Für einen einzigen Tag war sie wieder da: die „Eleftherotypia“, noch vor wenigen Monaten Griechenlands zweitgrößte Tageszeitung. Seit vergangenem Dezember erscheint das 1974 nach dem Ende der Militärdiktatur gegründete Blatt nicht mehr, weil dem Verlag Tegopoulos das Geld ausging und nur mehr der Konkurs ein Ausweg war. 750 Mitarbeiter wurden entlassen, Gehalt hatten sie schon seit August keines mehr bekommen, nicht wenige von ihnen prozessieren bis heute um die ausständigen Gehälter in Höhe von sieben Millionen Euro. Auch die Homepage des linksliberalen Blattes, die lange wichtigste Nachrichtenseite des Landes war, wurde abgedreht.
Einige Mitarbeiter hatten schon im Februar unentgeltlich den Betrieb der Zeitung, die auf Deutsch „Pressefreiheit“ bedeutet, für zwei Ausgaben wieder aufgenommen. Das haben sie nun ein drittes Mal gemacht, um am gestrigen Samstag, am Vorabend der Parlamentswahl, eine 80-seitige Ausgabe zu publizieren. Finanziert wird das Projekt, an dem 120 Mitarbeiter arbeiten, zum Teil durch Unterstützung von Organisationen, Privatpersonen und durch den Verkaufspreis von 1,30Euro pro Ausgabe.
Mit einer Auflage von 50.000 liegt diese Ausgabe nicht sehr weit unter ihren früheren Auflagenzahlen. Selbst große überregionale Zeitungen brachten es in ihrer Glanzzeit auf nicht viel mehr als 200.000 bis 300.000 Stück. Die nationale Reichweite aller Zeitungen unter Erwachsenen lag laut den World Press Trends 2010, die der Weltzeitungsverband herausgibt, bei 11,7 Prozent (zum Vergleich: in Österreich lag diese im selben Jahr bei 75Prozent).
Vor der Krise zu viele Zeitungen. Dabei kann Griechenlands Medienlandschaft als durchaus vielfältig bezeichnet werden. Bis vor wenigen Jahren hatte das Land im Verhältnis zu seiner Größe überdurchschnittlich viele Tageszeitungen. „Zu viele“, sagt Galatia Vourvouli, die Mitherausgeberin der Online-Zeitung „Protagon“. Die überwiegend boulevardesken Titel seien „nicht vertrauenswürdig“ gewesen, weil sie viel zu leicht an Kredite gekommen sind. Zur Jahrtausendwende befand sich die Medienbranche sogar im Aufschwung. Zwischen 1999 und 2007 erlebte die Branche goldene Jahre; die Werbeeinnahmen wuchsen in dieser Zeit jährlich um acht Prozent, wie die „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet. Die Branche explodierte, sodass es vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 nicht weniger als 13 börsenotierte Medien im Land gab, 26 überregionale Tages- und Wochenzeitungen und zehn nationale Fernsehstationen. Mehr als 8000 Journalisten waren allein beim Athener Journalistenverband angemeldet. Seit mehrere große Tageszeitungen und der ebenfalls börsenotierte TV-Sender „Alter“ eingestellt wurden, sind mehr als tausend Journalisten im Land arbeitslos. Andere arbeiten unentgeltlich, wie die 120 Journalisten, die die gestrige Sonderausgabe der „Eleftherotypia“ auf die Beine gestellt haben.
Dabei hatten Journalisten in Griechenland lange Zeit einen Sonderstatus: Die Gehälter waren besser als in anderen Branchen, die Gewerkschaft war besonders stark. Und auch jetzt ist es noch so, „dass es einen Unterschied macht, ob ein Journalist entlassen wird oder irgendein Angestellter“, sagt Takis Michas, ehemaliger Redakteur der „Eleftherotypia“ und Kolumnist des „Wall Street Journal“. Weil die Gewerkschaft Druck auf die Eigentümer macht, sieht hie und da ein Redakteur noch Geld, grundsätzlich gilt aber: Wo nichts mehr zu holen ist, kann auch die stärkste Gewerkschaft nichts mehr tun.
Reden mit dem Nachbarn. Neben den Auswirkungen der globalen Medienkrise und der besonders miserablen Wirtschaftslage des Landes macht noch etwas anderes die Medienbranche so speziell: „Die Griechen lesen keine Zeitungen“, sagt Michas. „Sie sind ein eher mündlich orientiertes Volk. Auch dem Fernsehen vertrauen die Griechen nicht. Sie reden lieber mit den Nachbarn oder schauen einfach in die Luft.“ Schon früher seien Zeitungen eher im Kaffeehaus gelesen worden als im Abonnement in den eigenen vier Wänden, das habe zu einer traditionell niedrigen Gesamtreichweite der Zeitungen geführt, sagt er. Die größte nationale Tageszeitung des Landes, „Ta Nea“, hat heute eine durchschnittliche Auflage von 45.000 Stück.
In wirtschaftlich harten Zeiten wird zuallererst beim Medienkonsum gespart – oder Nachrichten werden nur mehr online konsumiert. Ein Internetanschluss ist in Griechenland vergleichsweise günstig.
Michas schreibt seit der Einstellung der „Eleftherotypia“ Kolumnen für das Onlinemedium „Protagon“. Seine Kollegin Galatia Vourvouli hat die Meinungsplattform 2009 mit 25 anderen Gesellschaftern gegründet. „Meinungsbeiträge sind in der griechischen Medienlandschaft rar gesät“, sagt Vourvouli, die großen Zeitungen würden vorwiegend Nachrichten publizieren und wegen ihrer Packeleien mit der Politik auf eine eindeutige Meinung verzichten.
Zukunftsmarkt Online. Mittlerweile hat das vor allem unter Akademikern und jungen Leuten beliebte Medium zehn fixe Mitarbeiter und 70 freie Autoren. Regelmäßige Gehälter kassieren sie aber alle nicht. „Wir sind alle an den Einnahmen aus Online-Werbung beteiligt und die teilen wir von Zeit zu Zeit auf“, erklärt Vourvouli das Geschäftsmodell. „Protagon“ hat zwar wenig Geld, kann sich aber über zunehmenden Erfolg freuen: 100.000 Unique Visits (einzelne Besucher) hat die Seite pro Tag, die Leserschaft wächst im Schnitt um 15 Prozent pro Monat. Dieser Erfolg steckt an. Manche von Takis Michas Kollegen wollen es den „Protagonisten“ nachmachen und starten Ende Juni ein eigenes Online-Medium namens „With Signature“.
Beobachter sehen in der mangelnden Meinungsfreude der Medien einen der Gründe dafür, wieso die Menschen im Land die Wirtschaftskrise nicht vorhergesehen haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2012)

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