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„Wir stecken in der digitalen Pubertät“

21.06.2012 | 18:13 |  ANNA-MARIA WALLNER (Die Presse)

Der deutsche Professor Bernhard Pörksen im "Presse"-Interview über die Dynamik des digitalen Skandals, neue Akteure in der medialen Erregungsarena und die Ängstlichkeit der Politik im Angesicht des Shitstorms.

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Die Presse: „Der entfesselte Skandal“ ist Ihr zweites Buch über den „Skandal“. Was fasziniert Sie so an diesem Begriff?

Bernhard Pörksen: Der Skandal ist eine Extremform der Kommunikation, die Normalität offenbart. Man erkennt, welche Normen in einer Gesellschaft gelten. Im Skandalschrei zeigen Einzelne oder ganze Gruppen ihr Verständnis von Normalität, indem sie sagen: „Nein, das darf nicht sein.“

Nun konzentrieren Sie sich auf den Skandal im Netz. Wieso so spät?

Anlass war der Sturz des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler. Er gab auf dem Rückflug von Afghanistan ein Interview, das erst wenig Beachtung fand. Doch dann entdeckten Blogger darin einen Skandal, angeblich eine grundgesetzwidrige Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen. Sie haben seine Sätze weiter gemailt, getwittert, und dann war er da, der Skandal – und Köhler ist zurückgetreten. Diese Geschichte zeigt: Wir brauchen im Zeitalter der digitalen Überallmedien ein neues Verständnis des Skandals. Er ist nicht mehr räumlich und zeitlich begrenzt: Informationen im Netz bleiben auf Dauer erhalten und sind von jedem Ort der Welt aus reaktivierbar. Und es gibt ganz neue Akteure in der Erregungsarena: Bloggerschwärme, die sich über die Doktorarbeit eines Ministers erregen, aber auch der aggressive Mob. Früher konnten nur Medien einen Skandal entfachen, heute kann das jeder. Und nicht mehr nur Mächtige oder Prominente werden zum Objekt von Skandalisierung.

Wo liegt der Ursprung des Skandals?

Bereits in einer mündlich organisierten Kultur gab es lokale Skandale. Sie wurden weitererzählt, es wurde jemand ausgegrenzt. Der Bruch kam mit den Massenmedien: Mit ihnen konnte der Skandal plötzlich ganz andere Aufmerksamkeit bekommen. Die neueste Form ist der digitale Skandal.

 

Worin unterscheiden sich alter und neuer Skandal?

Im massenmedialen System beginnt der Skandal in einer Redaktion, die entscheidet, etwas zu publizieren; am Ende steht das passive Publikum. Im digitalen Skandal können sich die Richtungen und Rollen völlig neu darstellen. Es kann sein, dass Blogger oder Twitterer tun, was früher die klassischen Medien taten, nämlich ein Empörungsangebot anbieten. Wird dieses von vielen Menschen akzeptiert, bildet sich eine Empörungsgemeinschaft, und auch die klassischen Medien greifen den Skandalisierungsvorschlag auf.

Brauchen Online- und klassische Medien einander?

Ja. Effektive Empörung ist darauf angewiesen, dass Massenmedien das Empörungsangebot mit der nötigen Autorität versehen, es ausrecherchieren, analysieren.

„FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher glaubt, klassische Medien hätten „kein Gespür mehr dafür, ob etwas relevant ist“. Hat er Recht?

Ja. Wir sind in einer Phase der Dauerskandalisierung. Derzeit wird das Netz vorschnell zum Problem erklärt, faktisch sind aber alle Medien das Problem. Es gibt einen Wettbewerb zwischen den klassischen Medien und den Netzmedien: Wer kann lauter, schneller, massiver einen Empörungsvorschlag durchsetzen? Das führt dazu, dass das Gespür des Journalisten für Relevanz oft zugunsten des schnellen Skandals vernachlässigt wird.

Im Netz werden oft Lappalien skandalisiert, echte Missstände gehen unter.

Es werden schon auch bedeutsame Geschichten vor einem Weltpublikum ausgebreitet. Etwa die Folterfotos von Abu Ghraib oder die Plagiatsenthüllungen, bei denen Politiker ins Straucheln geraten sind. Aber es gibt parallel dazu die Neigung zur Skandalisierung von Banalitäten. Derzeit wird in Deutschland ein Entwicklungsminister zum Rücktritt aufgefordert, weil er einen Teppich aus Afghanistan eingeführt hat, ohne ihn zu verzollen. Solche Fälle zeigen, dass das Gespür für Relevanz beeinträchtigt wurde. Früher war die Öffentlichkeit eine Sphäre der Information; heute ist sie auch ein Ort für Erregungsexperimente, Motto: Regt sich jemand mit mir auf, dann hat das Experiment funktioniert; wenn nicht, dann ziehen wir unseren Empörungsvorschlag zurück und bringen die nächste Geschichte.

Sind Shitstorm und digitaler Skandal dasselbe?

Der Shitstorm ist ein netzinterner Empörungsorkan, der sich zu einer Skandalisierung auch offline steigern kann. Er ist die aggressive Vorstufe einer Skandalisierung.

Sie schreiben, ein digitaler Skandal dauert bis zu acht Wochen.

Eine Empörung, die über sieben Wochen hinausgeht, ist ungewöhnlich. Danach wendet sich das Publikum ab. Doch häufig machen die Skandalisierten selbst Fehler. Wenn der Umgang mit dem Skandal zum eigentlichen Skandal wird, nennen wir dies eine Grenzüberschreitung zweiter Ordnung. Klassische Beispiele sind Ex-Minister Guttenberg und Ex-Präsident Wulff.

Wie entkommt man einem Shitstorm?

Man gesteht den Fehler ein und bittet mit einer ernsten Geste um Entschuldigung.

Und wenn man sich unschuldig fühlt?

Das wird oft als arrogant wahrgenommen, und das kann die Empörung erneut anheizen. Die Demutsgeste ist ein wirksames Mittel zur Ad-hoc-Entschärfung. Überdies kann man darauf hoffen, dass nach ein paar Tagen alles vorbei ist. Meine Empfehlung: Jeder braucht heute eine eigene Medienstrategie – und muss sich überlegen, was er von sich im Netz preisgibt.

Sie meinen, dass nur wenige diese Medienkompetenz haben...

Ich glaube, wir sind in der Phase der digitalen Pubertät. Wir können uns die mögliche Zukunft unserer Handynachrichten, Facebook-Postings und Tweets nicht vorstellen. Das wird wohl auf Dauer ein Problem bleiben. Wir können unser Bewusstsein schulen, aber die mögliche Zukunft unserer Daten kann niemand vorhersagen. Deshalb haben wir den etwas resignativen Imperativ formuliert: „Handle stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nutzt.“

Wäre es eine Lösung, gar nicht im Netz zu agieren oder mit Fantasienamen?

Wie soll das funktionieren? Jeder trägt heute Allzweckwaffen der Skandalisierung am Körper, man nennt sie nur anders: Fotohandys zum Beispiel, Smartphones.

Die Piraten fordern völlige Transparenz im Netz. Können sie besser mit diesen Gefahren umgehen?

Nein. Sie verkörpern zwar das Idealbild des transparenten Politikers, twittern permanent, sind fortwährend auf Sendung. Sie verstehen zwar das Netz, aber nicht die Sensationsgelüste der Mediengesellschaft. Einzelne twittern ihr Stammtischgegröle über die Frauenquote und nennen sie „Tittenbonus“ oder vergleichen das Wachstum der eigenen Partei mit dem Aufstieg der NSDAP.

„Zeit“-Chef Giovanni di Lorenzo sieht Journalisten heranwachsen, die aus Angst vor dem Shitstorm im Netz meinungsscheu sind. Sehen Sie das auch?

Nein. Nicht im Journalismus. Aber in der Politik. Dort sehe ich eine neue Ängstlichkeit im Angesicht des Shitstorms.

In Ihrem Resümee schreiben Sie, Sie wollen die beschrieben Entwicklungen nicht bewerten. Warum nicht?

Es gibt im Moment eine völlig absurde Frontenbildung zwischen Technikeuphorie und –pessimismus. Auf der einen Seite heißt es: „Das Netz ist gut!“ Auf der anderen Seite: „Das Netz ist böse!. Dabei geht es eigentlich darum, dass wir mündiger werden im Umgang mit diesen neuen Technologien. Zudem versuchen wir (Pörksen hat das Buch gemeinsam mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Hanne Dettel verfasst) empirisch zu zeigen, dass dieser entfesselte Skandal zwei Gesichter hat: Mal ist er nur grausames Spektakel, dann wieder dringend benötigte Aufklärung. Meine Hoffnung ist, dass sich ein stärkeres Gespür für Relevanz, Brisanz und Glaubwürdigkeit von Information ergeben könnte.

 

Buch und Autor

Bernhard Pörksen (Jhrg. 1969) ist Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen. Mit Hanne Detel, wissenschaftl. Mitarbeiterin, hat er soeben das Buch „Der entfesselte Skandal“ (Herbert von Halem Verlag, 250 Seiten) veröffentlicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2012)

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7 Kommentare
Gast: Spiegelbild...
22.06.2012 11:15
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Die Virtualität des Internet ist das Spiegelbild der Realität!

Die Phase der Pubertät ist schon lange vorbei, die war zu Ende als das Kapital die Gefahr dieses Netzes erkannte und massivste sowie nachhaltig mit der Zerstörung begann, wo irgendwelche kleinkarierten möchtegern Kaiser schon mal eine Spur der Zerstörung so hinterlassen das hernach garantiert nichts mehr wächst.

Wikipedia ist ein schönes Beispiel, wie schnell es dort ging das Strukturen der Realität sich dort festigen, und heute Standard sind, wenn heute darüber nachgedacht wird, dieses Werk für künstliche Intelligenz zu verwenden, und das mit Schnellöschanträgen und Relevanzkriterien dann kann nicht mehr herauskommen als ein hoffnungsloser Fall für eine Psychiater.

Wer ein bißchen tiefer in die Materie hineinsieht, ein grundlegendes Strukturproblem das nie behoben wurde führt nicht nur zu einem enorme hohen Energieverbrauch sondern ist gerade dabei den ganzen Planten in den Abgrund zu reißen, interessant dabei ist der Weg von er Virtualität in die Realität.

Faszinierend ist aber auch was sich der Mensch gefallen läßt des Netzes wegen, wenn ich jemanden in der Realität ein "Watschen" gebe, beschäftigen sich zu recht die Gerichte, im Namen der Virtualität lassen sich ganze Nationen Virtuell Niederprügeln ohne auch nur murks zu sagen.

Skandale am Rand, ohne auf das Thema einzugehen, faszinierend wie ohne das auch nur irgendwer ernsthaft aufschreit jährlich über eine milliarden Euro verpulvert werden in Wien, ohne das daraus auch nur irgendwer einen Nutzen hat.

Gast: Interessante Sichtweise...
22.06.2012 10:46
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Weil einer gerechter ist als gerecht...

Sollte man einen Teppich nicht so tragisch nehmen, wenn das ein "normaler" Bürger macht, gibt es eine ganze Kaskade an Gesetzten und Strafen die ihm klar machen, das das nicht geht, weil er Politiker ist, ist das nicht ganz so tragisch, wie oder was...

Der Protest ist zu Recht, ein Politiker hat als Vorbild für alle zu dienen, und das ist er definitiv nicht, daher zu recht, der Protest und die Aufforderung das Amt zu verlassen!

Kein Anständiger Politiker macht derartiges, noch dazu wo er vom Volk bezahlt wird!

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digitaler Skandal und Shitstrom ... wie arrogant

... was ist mit einfach Demokratie ?

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ein klein wenig naiv

Vielleicht sollte man kurz darauf hinweisen, dass das Internet nicht mehr so "frei" ist, wie es scheint. Hier spielen die Big Guys ordentlich mit, wenn es um Meinungsmache, Shit-Storms und dergleichen geht. Früher waren es bezahlte Agitatoren, die für die "richtige" Stimmung in Gruppen oder Friedensbewegungen sorgten. In den 1950ern begann das FBI-Programm systematisch "staatsfeindliche" Gruppierungen zu unterwandern. Auch wenn das Programm in den 1970ern eingestellt wurde, der Einfluss "nicht-bürgerlicher" Organisationen ist enorm. In den Medien genauso wie im Web.

digitale Pubertät

ist noch vornehm ausgedrückt für dieses Chaos das sich Internet nennt ,mit dem manche im Glauben sind die Welt neu erfunden zu haben
einzig schneller gemacht wurde sie damit ,besser noch lange nicht
Facebook & Co sind ja drauf und drann,den verblendeten Eltern auch die Kinderbetreuung abzunehmen
Timeline ,damit aus den lieben Kleinen auch gute Konsumtrottel werden ,gut überwacht und gesteuert

Antworten Gast: gastnamen
22.06.2012 03:35
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Re: digitale Pubertät

Schön, dass Sie online Zeitung lesen, Artikel kommentieren und damit unzufrieden sind.
Der Umgang mit dem Netz ist wie mit Alkohol, man kann ihn ge- oder missbrauchen.
Die große Aufgabe für die Zukunft wird sein, unserer Bevölkerung einen vernünftigen Umgang mit den neuen Technologien zu vermitteln. Wobei ich schon jetzt riesigen Nachholbedarf sehe und ohne generelles Wissen über die Funktionsweise dieser wird das wohl nichts werden.
In den Zeitungen quer durch Europa wenn nicht sogar quer durch die Welt wurde z.B. über die Entschlüsselung einer 923 Bit Verschlüsselung berichtet. Jedoch haben Verschlüsselungen durch das Binäre Zahlensystem 128, 256, 512, 1028, 2048 Bit Verschlüsselungen und außerdem der Algorithmus machts. Lt. CCC wurde noch nie eine AES256Bit Verschlüsselung geknackt. Jedoch gibt es nur 100%ige Sicherheit in autonomen EDV-Systemen ohne Fremdeinfluss...

Ich bezeichne mich als ebenfalls digital pubertär, obwohl ich wahrscheinlich mehr Wissen als 99,5% der Bevölkerung besitze und als IT-ler keinen vernünftigen Job finde. (keinen Abschluss)
Und die Wirtschaft muss den Admins für Ihre Ehrlichkeit danken, denn wenn diese rebellieren wirds lustig.
Jedoch kann man sich ab einem gewissen Wissenslevel nahezu zu allen Themen der IT durch das Netz bilden und dies ist der wichtigste Teil, die Menschen müssen lernen, sich Wissen zu erarbeiten, dann ist man am richtigen Weg.
There are 10 types of people in the world: Those who understand binary, and those who don't

Re: Re: digitale Pubertät

schönen Dank erst mal für die Antwort
Pessimist bin ich keiner und das Internet sehe ich per se nicht als schlecht ,ganz im Gegenteil wenn es wie Sie selbst schreiben vernünftig angewandt wird
genau daran haperts m.E. z.Zt. aber ziemlich, weil die Industrie dahinter mit der Unvernunft des Menschen rechnet
wie es im Moment aussieht entwickelt sich hier ein gewaltiger Überwachungs-und Kontrollmechanismus von dem selbst Orwell überrascht wäre
ich bin ein älteres Semester ,von daher nicht ganz so blauäugig wie ich es von der nachkommenden Generation erlebe ,die jeden Hype erst mal für voll super erklärt
die Gefahren die das digitale Leben mit sich bringen seh ich durchaus und meinen Enkeln wünsche ich nicht ,nur mehr Teil einer gesteuerten Masse ohne den Funken persönlicher Freiheit zu werden
in der Hoffnung das diese technische Evolution in die richtige Richtung geht
m.f.G.