seine Macht herunter. Raiffeisen sei dezentral organisiert. Es gebe hunderte Raiffeisen-Genossenschaften und Banken, die autonom entscheiden, erzählte er am Mittwoch beim „Business Lunch“ der Raiffeisen Bank International. Entscheidungen fielen nicht im gläsernen Turm in Wien, sondern „in Mistelbach für Mistelbach und in Mürzzuschlag für Mürzzuschlag“.
Und auch als Miteigentümer von „Kurier“ und „Profil“ würde er sich nicht wirklich einmischen. Gefalle ihm ein „Profil“-Bericht nicht, mache er es wie jeder andere Leser auch. Er sage dann: „Wenn ihr weiter so schreibt, bestell ich es ab.“ Doch gleich danach berichtete Konrad lächelnd von zwei Episoden, aus denen sein Einfluss sehr wohl hervorgeht.
Zweimal habe es beim „Profil“ Vorfälle gegeben, bei denen Konrad einschritt. Einmal, als das Wochenmagazin die sexuellen Übergriffe des mittlerweile verstorbenen Kardinals Hans Hermann Groer aufdeckte. Noch bevor das „Profil“ am Montag erschienen war, sei er am Samstag in die Druckerei gefahren, um sich die Geschichte anzusehen. Dann habe er die drei Verantwortlichen angerufen. Zwei habe er nicht erreicht. Der Dritte sei im Auto unterwegs gewesen und in einen Graben gefahren, wobei sich Konrad später erkundigte, ob mit dem Schaden versicherungstechnisch alles in Ordnung gegangen sei. Er, so der Raiffeisen-Manager, habe den „Profil“-Verantwortlichen damals unmissverständlich klargemacht: „Wenn die Geschichte nicht hält, fliegt ihr – alle drei. Da könnt's ihr mit mir prozessieren, was ihr wollt.“ Die Story hat gehalten und den „Profil“-Leuten ist nichts passiert.
Etwas anders ging die Sache aus, als das Magazin eine Coverstory mit dem Titel „Der nackte Kanzler“ brachte. Auf der ersten Seite war eine Fotomontage mit einem nackten Franz Vranitzky zu sehen. Er, so schilderte Konrad, habe noch am Sonntag den Kanzler angerufen und sich als Eigentümervertreter entschuldigt. Beim „Profil“ habe es deswegen Konsequenzen gegeben. Welche, verriet Konrad nicht.
Wie wichtig für Raiffeisen Medien sind, wurde beim „Business Lunch“ deutlich, bei dem „Kurier“-Chefredakteur Helmut Brandstätter neben Konrad und anderen Raiffeisen-Granden saß – wie Ex-Finanzminister Josef Pröll und Raiffeisen-Bank-International-Chef Herbert Stepic.
Keine Abschiedsfeier für Konrad
Am 25. Juni wird Konrad seine Funktion als Raiffeisen-Generalanwalt an RZB-Chef Walter Rothensteiner übergeben. Konrad wünscht sich einen leisen Abschied. Ein Fest ist nicht geplant. Der „Business Lunch“, bei dem offiziell über das Thema „Haben Genossenschaften Zukunft?“ diskutiert wurde, ist Konrads einziger öffentlicher Auftritt. Politiker seien dazu bewusst nicht eingeladen worden, heißt es.
Konrad erzählte vor 250 Gästen, dass er oft von ÖVP-Vertretern gefragt wurde, ob er in die Politik gehen wolle. Seine Antwort lautete: „Wenn ich euch helfen soll, kann ich das viel besser von außen.“ Der Manager arbeitete 43 Jahre für Raiffeisen. Wie er sein Netzwerk aufgebaut habe? „Ich bin natürlich vielen Menschen begegnet, ich war ja nie eingesperrt.“
Konrad hat seine Jobs auf zwei Personen aufgeteilt. Für die Holding mit den Industriekonzernen (740 Beteiligungen mit 165.000 Mitarbeitern) ist Erwin Hameseder zuständig. Rothensteiner wird sich vorwiegend um die Finanzbeteiligungen kümmern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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