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Youtube-Filmer

21.07.2012 | 17:38 |  von Norbert Mayer (Die Presse)

Die Omnipräsenz von Youtube-Filmern und Überwachungskameras ist eine heikle Sache. Für manche Opfer aber kann es günstig sein, dass heute fast alles an den Tag kommt.

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In Oberkärnten gab es unlängst eine delikate Variante von George Orwells Drohung „Big brother is watching you!“ Ein lokaler Politiker hatte sich im Wald mit einer gleichgesinnten Liebhaberin des Freiluft-Sex vergnügt, das Pärchen hatte aber übersehen, dass ihr Tun von einer Wildkamera aufgezeichnet worden war. Riesiges Gelächter im ganzen Land und große Aufregung im „Lond“. Ein Oberjäger legte in einem Bezirksblatt Wert auf die Feststellung, dass er persönlich solche Kameras nicht verwende und dass man die private Nutzung derartiger Geräte eigentlich verbieten solle. In gewisser Hinsicht hat er recht. Die flüchtige Liebe im Wald war offensichtlich nicht als öffentliche Darbietung gedacht. Wer dieses Video ins Netz stellt, verletzt die Persönlichkeitsrechte, die Intimsphäre.

Manchmal aber kann der Große Bruder Öffentlichkeit auch positiv wirken, wie ein Beispiel aus Großbritannien zeigt: Ohne Videokameras wäre der Fall Tomlinson wohl vertuscht worden. Dieser Zeitungsverkäufer war 2009 bei Demonstrationen zum G20-Gipfel in London als Unbeteiligter ums Leben gekommen. Ein Herzinfarkt, hieß es anfangs von den Behörden gegenüber den Angehörigen. Dann tauchte ein Video auf, das The Guardian auf seiner Homepage ins Netz stellte. Nun reagierte eine Polizeikommission, besuchte die Tageszeitung und bat, dass man den Clip von der Website nehmen sollte. Er könne die Ermittlungen gefährden.

Der Grund war wohl ein anderer. Auf dem Video war zu sehen, dass Tomlinson von einem Polizisten geknüppelt und niedergestoßen wurde, als er sich von der Demo entfernte. Die Obduktion ergab, dass die Leiche Spuren eines Hundebisses aufwies. Im Magen befanden sich drei Liter Blut. Da half der Exekutive kein Leugnen mehr, auch nicht, dass Londons Bürgermeister „an orgy of cop bashing“ tadelte. Der Täter hatte sich inzwischen ohnehin gestellt, nachdem er den Clip gesehen hatte.


12.000 Video-Stunden. Erstaunlich scheint der Umfang des Materials, das nun ausgewertet wurde, wie The Guardian berichtet: 200 befragte Zeugen sind ansehnlich, die Zahl erscheint aber klein im Vergleich zum Videomaterial, das von der Polizei gesammelt wurde: 12.000 Stunden von CCTVs, Mobiltelefonen und anderen Maschinen. Der Fall zeigt, dass Überwachung alle betrifft, auch die Überwacher. Für Letzteres gibt es einen neuen Begriff: Sousveillance. Die Kraft der Bilder, die sich gegen die Kontrolleure richtet, hat sich zuletzt in Syrien gezeigt. Alle Welt, vor allem die Syrer selbst, konnten beinahe live miterleben, wie Präsident Assads Regime blindwütig mordet. In diesem Falle kann man nur wünschen: Schaffen wir noch viel, viel mehr Sousveillance! Es muss ja nicht im Kärntner Wald sein. Aber bei mancher Intimität im EU-Rat wären Kameras doch verlockend.

norbert.mayer@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)

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